Peter Baldinger – Interface

Okt 22 • Deutsch, Podcast, Portraits, Video, Wien, Österreich • 2627 Views • 1 Kommentar

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Oft wird gesagt, jedes Portrait sei in gewisser Weise ein Selbstportrait und jeder Maler male sich selbst. Peter Baldingers Portraits sind prozesshafte Bilder, die die Möglichkeit der Darstellung erörtern.

Wie ein Porträt herstellen, gibt es sichere Möglichkeiten der Konkretion oder ist es ein reines Fließen der Spekulationen? Jeder Mensch konstruiert sich mit seinen Worten, mit dem was er sagt und was er von sich sagt. Die Selbsterzählung eines Menschen ist das Einzige was er hat um sich zusammenzubauen. Das Individuum erhält seine Existenz durch seine Selbstbeschreibung, und zwar wenn er die Urheberrechte über seine Geschichte und Abbildung reklamiert. In der Konfiguration der Identität müssen wir uns wohl oder übel ein Ich schmieden oder es versuchen. Dinge passieren, mittels derer wir uns ein Ich erschaffen müssen und wir sind mit mehr oder weniger Erfolg ständig dabei diese Leistung zu erbringen.

Die Bilder Peter Baldingers sind voll von abdriftenden, im Verschwinden begriffenen Identitäten, jedoch durchdringt der Versuch diese mit dem Betrachter zu kommunizieren auf paradoxe Weise sein Werk.

Die Subjekte werden verfremdet, sind maskierte, versteckte Körper, die sich dennoch ausdrücken. Hier wird nichts geredet aber alles gesagt. Hier ist Anwesenheit die alles sagt. Der Körper ist nicht mehr da als Raum oder Refugium der die Idee des Ich sicherstellt, sondern im Gegenteil, er ist der Ort wo das Ich herausgefordert bzw. zum Verschwinden gebracht wird. Die Identität und die Werte die als formierend für den Körper, die Erscheinung des Menschen angesehen wurden, werden rekonstruiert und seine Grenzen überschritten, verändert, neu gezogen. Das Spiegelnde, das Glatte in Baldingers Bildern verweist auf das Lacansche Imaginäre, das Spiegelstadium, in dem sich für das sich betrachtende Kind im Spiegel ein partikulares, zerstückeltes Bild zum Ganzen, zum Selbst fügt. Etwas das versteckt, verhüllt bleiben sollte, hat sich doch manifestiert, auf der Bildoberfläche als Spiegelung, wo der Andere, der Doppelgänger eingeschrieben ist.

Die Psyche die mit sich selbst experimentiert zersetzt sich in ihre Bestandteile und stellt sich als ein Nichts heraus, eine indifferente Oberfläche, ein Schema ohne Erzählung, ohne Text. Wir begegnen Gestalten, die den Dialog, den Umgang mit dem Betrachter verweigern.

Baldinger fragt sich was hinter der Erscheinung steht – oder wann gibt es Erscheinung wenn es keine gibt? Seine Art die Dargestellten zu verhüllen, zu verfremden, ist ein Versuch sich der Essenz der Person weiter anzunähern, unter Weglassung des konventionellen Charakteristikums eines Porträts, des erkennbaren Gesichts. Durch die Verweigerung der bildlichen Konsistenz und Konstanz löst er sich von der Erscheinung, und das Leere, in dem sich die Existenz konstruiert wird zum Un/Zufall, aus dem sich das Bild ergibt.

An diesem Punkt erscheint etwas – das Antlitz, die Portraits von Freunden, Fremden, Menschen. Für die malerische Tradition ist das Portrait ein Genre, das auch eine emblematische, sinnbildliche Funktion hat: Den sozialen Status der Person auszudrücken. Baldinger verweist jedoch auf den Kern der Person durch Verhüllung, Verfremdung, Abgewandtheit. In der Geste des Auslöschens und Verfremdens in dem die Präsenz scheinbar ganz aufgelöst wird, bewahrt er Züge, die auf die Person hinweisen.

Ohne zeitlichen und historischen Kontext kann ein Bild alles Mögliche bedeuten, wenn wir das Gesicht eines Menschen sehen, wissen wir nie was er denkt, außer es wird uns der Kontext dieser Mimik erklärt, wie in der Zeitung. Die Mehrdeutigkeit die das Bild umgibt wird mittels eines Textes in Information umgewandelt. Die Subjektivität ist verlorengegangen, der Mensch muss überhaupt nichts mehr interpretieren, die Wirklichkeit wird ihm in Form scheinbar wahrhaftiger Bilder geliefert. Die visuelle Information spornt also nicht mehr zur Reflexion an, denn es kann alles mit Bildern gezeigt werden.

Hier wird aber die Stabilität des Standpunkts verfremdet, die Routinen des Blicks verspottet, die Konventionen des klassischen Portraits vermieden. Die Individualität wird nur simuliert, in einem prozesshaften Bild wo das menschliche Antlitz am Limit des Verschwindens ist, gerade an der Grenze der Erkennbarkeit – und multiple Möglichkeiten der Lektüre auftut. Der Prozess der Darstellung wird in genau diesem widersprüchlichen Moment erörtert. (Text: Cem Angeli)

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