tanzimat – Gegenwart ist der Ort von Geschichte

Jan 27 • Augarten Contemporary, Ausstellungen, Deutsch, Interviews, Kunsträume, Podcast, Video, Wien, Österreich • 1830 Views • Keine Kommentare

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Wo und wie wird eigentlich Geschichte gemacht und warum bleiben manche Bilder von dem was war so nachhaltig in unseren Köpfen haften? Ein Beitrag zur Ausstellung „tanzimat“ im Augarten Contemporary in Wien.

Der Fez, ein karminroter, kegelförmiger, oben abgeflachter Hut mit goldener Quaste – man kennt ihn beispielsweise vom Meinl Logo – verbinden wir in unserer Vorstellung meist mit einer längst vergangenen, orientalischen Welt. In Wirklichkeit wurde dieser Hut erst spät, im 19. Jahrhundert unter Sultan Mahmud II im Zuge der Modernisierung des türkischen Staatswesens zur charakteristischen Kopfbedeckung der Osmanen. Als deutlich sichtbares Zeichen einer neuen Zeit löste er den Turban als die traditionelle Kopfbedeckung osmanischer Staatsbediensteter ab. Mit der Entwicklung des synthetischen Farbstoffs Anilin verlor die marokkanische Stadt Fes, die bis dahin den Handel mit der zur Färbung verwendeten Kermes Schildlaus beherrscht hatte, ihr Monopol auf die Produktion der Fes Hüte. Ein österreichisches Unternehmen entwickelte sich daraufhin zum weltweit wichtigsten Fez Produzenten bis im Jahr 1925 unter Kemal Atatürk, dem ersten türkischen Präsidenten, im Zuge einer weiteren Modernisierungswelle das Tragen des Fes als ein Zeichen der Rückständigkeit verpönt und schließlich verboten wurde.

Der Werdegang dieses einfachen, klischeebehafteten Gegenstands spiegelt komplexe historische Prozesse wider. Nicht nur Veränderungen des osmanischen Reiches, sondern Prozesse der Modernisierung insgesamt. Geschichte wirkt und entwickelt sich nicht entlang präziser Schnittlinien des Gegensätzlichen. Sie lässt sich nicht abspulen als ein Wechselspiel zwischen Ost und West, zwischen Unterdrückten und Emanzipierten, zwischen Einheimischen und Fremden oder moderner und traditioneller Welt. Geschichte kennt viele Schnittpunkte, Zusammentreffen und Unterbrechungen. Man sollte deshalb nicht vergessen, dass Geschichte sich Perspektiven verdankt, aus denen sie uns vor Augen geführt wird und Absichten, mit denen man sie erzählt – der englische Begriff „history“ ist da deutlicher.

In der Ausstellung „tanzimat“ im Augarten Contemporary erscheint das Streitobjekt Fez in „Carousel“, einer Arbeit der türkischen Künstlerin Esra Ersen. Für diese Arbeit hat Ersen mit Studenten unterschiedlicher Herkunft an der Kölner Hochschule zusammengearbeitet und sie gebeten, aus Ton Modelle „typischer“ Türkenköpfe herzustellen. Der rumänische Künstler Viktor Man wiederum stellt einer von ihm als Kind gemalten Zeichnung des gegen die Türken kämpfenden Michael der Tapferen konzeptuelle künstlerische Arbeiten gegenüber, die sich auf die selbe historische Periode beziehen. Fez bezogene Bilder von Türken finden sich auch in der Arbeit „Trophäen“ des österreichischen Künstlers Franz Kapfer. Dieser bedient sich jedoch nicht der Kinderzeichnung, sondern nutzt Reproduktionen von Trophäenbildern, wie sie noch heute in der spanischen Hofreitschule in Wien zu sehen sind.

„tanzimat“, der Name der Ausstellung im Augarten Contemporary, bezieht sich auf eine von 1839 bis 1876 dauernde Reformperiode – der Tanzimatzeit – während der die Staatsstrukturen des osmanischen Reichs modernisiert, bürgerliche Freiheiten erweitert und zahlreiche technologische, soziale und finanzielle Reformen durchgeführt wurden. Anders als der Begriff für die gleichnamige Reformperiode wurde der Titel der Ausstellung in Kleinbuchstaben geschrieben. Ein Hinweis darauf, dass mit der eigentlichen Bedeutung des Wortes – „Anordnung“ bzw. „Neuordnung“ – nicht so sehr die historische Periode im Blickfeld steht als vielmehr die konkrete Ausstellung und unsere Zeit, als perspektivischem Blickwinkel auf die Geschichte.

Eingeladen wurden Künstler unterschiedlicher europäischer Herkunft – Türken, Rumänen, Bulgaren, Griechen und Österreicher –, um den Prozess der „Anordnung“ und „Neuordnung“ von Geschichte in Frage zu stellen und mit ihrer eigenen Geschichte zu konfrontieren. Parallel entwickelt zur Ausstellung „Prinz Eugen von Savoyen“ im Haupthaus des Museums Belvedere, ist die Ausstellung „tanzimat“ im Augarten Contemporary ein Blick auf die Vergangenheit unter der Perspektive ihrer kontinuierlichen Neuordnung im Zeichen der Modernisierung. (jn/wh)

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