• Robert Lucander – Momente in Bildern

    Jan 21 • Berlin, Deutsch, Deutschland, Podcast, Portraits, Video • 2134 Views

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    Robert Lucander zieht ein Jahr bevor die Mauer fällt von Finnland kommend nach Berlin. Mit der Aussicht auf Wiedervereinigung steigt die Aufmerksamkeit für die andere Seite. Deutlich werden Unterschiede zwischen Ost und West. Für den Maler entpuppt sich – zu seiner eigenen Überraschung und Faszination – die Rede von den unterschiedlichen kulturellen Färbungen als eine nicht nur metaphorische Wendung, sondern als wörtlich zu nehmendes, handfestes Detail. Robert Lucander bestellt industriell produzierten, farblich genormten Acryllack aus Ostproduktion, dieser erweist sich im Vergleich zum selben Produkt aus Westproduktion von erstaunlich andersartiger farblicher Mentalität.

    Die Erfahrung der Vorbelastung des künstlerischen Materials mit kultureller Charakteristik stärkt sein Interesse für die Aussagekraft, die nicht erst durch einen schöpferischen Akt des Künstlers entsteht, sondern dem Material bereits inne liegt. Er beginnt das Material als ein Medium zeitlicher, geographischer und kultureller Aussagekraft zu erforschen und sucht Möglichkeiten, hervorzuheben, was dem Vorgegebenen an Information bereits inne liegt. So verwendet er Farbe aus industrieller Produktion und hält sich bei der Auswahl der Farben strikt an die jährlich neu herausgebrachten Farbmuster. Bei der künstlerischen Handhabung der Farben schränkt er sich auf die aktuellen Gebrauchsanleitungen auf den Acryllack-Dosen ein. So bindet das Material Farbe seine Arbeiten an Geschmack, geografisches Umfeld und Zeit ihres Entstehens zurück und es beginnen in den Arbeiten des Künstlers die verwendeten Materialien durch kontrastierende Maßnahmen ihr Vorgegebenes zu erzählen.

    Eines dieser Kontrastmittel wird der Bildträger selbst. Robert Lucander malt auf industriell gefertigte Sperrholzplatten, die er entsprechend der Maserung zuschneiden und verleimen lässt. Die Maserung – eine vorgegebene Individualität ähnlich dem Fingerabdruck eines Menschen, die der Künstler als bildgestaltendes Element einsetzt – wirkt in den Bildern als Kontrastmittel zum Massenprodukt Acryl, dessen materielle Eigenschaften als Dekorationsfarbe auf gleichmäßige Deckkraft und Verfließen des Pinselstrichs, kurz, auf Entindividualisierung ausgerichtet sind.

    An Stellen, die die Maserung sichtbar lassen, skizziert der Künstler mit Bleistift. Er nutzt die Vorgaben des Holzes als Spielraum für räumliche aber auch individuell-persönliche Tiefe in seine vornehmlich Menschen darstellenden Arbeiten. Die mit der Charaktertiefe des Trägermaterials Sperrholz hervortretenden Gesichts- und Körperzüge der Menschenbilder stehen in Kontrast zur Glätte der Modezeitschriften und Magazinen, denen der Maler die Gesichter und Körper detailgetreu entnimmt. Diese vorbildlichen Menschen werden in den Arbeiten des Malers ihres glamourösen Kontexts entrissen und in einen alltäglich gewöhnlichen Handlungsrahmen gesteckt.

    Er versuche weder Bedeutung noch Meinung oder Gesinnung in seine Arbeiten hineinzulegen, sagt der Maler, sondern durch seine künstlerische Anwendung hervorzuheben, was dem Vorgegebenen als Zeugen inne liegt. Was wir herauslesen und wovon es uns Zeugnis gibt, das liege an uns, den Betrachtern. Seine Bilder sind kein Denkmal eines nach außen gestülpten, geniehaften Künstlerinnenlebens, sondern ein “Momentmal” – eingedenk der Zeit. (wh)

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  • Wien 1900 – Die Neupräsentation der Sammlung Leopold

    Jan 14 • Ausstellungen, Englisch, Leopold Museum, Museen, Podcast, Video, Wien, Österreich • 1867 Views

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    Es war eine künstlerische Ausnahmezeit, eine Ära im Übergang zum zwanzigsten Jahrhundert von außerordentlicher schöpferischer Dichte. Ausgehend von den künstlerischen und intellektuellen Kreisen Wiens entstehen in dieser Zeit in der Malerei, Literatur, Wissenschaft, Philosophie, Musik, Architektur, Bildhauerei und des Designs Arbeiten, die maßgeblich sind für eine Evolution des Geschmacks und des Wissens, die weit ins zwanzigste Jahrhundert reicht.

