Franz Xaver Ölzant – Idee, Prozess, Form

Apr 8 • Ausstellungen, Deutsch, Kunsträume, Landesgalerie für zeitgenössische Kunst St. Pölten, Podcast, Portraits, St. Pölten, Video, Österreich • 2031 Views • Keine Kommentare

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Die ZeitKunst Niederösterreich Ausstellung „Idee – Prozess – Form“ in St. Pölten zeigt zum ersten Mal einen Überblick über das Gesamtwerk des 1934 geborenen Künstlers.

Die Werke Ölzants besitzen etwas unleugbar Sinnliches, Organisches. Sie muten wie lebende, sich verändernde Körper an, mit denen wir interagieren und Verbindungen knüpfen.

Es handelt sich um dynamische, kraftvolle und konstruktive Formen, in denen die geometrische Strenge zugunsten des Organischen aufgegeben wird, das aus dem Kern der Materie selbst hervorkommt – und aus der Vitalkraft, die der formende Gestus einbringt.

Anhand dieses regelrechten Überschwangs der Materialität versucht der Bildhauer, das Rätsel des Ursprungs zu entwirren und die Gesetze zu verstehen, die das Leben beherrschen.

Im Unterschied zu unseren Vorfahren leben wir in einer von uns selbst hergestellten Umgebung, der Natur immer mehr entrückt. Die Komplexität der Natur entgeht uns und der Sinn einer naturhaften Ordnung erscheint einem Stadtbewohner weit entfernt. Die Natur wurde durch die Überflutung mit Bildern ersetzt, die uns von den Medien ausgestoßen werden. Die heutige Bilderkultur erschöpft sofort jegliche Verbindung, die zwischen Natur und menschgeschaffener Realität hervorgehen könnte.

Diese Zustand beunruhigt, und vor dem künstlichen Chaos, das uns umgibt, finden wir den einzigen Trost in der Wahrhaftigkeit der Kunst, in der Ausdruckskraft, die uns die Versöhnung mit jenem ermöglicht, das nur scheinbar unter unserer Kontrolle ist und das uns in Zeit und Raum vorausgeht: Mit der Natur.

Das schöpferische Bemühen Ölzants, die Mysterien der Naturformen und des Steines zu entwirren, ist das Bemühen, in dieser Zeit des visuellen und virtuellen Chaos der Natur ihre Rechte zurückzuerstatten. Wir sehen in den Objekten ein extremes Interesse an der Form, deren Entstehung und Entwicklung in enger Bindung mit dem Material und in intimer Beziehung mit dem Raum steht, in dem sie eingeschrieben ist.

Ölzants Wahrnehmung von allem, was uns umgibt, ist kein abstraktes Inbild und braucht nicht mit theoretischen Beschwörungen erklärt werden, sondern ist etwas Konkretes und Fassbares, wie jedes Element der Natur, das wir empirisch selbst wahrnehmen können.

Es scheint, dass Ölzant das Innere einer Struktur mit dem Skalpell freilegt, um ihre verborgenen Dimensionen zu ergründen. Er zeigt die interne Logik der Form, des Volumens und der Winkel, die es erlauben, die Form zu schließen. Er erforscht die innere Struktur, und wie ein Kind beginnt er sie zu manipulieren und zu zerlegen. Wenn wir seine Plastiken näher analysieren, wecken sie, so physisch sie auch erscheinen, im Betrachter dennoch eine spezielle Empfindsamkeit.

In der heutigen Bilderflut, wo ein Bild der Klon des anderen ist, fragt man sich, woher diese naturhaften Wesen und Formen kommen, mit ihrer primitiven Erscheinung. Sie sind alles, nur nicht passiv in ihrer schweigenden Anwesenheit. Die Absicht von Ölzant ist es, uns eine Erfahrung zu bieten, die auf eine vortechnologische Ära zurückverweist, es ist die Heraufbeschwörung einer Zeit, in der Architektur und Skulptur verschmelzen: die Prähistorie.

Eine Zeit, in der zweidimensionale Bilder rar waren und die Präsenz von soliden Objekten den Sinneswahrnehmungen, die von der Vernunft nicht erklärbar waren, Glaubwürdigkeit verliehen. Daher auch der große Respekt für die intrinsischen Eigenschaften des Materials: Dichte, Härte, Elastizität, Textur, Helligkeit, Gewicht…mit ihrer betonten Materialität stellen die Werke die spürbare Manifestation des Stofflichen dar.

Die Objekte von Ölzant haben den Charakter eines Beweises, eines Hinweises oder einer Erscheinung der Eigenschaften der Natur, seine deskriptiven Formen enthüllen uns eine Struktur, die von ihrer unendlichen Komplexität kündet.

Die Aufgabe der Kunst über weite Strecken des 20. Jahrhunderts war zwei Extreme zu versöhnen: Kultur und Natur. Für Ölzant gilt, was Jackson Pollock einst sagte, als man ihm nahelegte, mehr nach der Natur zu arbeiten: „Ich bin die Natur“. (Text: Cem Angeli)

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