Sowjetmoderne 1955 bis 1991 – Unbekannte Geschichten

Nov 15 • Architekturzentrum Wien, Ausstellungen, Deutsch, Interviews, Kunsträume, Podcast, Video, Wien, Österreich • 1812 Views • Keine Kommentare

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Faszinierende Meisterwerke der Sowjetarchitektur – trotz ökonomischer und ideologischer Beschränkungen der Jahre 1955 bis 1991: Hierzulande bisher Unbekanntes wird in der aktuellen Schau des Architekturzentrum Wien gezeigt.

Ein klarer Bruch mit der Geschichte ist das Hauptkennzeichen der Moderne. Aber in keinem Teil der Welt waren der Bruch mit der Tradition und der Übergang zur Moderne so abrupt und weitgehend wie in der Sowjetunion. Dort spielte sich die Architekturgeschichte des 20. Jahrhunderts in einer abenteuerlicher Abfolge von ästhetischem und politischem Hin und Her, vom Konstruktivismus der Jahre 1919-1932 zum stalinistischen sozialistischen Realismus 1932 bis 1954 ab, bis zur späteren Hinwendung zur Moderne ab 1955 und bis hin zum Zerfall der UDSSR. Während Konstruktivismus und stalinistische Architektur hierzulande bekannt sind, gibt es in der westlichen Architekturgeschichte wenig Wissen über die sowjetische Moderne der Nachkriegszeit.
Das Ausstellungsprojekt „Sowjetmoderne 1955 – 1991. Unbekannte Geschichten.“, kuratiert von Katharina Ritter, Ekaterina Shapiro-Obermair und Alexandra Wachter zeigt die Architektur von 14 ehemaligen Sowjetrepubliken in jener Epoche. Die von Russland geprägte Perspektive wird verlassen und die Architektur von Armenien, Aserbaidschan, Estland, Georgien, Kasachstan, Kirgistan, Lettland, Litauen, Moldawien, Tadschikistan, Turkmenistan, Ukraine, Usbekistan und Weißrussland ins Zentrum der Untersuchung gerückt.

Über drei Jahre bereisten Kuratorinnenteams in unterschiedlichen Zusammensetzungen die ehemaligen Sowjetrepubliken inklusive Russland, besuchten Projekte und Archive und führten Gespräche mit Architekten und lokalen Projektpartnern. Das zur Ausstellung erschienene Buch Sowjetmoderne 1955-1991 (Park Books) bietet dazu Rechercheberichte, Interviews, Essays, geschichtliche Informationen sowie reichhaltiges Bildmaterial und lässt die Entstehung des Forschungsprojektes sowie die Wendungen in seiner inhaltlichen Entwicklung nachvollziehen. Der Ausstellungsrundgang, gestaltet von Nicole Six und Paul Petritsch, zeigt, unterteilt in vier Regionen (Baltikum, Osteuropa, Kaukasus und Zentralasien) die große Vielfalt lokaler Strategien, Formen und Maßstäbe innerhalb der ehemaligen Sowjetunion. Diese Einteilung entspricht auch der Sichtweise der Kuratorinnen auf die architektonischen Parallelen und Unterschiede, die sich auch aus den nationalen Geschichten, Geografien und dem jeweiligen Verhältnis zu Russland ergeben.

Während sich die Baltischen Länder stark an der skandinavischen Architektur orientierten, hatten die osteuropäischen Regionen Weißrussland, Ukraine und Moldawien kein Problem mit dem architektonischen Anschluss an Russland, zumal auch die historische Bausubstanz in dieser Region stärker durch den Weltkrieg in Mitleidenschaft gezogen wurde. Im Gegensatz dazu entstanden in den kaukasischen Sowjetrepubliken Aserbaidschan, Armenien und Georgien starke und auf eine reiche Tradition gegründete nationale Baustile. In den zentralasiatischen Republiken, deren Grenzen in den 1920er Jahren von den Sowjets künstlich gezogen wurden, war die nationale Identität während der ganzen Sowjetperiode auch in der Architektur ein wichtiges Thema.

Während der langsamen Auflösung eines monolithischen Systems die sich erweiternden Maschen eines lockerer werdenden Netzes nutzend gingen die Architekten über die Moderne hinaus, sie gingen zu den regionalen historischen Wurzeln zurück oder erfanden frei. Die Ausstellung räumt mit Vorurteilen über eine konformistische Architektur der industriellen Massenproduktion auf und gibt einen Einblick in die ästhetische, soziale und politische Nachkriegsepoche der kommunistischen Staaten. Dieses gezeigte Stilmosaik illustriert auch in markanter Weise die ideologischen Träume der Epoche, von der Besessenheit mit Weltraum und Kosmos bis zur Wiedergeburt der nationalen Identitäten, auch die regionale Vielfältigkeit der UDSSR wird zusammengefasst und der Besucher bekommt einen Eindruck davon, wie die lokalen Einflüsse exotische Wendungen nahmen – kurz vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion. (Text: Cem Angeli)

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