    Das Wiener Leopold Museum verfügt mit den Kunstwerken von Rudolf und Elisabeth Leopold über eine der umfangreichsten und vielfältigsten Werksammlungen dieser Zeit. Unter der kuratorischen Leitung Diethard Leopolds sowie des Kunsthistorikers Peter Weinhäupl und unter Mitwirkung des Sammlerehepaares wurde vor kurzem die Präsentation dieser Arbeiten überdacht und neu konzipiert.

    Auch wenn es die ausgestellten Arbeiten zugelassen hätten, es stand nicht eine, einzelne Objekte zu Superstars inszenierende Schau im Vordergrund der Neupräsentation. Unter dem Titel “Wien 1900″ ging es den Kuratoren um die Chance, anhand von Interieurs, Kunstwerken, Auszügen aus philosophischen und literarischen Texten sowie Kompositionen eine Ära zu fassen. Wer durch die Ausstellung geht, wird Einflussnahmen, Widersprüche und Gemeinsamkeiten zwischen Disziplinen erkennen und es treten den Intellekt, die Psyche, die Körperlichkeit und das Verhältnis zu den Alltagsgegenständen betreffende Besonderheiten jener Wiener Zeit zum Vorschein, die mit dem Ende des ersten Weltkriegs und dem Tod Klimts, Schieles, Mosers und Wagners ausklingt.

    CastYourArt hat Diethard Leopold in seiner Wiener Praxis besucht und mit ihm zu den Aufnahmen der Ausstellung über Konzeption und persönlichen Zugang gesprochen. Ein Ausstellungsblick ins künstlerische Wien um 1900 des Wiener Leopold Museums, mit Familienfaktor. (wh)

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  • Russische Videokunst, wie im Flug

    Jan 7 • Ausstellungen, Englisch, Galerie Knoll, Galerien, Interviews, Podcast, Video, Wien, Österreich • 1607 Views

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    150 russische Journalisten, Künstler, Kunstsammler, Museumskuratoren und Celebrities, 18 Beiträge aktueller russischer Videokunst, 1 Airliner der Fluglinie S7, getauft auf den 2002 verstorbenen Künstler Timur Novikov, und 10 Stunden Zeit. Es war die kürzeste, umfangreichste, exklusivste und feierndste Präsentation zeitgenössischer russischer Videokunst, die das Ausland gesehen hat.

    Unter den Organisatoren war neben Hans Knoll von der gleichnamigen Galerie und Pierre-Christian Brochet vom Moskauer B-Comm auch Antonio Geusa, seines Zeichens Kurator und anerkannte Autorität in Sachen zeitgenössischen künstlerischen Videogeschehens in Russland, am Wiener Flughafen gelandet.

    CastYourArt hat Antonio Geusa um ein Express-update zur russischen Videokunst gebeten. Vom russischen Künstlerkollektiv AES+F über Mamyshev Vladislav – Künstlername Monroe – bis hin zu Blue Noses und all den anderen Künstlern. Wer spielt eine Rolle in der Videokunst Russlands? Welche landes- und geschichtsbezogenen Besonderheiten weist diese Kunstrichtung auf? Was fasziniert den Kurator am derzeitigen Geschehen und welche Linien erkennt er?

    Wir verschaffen Einblick. Best of, 10 Stunden in 5 Minuten, here we go …

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  • Christian Niccoli – Einsamkeit ist die Gemeinsamkeit, die uns trennt

    Dez 23 • Berlin, Deutschland, Englisch, Kunsträume, Künstlerhaus Bethanien, Podcast, Portraits, Video • 1750 Views

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    Die Arbeiten des italienischen Künstlers Christian Niccoli spüren der sozialen Befindlichkeit urbaner Menschen unserer Zeit nach. Die Rede ist von einer landflüchtigen Generation junger Erwachsener, die aufs Einzelkämpfertum trainiert durchs Leben ziehen, stets bereit das Beste zu geben, für sich selbst verantwortlich und insgeheim von der Frage bedrückt, wer sie auffängt, wenn einmal etwas nicht mehr funktioniert.

