Inci Eviner – Kunst bringt neue Bewegung in unser Bewusstsein

Feb 10 • Englisch, Istanbul, Podcast, Portraits, Türkei, Video • 2090 Views • Keine Kommentare

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Es ist beinahe unmöglich zu atmen und sich zu bewegen innerhalb des sprachlichen Systems, in das wir eingeschrieben sind. Kunst bringt neue Bewegung in unser Bewusstsein. Ein Künstlerportrait von Inci Eviner.

Inci Eviner, geboren 1956 in Polatli, südwestlich von Ankara hat ihre künstlerische Ausbildung an der Staatlichen Akademie für bildende Kunst sowie an der Mimar Sinan Universität absolviert. International Karriere macht Inci Eviner seit Mitte der neunziger Jahre. Im Rahmen von Einzelausstellungen und Residencies wurden ihre Arbeiten in Paris, New York, Rotterdam, Bellagio und Tokyo von namhaften Galerien und Kunsthäusern gezeigt, hinzu kommen zahlreiche Gruppenausstellungen rund um den Globus. Zur Zeit lebt und arbeitet die Künstlerin in Istanbul. Dort hat sie auch eine Professur für Combined Art an der Yildiz Universität inne.

Inci Eviner bedient sich unterschiedlicher Medien. Malerei mit Wasserfarbe, Kohle- und Tuschezeichnungen, Fotografie und Fotocollage dominieren ihre frühen Arbeiten, später kommen Acrylarbeiten, Digitaldruck und Videoanimationen hinzu. Die Zeichnungen, Bilder, Ausdrucke und Animationen bestehen als Einzelwerke für sich. Im Zuge von Ausstellungen nutzt die Künstlerin diese Arbeiten jedoch auch immer wieder als Fragmente, die kombiniert ein neues, größeres Kunstwerk ergeben. Dabei werden ganze Wände zum Bild. Der Vorteil der Wand ist, sie hat keinen Rahmen innerhalb dessen man seine Arbeit begrenzen müsste. Die Bilder könnten eigentlich weiter gehen, sagt die Künstlerin, hinaus, so wie ein Virus der sich überallhin ausbreiten kann und der die Arbeit hinausträgt in den Alltag und diesen mit ihrer Kunst infiziert.

Das Haupttema ihrer Arbeiten ist die Frau der gesellschaftlichen Mittelschicht und die Bilderwelt, die sich eben diese Frau zum Inhalt macht. Was es heißt eine Frau zu sein, welche Aufgaben dieser zukommen, was an ihr schön ist und welche Gesten entsprechend, was sie begehrlich macht, in welchem Kontext oder Lebensmodell ihresgleichen gesehen wird, solche und andere Informationen vermittelt die Bilderwelt, die sich heute medial wie eine Flut über unser Dasein wälzt. Angesichts dieser Bilderflut lautet die These der Künstlerin, es wird uns sehr schwer, wenn nicht fast unmöglich gemacht, noch eigene Bilder zu entwickeln oder sich von starken Bildern zu distanzieren. Bilder haben repräsentative Kraft. Wir leben sie, sie gelangen durch uns zur Anwendung. Nicht nur Bilder aus den Nachrichten, Werbung, Musikvideos oder Internet, auch solche, die in der Kunst über die Geschichte hinweg entstanden sind. Sie sind sie dem Individuum buchstäblich vorgestellt und als Vorstellungen schon da bevor es sich selbst zu entwerfen beginnt. Repräsentative und kollektive Bilder zeigen Möglichkeiten des (Frau-) Seins auf. Zugleich engen sie auch ein, schreiben fest, geben die Begrifflichkeiten und Begehrlichkeiten vor, entlang derer sich das Individuum selbst erfasst. „Ist es“ fragt Inci Eviner „für eine Frau, die im Zentrum ideologischer Rhetorik und des sozialen Gefüges steht, möglich, sich selbst als Subjekt zu positionieren? Ich glaube an die Notwendigkeit die Grenzen der Repräsentation aufzustoßen und Ikonografie und Mythos zu unterwandern“ Aufzuzeigen, wie wir Rollenbilder leben, die wir unbewusst übernommen haben und die Suche nach eigenen Bildern ist dementsprechend Programm in den Arbeiten der Künstlerin. Angesichts dieser Ausrichtung kann ihre Arbeit als politisch und auch als feministisch bezeichnet werden.

