Die Macht des Ornaments – Eine Ausstellung in der Orangerie des Unteren Belvedere

Jan 28 • Ausstellungen, Belvedere, Deutsch, Museen, Podcast, Video, Wien, Österreich • 5754 Views • Keine Kommentare

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Im Jahr 1908 veröffentlicht Adolf Loos unter dem Titel “Ornament und Verbrechen” eine Streitschrift in Sachen moderner Architektur. Das Ornament sei überflüssiger, Kosten verursachender Zierrat, Ausdruck kultureller Rückständigkeit, wie sie sich bei Naturvölkern finde, und des modernen Menschen unwürdig. “Die barbarischen Zeiten” schließt der Architekt “sind endgültig vorbei”.

Nur wenige Jahre später zeigt Siegfried Kracauer, dass auch die moderne auf Nützlichkeit und Rationalisierung abzielende Zeit an ihrer Oberfläche Ornamente hervorbringt. Es handle sich um Ornamente der modernen Massengesellschaft, Verbildlichungen des modernen Lebens und seiner Wirklichkeiten. Das Ornament wird von den Massen, die es hervor bringen, nicht mitgedacht. Es entsteht über ihnen. Sie bringen es nicht bewusst zu Stande, darin gleiche es “den Flugbildern der Landschaften und Städte, daß es … über ihnen erscheint.”

Für Kracauer, den Beobachter der Oberflächenerscheinungen modernen Lebens, ist das Ornament im Gegensatz zu Loos etwas, das nicht beiseite geschoben werden darf. Als Reflex modernen Daseins sei es lesbarer Ausdruck gesellschaftlicher Strukturen und müsse als Chance begriffen werden, hinsichtlich der Lebensbedingungen Vernunft an zu nehmen und Konsequenzen zu ziehen. Schaue der moderne Mensch jedoch durch das Ornament nicht hindurch auf die Lebensbedingungen, deren Reflex es ist, und verweigere sich ihrem Erkenntnisgehalt, so werde er der Gewalt quasi naturhafter Mächte, die unser modernes Leben bestimmen – Mächte kapitalistischer Rationalisierung – von neuem Untertan.

Der von Kracauer vorgeschlagene Weg, durch das Ornament hindurch Bedingungen des Lebens lesbar und kritisierbar zu machen, wurde nach der Looschen Verteufelung auch in der Kunst lange Zeit nicht gegangen. Mit der Ausstellung “Die Macht des Ornaments” in der Orangerie des Belvedere in Wien zeigt die Kuratorin Sabine B. Vogel jedoch auf, dass in der zeitgenössischen Kunst der letzten Jahre eine Bewegung eingesetzt hat, die die von Kracauer im Ornament verortete Chance aufnimmt und das kritische Potential seines Weges ersichtlich macht.

In den Arbeiten von Künstlern wie Adriana Czernin, Brigitte Kowanz, Sarah Morris, Raqib Shaw, Aisha Khalid, Mona Hatoum oder Parastou Forouhar spricht das Ornament auf verschiedenen Ebenen. Ebenen der Körperlichkeit, des Eros, der Gewalt, der kulturellen Unterschiede, der Rhythmen modernen und traditionellen Lebens und zeigt seine verführerische Kraft, hinter einer Mauer abstrakter Schönheit tiefer liegende Schichten zu berühren.

Gemeinsam ist den Künstlern, dass sie das Schönheitsmoment der Zier gezielt anwenden. Ornament entpuppt sich in der Ausstellung nicht als hohles Dekor, sondern als Sinnbild des kollektiven Seins, das es zu lesen, und dessen Macht es für Kritik und Auflehnung zu verwenden gilt. Es zieht den Blick des Betrachters auf sich. Es ist Verlockung. Es fordert auf hinzusehen, um im Detail kollektive Muster der Normung, der Brutalität und der Unterdrückung von Andersheit zu entlarven. Die “aus der Gemeinschaft ausgeschiedenen Menschen, die sich als Einzelpersönlichkeiten mit einer eigenen Seele wissen, versagen bei der Bildung der neuen Muster.” heißt es bei Kracauer – hinsehen statt wegsehen fordert die “Die Macht des Ornaments” in der Orangerie des Belvedere. (wh)

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