    Was diesen Einzelnen gemeinsam ist, ist zugleich auch, was sie trennt. Ihr auf Flexibilität und Offenhalten trainiertes Dasein, ihre Vereinzelung, die sie, auch wenn sie sie mit anderen teilen, nicht zusammenführt, nur miteinander vergleichbar und gegeneinander ausspielbar macht.

    In seinen Fotografien und Videoarbeiten arbeitet Christian Niccoli dokumentierend, aber nicht dokumentarisch. Er greift Ungereimtheiten auf und hebt in unsere Lebensweise eingebettetes, verborgen gehaltenes Spannungspotential hervor. Gemeinsames wird in seinen Arbeiten stets als Individuelles, von konkreten Individuen Wahrgenommenes, sichtbar gemacht – selbst dort, wo es sich nur um soziologisch auszumachende Verbindlichkeiten handelt. Der Druck, strukturell bedingte, von vielen geteilte Lebensbedingungen individuell abarbeiten und damit leben zu müssen, erzeugt Spannung, im richtigen Leben, wie in seiner Kunst.

    Christian Niccoli, aufgewachsen im Badia Tal und ausgebildet in Wien, Mailand und Florenz, lebt und arbeitet in Deutschlands Hauptstadt Berlin. (wh)

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  • Neue Galerie New York – Erinnerung ist mein Kaffee

    Dez 17 • Audio, Englisch, Interviews, Museen, Neue Galerie New York, New York, Podcast, USA • 1779 Views

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    Im kulturellen Schmelztiegel New York, der Stadt mit internationalem Flair, ist auch die Österreichische und Deutsche Kulturgeschichte vertreten. Ihr Stand befand sich angebotshalber jedoch in der zweiten marktwirtschaftlichen Reihe, das hat seine Gründe in kriegsbedingt schwierig zu klärenden Besitztumsverhältnissen und auch in über Jahre hinweg gelebter diesbezüglicher staatspolitischer Ignoranz. Kultur ist unweigerlich ein geschichtliches Produkt, das gilt auch für den österreichischen und deutschen Umgang mit den Produkten derselben, blickt man die Jahre zurück.

    Österreichische und deutsche moderne Kunst der Vorkriegszeit, wie auch einige ihrer Besitzer, haben in den Vereinigten Staaten neuen Platz und auch ein Zuhause gefunden. Seit 2001 ist Exponaten dieser Kunstrichtung ein Museum an der Fifth Avenue gewidmet, einer Straße im vormals deutschen Bezirk New Yorks. Die Neue Galerie ist eine kleine aber reiche Institution, gegründet von zwei Enthusiasten dieser Kunstrichtung: Dem Geschäftsmann und Philantropen Ronald Lauder, sowie Serge Sabarsky, seines Zeichens Kunsthändler und Pionier österreichischer und deutscher expressionistischer Kunst in New York.

    Die Gründung der Neuen Galerie New York.

    Das Wiederauftauchen des Expressionismus in New York.

    Über das derzeit zweitteuerste Gemälde der Welt.

    Die Reputation der Neuen Galerie geht auf die sorgfältige Darbietung dieses in den USA bislang unterrepräsentierten Kunstgenres zurück, herauszuheben ist in diesem Zusammenhang der Ankauf des Klimt Gemäldes “Portrait von Adele Bloch-Bauer I”, das die Institution wohl zu Recht als die “Mona Lisa” ihrer Kollektion benennt. Fragen der Restitution und Provenienz wurden und wird im Museumsprogramm hoher Stellenwert beigemessen.

    Kunst und Geschichte sind untrennbar miteinander verbunden, und die Neue Galerie hat in den USA einen eigenen Stellenwert, geht es um dieses Prinzip. Hat sich der Kreis deutscher und österreichischer Kunst hinsichtlich ihrer in die USA emigrierten Besitzer und deren Erben, aufgrund des Engagements der Neuen Galerie und ihrer Gründer geschlossen? Wie steht es um die Relation von marktwirtschaftlichem Wert von Arbeiten, ihrer Geschichte und ihrer künstlerischen Wichtigkeit. Im Sabarsky”, einem Wiener Kaffeehaus im Gebäude der Neuen Galerie, hat CastYourArt Scott Gutterman, den Vertreter der Direktion, getroffen und mit ihm ein Gespräch über die Institution und kunstgeschichtliche Verhältnismäßigkeiten geführt. (jn/wh)

