Utopie und Monument – Über die Gültigkeit von Kunst zwischen Privatisierung und Öffentlichkeit.

Okt 7 • Ausstellungen, Englisch, Festivals, Graz, Interviews, Podcast, Steirischer Herbst, Video, Wien, Österreich • 208 Views • Keine Kommentare

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Welche Gültigkeit kann Kunst zwischen Privatisierung und Öffentlichkeit erlangen? Ein Ausstellungsprojekt im Festival neuer Kunst “Steirischer Herbst”, kuratiert von Sabine Breitwieser, Chefkuratorin für Medien und Performance Kunst am New Yorker MOMA.

Der öffentliche Raum ist Kampf- und Schauplatz von Vorstellungen und Ideen, die einer Gesellschaft glaubenswert erscheinen, mit etwas Distanz betrachtet veröffentlicht er auch, was in dieser Gesellschaft mitgetragen und unbedacht bleibt. Man kann in ihm lesen, wie in einem Relief, oder ihn befragen wie einen Zeitzeugen nach Geschichte, denn er legt bewusste und unbewusste Regelmäßigkeiten und Strukturen an den Tag.

In Zeiten, in denen der gemeinsame Glaube an Ideen besonders stark ist, werden in den öffentlichen Raum Zeichen dieser Glaubwürdigkeit gesetzt. Monumente, die den Glauben greifbar machen. Monumente, die vor der zerstörerischen Kraft des Glaubens warnen. Monumente, die von der erfolgreichen Verdrängung anderer Glaubwürdigkeiten künden.

Der Verlust der Glaubwürdigkeit der großen Ideen hat sich als Übernahme des öffentlichen durch das Private in den öffentlichen Raum gezeichnet. Dem Monumentalen, das Gemeinschaftliches verkörpert, steht im öffentlichen Raum weniger Platz zur Verfügung. Die neuen Denkmäler folgen einer Logik des Kommerz. In Raumaufteilung und Platznahme spiegelt sich konsumwirtschaftliche Kraft – Kreidetafeln mit Menüfolgen, Werbeplakate für Saisonmode, Zeltstädte für Firmenveranstaltungen, gesperrte Städte für Großevents.

“Zwischen den Einkäufen genießen sie das Schauspiel des steten Zerfalls der Komplexe, denen sie angehören. … Umspülte das Mittelmeer die Avenue, ihre Läden könnten nicht fensterloser sich öffnen. Ein Warenstrom entquillt ihnen, der zur Stillung der kreatürlichen Bedürfnisse dient; er klettert an den Fassaden empor, unterbricht sich auf Straßenbreite und schnellt dann jenseits des Querstrudels der Passanten mit doppelter Gewalt in die Höhe. … Den Plan hat niemand ersonnen, nach dem die Elemente des Getriebes das Linienwirrwarr in den Asphalt kritzeln, es gibt keinen solchen Plan, die Ziele sind in den einzelnen Partikelchen verschlossen und das Gesetz des kleinsten Widerstandes weist den Kurven die Richtung.” (S. Kracauer).

Mit dem Verfall der großen Erzählungen hat der Verkauf des öffentlichen Raumes als Straßenverkauf voll eingesetzt. Was Platz greift ist wenig utopisch und ebenso wenig monumental, in seinem Raumanspruch jedoch nicht weniger hungrig und als diversifiziertes Geschehen besonders durchsetzungsfähig.

Unter dem Titel “Utopie und Monument” hat Sabine Breitwieser für das Festival “Steirischer Herbst” ein auf zwei Festivaljahre ausgelegtes Programm konzipiert, mit dem sie Kunst in die Diskussion um den öffentlichen Raum schickt. Dabei wird im Straßenbild, verstanden als gesellschaftliche Selbstausstellungsfläche, nach Mustern gesucht, die Unausgesprochenes offen legen, gleichzeitig wird der Bewegungsraum von Kunst für öffentliche Stellungnahmen sowie ihre Konkurrenzfähigkeit im Streit um die Mangelware öffentlicher Raum erprobt.

Eingeladen wurden vierzehn internationale Künstler um der Frage nach der Gültigkeit von Kunst zwischen Privatisierung und Öffentlichkeit nachzugehen. Teil zwei von Utopie und Monument folgt im Herbst 2010. (wh)

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