In ihrer 2009 entstandenen Videoanimation „Harem“ nutzt Inci Eviner einen Kupferstich des Künstlers Anton Ignaz Melling, der Anfang des 19. Jahrhunderts auf Einladung des Sultans Selim III nach Istanbul kam und dort fast zwanzig Jahre gelebt hat. Melling habe eine sachliche, fast wissenschaftlich erscheinende Darstellung des Harems gefertigt, die sich jeglicher ausmalender Phantasie zu enthalten scheint. Gerade dies habe sie herausgefordert, denn das Harem war für Männer nicht zugänglich und so verdankt sich auch Mellings Bild seiner Phantasie oder der Phantasie anderer. Mellings Darstellung ist Bild gewordene kollektive Phantasie, die sich im Gedächtnis gespeichert hat und durch seine Kunst weitergetragen, ja geradezu versachlicht wird. In Mellings Repräsentation einer Welt der Frau baut die Künstlerin nun computeranimiert Frauen ein und lässt diese gestikulieren. Die Frauen, sagt die Künstlerin, spielen. Sie führen Gesten auf, von denen manche aus dem wirklichen Leben kommen, andere aus der Kunstgeschichte, manche sind ausgelassen andere schmerzvoll. Die Gesten, die die Frauen durchführen, sind nicht Teil eines größeren Handlungsablaufs, sondern es handelt sind um Gesten, die aus einem anderen Zusammenhang gerissen und in ein neues Zuhause, in die Bilderwelt des Harems eingesetzt werden. Die Loslösung aus einem konkreten Handlungszusammenhang und Einsetzung des entindividualisierten Bewegungsfragments in einen anderen bereits historisch vorgebildeten Kontext lässt die Rolle, die im Handlungskontext dem sie entnommen wurde noch als normal erscheint, plötzlich absurd werden. Absurdität macht aufmerksam. Absurdität enthebt Zuschreibungen einer Normalität, die unbedenklich war und macht uns nachdenklich. Dass die Gesten, die Inci Eviner uns zeigt Fragmente sind, zeigt auch, dass es nicht nur um ein individuelles Geschehen geht, sondern um Handlungsmodelle, Rollen, Seinsformen von Frau, die kollektiver Natur sind. Genau genommen wird die Befindlichkeit der Frau in gesellschaftlichen Mustern aufgedeckt, indem diese als Muster erkenntlich gemacht werden. Künstlerisch nähert sich Inci Eviner dabei konsequenter Weise dem Ornament an, in dem aus der Anordnung von Einzeldingen – Beinen, Händen, Köpfen, Dingen, Gesten – ein neues Bild und die Möglichkeit anders zu agieren Gestalt annimmt.

Auch wenn Inci Eviner in ihrer Arbeit für sich selbst nach einer Herauslösung aus dem alltäglichen Bilderkanon sucht, heben ihre Arbeiten nicht die Selbstsicht einer Frau, die die Künstlerin selbst ist in den Vordergrund, wie es beispielsweise bei Frida Kahlo der Fall ist, sondern sie hantieren mit dem Korpus des Weiblichen (oder auch des Außenseiters) als einem gesellschaftlichen, kulturellen, historischen, politischen. „Ich will Frauen entdecken innerhalb all ihrer Repräsentationen und am Ende meiner Arbeit muss dann da frische Luft sein für Möglichkeiten“ erzählt die Künstlerin im Interview.

Um dieses künstlerische Ziel umzusetzen beginnt sie mit Skizzen. Sie zeichne in ihr Skizzenbuch und gehe dabei nicht bewusst vor. Ein Strich, der da gezeichnet werde, sei etwas völlig abstraktes und daraus werde etwas, von dem sie Anfangs noch nicht weiß was es sein wird, und das erst in einem zweiten, schon etwas distanzierteren Arbeitsschritt von ihr gelesen werden und zur Idee reifen kann. Man braucht für die Arbeit des Bilder-Machens einen frischen Beginn, denn auch sie selbst sei voll von Bildern und es sei sehr schwierig überhaupt zu so etwas wie einem eigenen Bild zu kommen. Man müsse da zuerst die eigenen Bilder, das Alltägliche, das in ihr eingelagert sei, umgehen lernen und dafür sei der Strich im Skizzenheft, mit dem sie beginnt, sehr hilfreich. Zeichnen, sagt sie, sei für sie etwas sehr Lebendiges, etwas Notwendiges, etwas wie die Fenster öffnen – damit hat sie nicht nur den Anfang, sondern mit wenigen Worten auch den Grund ihrer Kunst charakterisiert. (Text: Wolfgang Haas)

Dieses Künstlerportrait wird unterstützt durch den Kunstverein CastYourArt.

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