Alexander Brodsky – Noch immer erstaunt es mich, dass ich Architekt geworden bin.

Jul 5 • Architekturzentrum Wien, Ausstellungen, Englisch, Interviews, Kunsträume, Podcast, Portraits, Video, Wien, Österreich • 1977 Views • Keine Kommentare

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“Ich empfand eine zarte Liebe zu aller klassischen Architektur, träumte gleichzeitig aber davon, die zeitgenössische Architektur auch zu lieben”. Alexander Brodsky im Portrait.

In der bis Anfang Oktober 2011 laufenden Ausstellung zeigt das Architekturzentrum Wien Arbeiten und eine raumfüllende Installation des russischen Künstlers und Architekten Alexander Brodsky.

Am Anfang seiner Karriere ist Alexander Brodsky Teil der ‚Paper-Architecture’ Bewegung. Wobei zu diesem Zeitpunkt, zu Beginn der achtziger Jahre, kann noch nicht von einer Bewegung im eigentlichen Sinn die Rede sein. Vielmehr bringt der Begriff ‚Paper-Architecture’ eine für die Sowjetunion dieser Zeit charakteristische Einschränkung architektonischen Schaffens zum Ausdruck: Junge Architekten, die sich nicht ins etablierte Architektursystem fügen wollen, haben keine Möglichkeit ihre Entwürfe umzusetzen und entwerfen damit ausschließlich für die Präsentation oder eben für das Papier.

Zur Bewegung formt sich diese Art architektonischen Daseins erst als die ersten Anzeichen einer Öffnung der Sowjetunion spürbar werden. Junge Architekten erhalten plötzlich die Erlaubnis an Architekturwettbewerben im Ausland teilzunehmen, vornehmlich in Japan. Die Wettbewerbe, erzählt der Architekt, waren ebenfalls konzeptueller Natur, die Beiträge erhielten jedoch öffentliche Aufmerksamkeit und Preise. Damit war der Weg zur ‚Paper Architecture’ als einer Bewegung geschaffen.

Mit dem Zerfall der Sowjetunion beginnt für den Künstler und Architekten eine von Auslandsreisen geprägte Zeit. Er stellt aus in den Niederlanden, Deutschland und anderen europäischen Ländern. In New York lebt er vier Jahre. Als er 1994 zurückkommt hat sich seine Heimat, der er sich stark verbunden fühlt, verändert. Es ist der Moment als Alexander Brodsky beginnt Architektur zu entwerfen, die auch gebaut wird.

Auch als bauender Architekt verweigert sich Brodsky dem russischen Architekturmainstream der neuen Zeit. Architektur als Handlanger eines Immobilienbooms, der Städte völlig verändert. Architektur als Ausdrucksform ökonomischer Gigantomanie. Solche Zugänge sind ihm fremd. Vielmehr entwickelt er auf seiner Suche nach einer anderen russischen Identität eine „radikal authentische, persönliche Position, die auch für das westliche hier und heute beispielgebend ist“ .

Dass sein architektonischer und künstlerischer Gestus jenseits des Pompösen nicht nur in Russland, sondern auch in der westlichen Welt Anklang findet, davon zeugen Kritiken, die Urteile seiner Kollegen und auch das Interesse der Öffentlichkeit. Seine Arbeiten werden im künstlerischen Kontext, Biennalen und Ausstellungen, gezeigt. Er wird eingeladen an Orten künstlerisch tätig zu sein, die täglich von hunderttausenden Menschen frequentiert werden, wie z.B. in der St. Petersburger und der New Yorker U-Bahn. Und er baut. Häuser, Restaurants, Wohnungen, Pavillons, Cafes …

Seine Arbeiten sind von hoher ästhetisch-visueller Qualität – Kunstwerke, die genutzt werden können – und häufig tragen sie eine Nachdenklichkeit in sich, einen Zeitfaktor der Vergänglichkeit, der Wiederverwertung von Objekten, der Geschichtlichkeit, den im Bannstrahl technischer Möglichkeiten gefangene Architektur vermissen lässt.

Sein aus Eiswürfeln zusammengefügter und im Frühling schmelzender Pavillon, gebaut auf einem gefrorenen See wird zur Allegorie des Verschwindens, wenn rundherum alles wirtschaftlich erblüht. Ein von ihm erbautes Club-Restaurant in Moskau hat die räumliche Aufteilunge einer Gemeindewohnung aus der Sowjet-Ära und Wände, die ausschließlich aus Fensterrahmen bestehen, die örtlichen Deponien entstammen. So schafft er Platz für Unterhaltung und Ausgelassenheit, eingebettet in einen Raum des verdrängten und verworfenen.

Dass er sich mit dem was vergeht oder vergangen ist, mit den Ruinen aus einer früheren Zeit beschäftigt, wenn er zeitgemäßes entwirft, habe damit zu tun, dass er unfähig gewesen sei moderne Architektur zu verstehen: „Ich empfand … eine zarte Liebe zu aller klassischen Architektur, träumte gleichzeitig aber davon, die zeitgenössische Architektur auch zu lieben.“ erzählt er, und: „… am Ende gelang es mir auch.“ (Text: Wolfgang Haas)

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