Form folgt Paragraph

Dez 12 • Architekturzentrum Wien, Ausstellungen, Deutsch, Kunsträume, Podcast, Video, Wien, Österreich • 795 Views • Keine Kommentare

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Louis Sullivans berühmtes Diktum “Form folgt Funktion” aufgreifend, gibt das Wiener AzW der neuen Ausstellung den Titel „Form folgt Paragraph“.

Die erste Themenausstellung der neuen Direktorin Angelika Fitz wurde kuratiert von Martina Frühwirth, Katharina Ritter und Karoline Mayer. Hier erwartet den Besucher eine auch physisch erlebbare Ausstellung, die der Frage auf den Grund geht, wie sich Baurecht und Normen auf Architektur und Stadtplanung auswirken. Die gebaute Stadtlandschaft wird unter anderem auch durch ihre juristischen Rahmenbedingungen geformt.

Richtlinien, Bauvorschriften, Normen – die Regelwerke unterscheiden sich regional und national stark. Die Wiener Bauordnung umfasst heute über 1.000 Seiten, in Österreich gibt es etwa 2000 Normen, dazu Förderrichtlinien, Bauvorschriften, Materialrichtlinien, Fragen der Haftung – all dies prägt die Architektur und Raumplanung.
Die Ausstellungseinrichtung von Planet Architects nimmt mit ihren Trennwänden aus 7000 Aktenordnern ironisch Bezug auf dieses Paragraphendickicht.

Wie kann unter diesen Bedingungen Architektur möglich sein? In der Ausstellung sind kreative und teils erheiternde Lösungen aus aller Welt zu bestaunen.
Richtlinien für Stufen und Geländer beispielsweise sind trotz ähnlicher menschlicher Proportionen extrem unterschiedlich in Steigung, Geländerhöhe u.a., so kann man im AzW in Lebensgrösse gebaute Beispiele aus aller Welt besteigen, aus Japan der Schweiz, den USA u.a. – allerdings auf eigene Gefahr, da sie ja der Wiener Bauordnung nicht entsprechen.

Die Frage, wie die überbordende Vorsicht in Haftungsfragen und die damit einhergehende Normierung unser Leben beeinflussen wird auch anhand von Kinderspielplätzen illustriert, deren Sicherheitsvorkehrungen im Laufe der Jahre immer strenger geworden sind, sodass den Nutzern die individuelle Eigenverantwortung immer mehr entzogen wird. Sicherheit oder Bevormundung, am Beispiel des Kinderspielplatzes der Wiener Gartenschau 1974 zeigt sich, daß ein solcher Platz heute als schweres Sicherheitsrisiko eingestuft würde. Aufgrund 238 Normen, die es für Kinderspielplätze gibt, Bodenbelag, Polsterung, Höhe etc betreffend drängt sich der Verdacht auf, daß Kinder in der heutigen „Vollkaskogesellschaft“ den eigenverantwortlichen Umgang mit Gefahren verlernen könnten.

Auch für den Brandschutz gilt ähnliches, die Josephinische Feuer¬ordnung von 1782 liegt als Faksimile in der Ausstellung auf, sie umfasst nur einige Seiten, während das heutige entsprechende Regelwerk hunderte Seiten dick ist.
Fallbeispiele, die Anlass für neue Regeln waren, wie der Ringtheaterbrand in Wien und die unterschiedlichen Brandschutzbestimmungen in verschiedenen Ländern, auch Themen wie Denkmalschutz und Normen für Dachausbauten werden in eigenen thematischen Bereichen, Videofilmen und einem ausführlichen Glossar behandelt.

In der interdisziplinären und praxisnahen Ausstellung zeigt sich, wie kulturabhängig und historisch bedingt die scheinbar technisch-objektiven Baunormen sind und wie viel Aufschluss sie über die jeweilige Gesellschaft geben können.

Die Ausstellung “Form folgt Paragraph” ist bis 4. April 2018 zu sehen. AzW im Museumsquartier, 1070 Wien.

Webseite – azw.at

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