Helmut Grill – Sein oder Schein

Okt 14 • Deutsch, Englisch, Podcast, Portraits, Video, Wien, Österreich • 2045 Views • Keine Kommentare

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Als Künstler reizt Helmut Grill die Komplizenschaft zwischen Bildermacher und Betrachter aus. Ein Portrait.

In unserer Hightech-Zeit ist das Verhältnis zwischen Künstler und Betrachter kompliziert. Die stille Übereinkunft, Misstrauen gegenüber dem Gesehenen und seiner etwaigen Manipulation aufzuschieben, da die künstlerische Intention ohnehin darin bestehe, eine Art Wahrheit aufzudecken, ist einer allgemeinen Lust am Manipulierten gewichen. Manipulation lässt die Welt besser, sexier, schockierender, anziehender wirken und die allgegenwärtige Digitalisierung hat die Möglichkeit vervielfacht, das fotografische Abbild nachzujustieren. In Werbung, Kunst und auch im privaten Photoalbum – Digitalisierung schafft Raum für Verbesserung.

Der Künstler Helmut Grill hat mehrere Jahre im Bereich fotografischer Manipulation gearbeitet. In frühen Zeiten war die Verbesserung von Abbildern kompliziert und die notwendigen Hilfsmittel nahmen ganze Räume in Anspruch. Heute ist digitale Bildbearbeitung Standard auf jedem Computer, und wenige Photos verlassen den digitalen Raum unretuschiert. Diejenigen, die es im digitalen Retuschefach zu fortgeschrittenen Fähigkeiten gebracht haben, beliefern unsere Medienwelt mit jenen Bildern, die sensationeller und damit auch wirklichkeitsfähiger sind – und finanziell wertvoll. Trotz unseres Wissens um die weiterentwickelten Möglichkeiten digitaler Bildbearbeitung nehmen wir weiter gerne am Spiel ‘zu Glauben was wir sehen’ teil. Gebotenes wird immer reizvoller und viel versprechender und will um des Anreizes willen nicht hinterfragt sein, wer anders denkt erfreut sich daran herauszufinden was real wirkt und was nicht.

Als Künstler treibt Helmut Grill diese Herausforderung voran. Anstatt durch digitale Veränderung das Bild für unsere Augen genießbarer zu gestalten, schafft er Bilder die stören, provozieren und unsere Komplizenschaft mit der Bilderwunschwelt in Frage stellen: Seine Serie “Alphapeople” portraitiert Gesichter, zusammengestellt aus nicht zusammengehörigen Gesichtsteilen und befragt unsere Einbildungskonventionen von Schönheit. Die “Arstarte” Reihe platziert Softporn-Pinups vor dem Hintergrund einer Kriegsszenerie und unterbricht damit die verführerische Verkaufslogik solcher grundlegender Werbesujets. Mit “Relations” wiederum hat der Künstler eine interaktive Möglichkeit geschaffen, mittels Mausklick den visuellen Vergleichs typischerweise veränderter Proportionen in Photos anzutreten und den unmerklichen nichts desto trotz wesentlichen Einfluss kleiner Veränderungen sichtbar zu machen – eine Technik, die normalerweise in der Werbung zur Anwendung gelangt.

In seiner jüngsten Arbeitsphase richtet der Künstler seine Aufmerksamkeit auf Häuser und Landschaften. Wie bei seinen menschlichen Subjekte, existiert auch keine seiner Behausungen wirklich. Aus verschiedenen Fragmenten zusammengefügt bilden sie eine befremdliches, surreales Universum das zugleich anzieht und abstößt. Ihre Fassaden sind bedeckt mit Slogans in Form von Neonschriften, Posters und Graffities, die eine verblüffende zugleich aber auch gefährliche Welt andeuten. Mit dieser Serie ist Helmut Grill einen Schritt weiter gegangen, aus der Zweidimensionalität der Bilder heraus hat er dreidimensionale Modelle produziert. Wie bei den nachjustierten Fotos, wird die Einbildung des Betrachters stimuliert – auf Gedeih und Verderb. (jn/wh)

Ein Teil der Aufnahmen wurde im Rahmen der Ausstellung “share your dreams – young art from the EU” der Gallerie Suppan gemacht. Herzlichen Dank an die Galerie!

Dieses Künstlerportrait wird unterstützt durch den Kunstverein CastYourArt.

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