Augenschmaus – Vom Essen im Stillleben

Feb 10 • Ausstellungen, Bank Austria Kunstforum, Channel, Deutsch, Interviews, Kunsträume, Podcast, Portraits, Video, Wien, Österreich • 2448 Views • Keine Kommentare

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Wenn das Auge mit isst, muss man damit rechnen, mehr vor Augen geführt zu bekommen als nur Essen? Ein Beitrag zur Augenschmaus Ausstellung im Bank Austria Kunstforum in Wien.

Die Tatsache, dass wir bei der Nahrungsaufnahme die Dinge in Augenschein nehmen, birgt kulturelles Potential. Der Mensch frisst nicht, sondern er isst, nicht zuletzt weil und sofern er Wert legt auf das Aussehen dessen, was er sich einverleibt. Essen wird so zubereitet, dass die Farben erhalten bleiben, es wird geschmückt, es wird drapiert, es wird – Deckel auf! – präsentiert, es wird zelebriert. Wie die Austellung im zeigt, steigert die sinnliche Wahrnehmung durch das Auge den zu erwartenden Lustgewinn oder schnürt uns, vor allem wenn sich das Gesehene als zu lebendig oder offensichtlich tot erweist, die Kehle zu.
 
Nicht nur über die Qualität der Nahrungsmittel informiert uns das für den Blick zugerichtete Essen. Der Blick ist auch weitaus zugänglicher fürs Symbolische als beispielweise Nase oder Gaumen. Unser Blick fügt leicht etwas hinzu, er merkt etwas auf die Dinge auf, er haftet ihnen etwas an, etwas, das sie nicht von vornherein an sich tragen. Wenn das Auge mit isst, liegt es deshalb nahe, dass uns mit dem Essen zusätzliches serviert oder eben vor Augen geführt wird. Das Lamm, der Hase, Wein Salz und Brot, da geht es offensichtlich nicht nur um Essen und den Genuss. Die Zugänglichkeit des Blicks für Symbolisches, Erzählerisches, nicht nur für das Objekt, spiegelt sich auch in den künstlerischen Sujets wider, die Essen darstellen, allen voran dem Stillleben.

Ein Fasan auf einem Intarsien-Tischchen, daneben ein Hummer und das Ganze umgeben von Silberschalen voll mit frischen Zitrusfrüchten. Da wird zwar potentiell Essbares gezeigt, doch geht es wohl eher um die Repräsentation von Reichtum. Lange Zeit auch war die Darstellung von Esswaren eingebettet in einen religiösen Kontext und dessen Ikonografie und damit der Apfel eben nicht einfach nur Boskop, Grafensteiner oder Grany Smith, sondern Erinnerung an das Verführerische und dessen Konsequenzen für den Menschen.
 
Die Lust, einfach hinzulangen, lässt sich mit schön dargebotenem Essen, mit Essen, das für Reichtum, Genuss, Exklusivität steht, wecken, dieser Tatsache bedient sich auch das barocke Vanitas-Stillleben. Was auf den ersten Blick frisch und fruchtig aussieht, erscheint auf den zweiten Blick alt, verrunzelt, dem Tod und der Verwesung nahe. Mit dem Augenschmaus wird im Vanitas-Stillleben die moralisch-pädagogische Keule ausgepackt. Die reifen Früchte stehen schon am Zenit ihrer Schönheit, ab jetzt kann es nur mehr abwärts gehen. Misstrau der Lust, sie ist vergänglich und verführt – Essen also, serviert zum Zweck der Gemahnung an Vergänglichkeit und Tod.
 
Nicht immer sind die Essensdarstellungen in der Kunst erzählerisch. Die Konzentration des Künstlers mit dem Stillleben auf das was in anderen Darstellungen lange Zeit nur schmückendes Beiwerk war gibt auch die Freiheit, unabhängig von symbolischen Aussagen und Erzählung weckender Bildsprache zu arbeiten. Zwiebeln auf einer Anrichte oder ein Bund Spargel – je weniger bedeutend das Objekt, desto weniger wird der Künstler und dessen Kunst zum Botschafter von etwas, das nichts mit Malerei zu tun hat.
 
In der Präsentation von Essen kann sich die Ablehnung des Künstlers zeigen, sich als Botschafter für etwas missbrauchen zu lassen, das jenseits der Kunst liegt, häufiger aber ist das dargestellte Essen ein Zeichen für die Themen der jeweiligen Zeit, ihre religiösen Botschaften, ihre Moral, ihre Ungleichheiten. Das künstlerisch für das Auge präsentierte Essen warnt vor unvorsichtiger Einverleibung, vor dem Gedankenlosen hinunterschlingen, es fordert Nachdenklichkeit und äußert manchmal deutlich, manchmal auch versteckt Kritik – an den Geschlechterverhältnissen, am Streben nach Reichtum, an der Ausrichtung am Schönen.
 
Was uns vor Augen geführt wird, wenn das Auge mit isst, dem geht die Ausstellung „Augenschmaus – Vom Essen im Stillleben“ im Bank Austria Kunstforum nach. Gezeigt werden Hauptwerke der Darstellung von Essen vom 16. Jahrhundert bis in die Gegenwart, Arbeiten von Arcimboldo über Aertsen, van Gogh, Cézanne, Picasso, Braque, bis hin zu Hirst, Lassnig und anderen, zusammengetragen von über sechzig Leihgebern. Geöffnet ist die Ausstellung vom 10. Februar bis zum 30. Mai. Das fachkundige Kommentar zum Augenschmaus in unserem Beitrag steuern Heike Eipeldauer, Kuratorin der Ausstellung, bei sowie Christian Petz, einer der besten und mehrfach ausgezeichneten Köche Österreichs. (wh)

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