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  • Georges Braque – Kubismus an Picassos Seite

    Dez 11 • Ausstellungen, Bank Austria Kunstforum, Channel, Deutsch, Kunsträume, Podcast, Video, Wien, Österreich • 2557 Views

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    Es begann, wie Malerei, die den Blick des Neuen fängt und wie dieses die gewohnte Sicht auf die Dinge verstellt, fast immer beginnt. Mit dem Wandel der Zeit. Mit dem Zusammentreffen künstlerischer Begabungen. Mit Bewunderung, Unverständnis und auch mit Ablehnung.

    Vier Jahre nachdem Georges Braque aus der Normandie kommend in die Hauptstadt zieht, malt er Landschaften noch im impressionistischen Stil. Sein Einflussgebiet aber verändert sich. Er bewundert Matisse, Derain, Dufy und Friesz. Es vergehen keine zwei Jahre und er ist einer der ihren, der Fauves, der jungen Wilden, wie Louis Vauxcelles, der Kunstkritiker, sie anlässlich einer Ausstellung herablassend nennt. Braque pendelt zwischen Stadt und Land, dem Pariser Bezirk Montmartre, wo auch Picasso sein Atelier eingerichtet hat, und den südlichen Regionen am Mittelmeer. Ab 1908, erneut reist er in den Süden nach L’Estaque, greift in seinen Bildern zusehends die Fläche Raum. Braques Entwicklung einer kubistischen Malerei beginnt.

    Braque “C’est ma femme” gibt Picasso der intensiven künstlerischen Zusammenarbeit Ausdruck, die in den darauf folgenden Jahren beginnt. In wechselseitiger Inspiration und gegenseitigem Ansporn experimentieren die beiden Künstler malerisch. Der Zusammenarbeit entspringen die bahnbrechendsten Innovationen des noch jungen Jahrhunderts. Sie werden zu kunstgeschichtlichen Ausgangspunkten der weiteren Entwicklungen moderner Kunst. Mit dem Beginn des zweiten Weltkriegs endet die “Seilschaft in den Bergen” wie Braque die gemeinsame Zeit rückblickend nennt.

    Nach dem Krieg schließt Braque an den Kubismus an. Er widmet sich dem Stillleben. Malerei müsse greifbar machen. Den Weg in die gänzliche Abstraktion hat er stets vermieden. Es folgen Atelierbilder, ein introvertiertes Sujet für eine ebensolche Persönlichkeit, in den letzten Jahren seines Lebens kehrt Braque zur Landschaft zurück.

    Wer Braque nicht gesehen hat, kann so vieles was an Kunst sonst noch gezeigt wird, nicht verstehen. Mit über achtzig Werken von über fünfzig internationalen Leihgebern bietet das Bank Austria Kunstforum in Wien bis zum 1. März 2009 einen umfassenden Einblick in das beeindruckende Oeuvre des französischen Malers. Eine Chance, die sich in Mitteleuropa das letzte mal vor über zwanzig Jahren geboten hat und in Österreich noch gar nie. (wh)

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  • Josef Kleindienst – Werden Sie Mitglied

    Dez 3 • Audio, Deutsch, Kunstwerke, Podcast, Wien, Österreich • 2395 Views

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    Der in Wien lebende Autor Josef Kleindienst schreibt Hörbilder, Theaterstücke, Romane und Drehbücher. 2010 ist er für den Bachmannpreis nominiert.

    “Werden Sie Mitglied” ist das Hörbild einer Beziehung dreier Personen aufgrund eines schockartigen Ereignisses. Die Involvierten, in einer Schrecksekunde paralysiert und der Situation ausgeliefert, erstarren in der Dauer eines unfreiwilligen Zusammenseins und ringen mit Handlungen und Worten ihre Distanz nehmende Fassung zurück zu gewinnen. Wir präsentieren Ihnen einen Auszug des Hörbilds, bei Interesse an der Vollversion wenden Sie sich an castyourart.

    Es sprechen Simona Sbaffi, Andreas Patton, Manfred Stella und Simon Hatzl. Die Musik zum Hörbild steuerte Hüseyin Evirgen bei. Johannes Kelz zeichnet für den Ton verantwortlich. Illustriert hat Elsa Mährenbach, Text und Regie stammen von Josef Kleindienst. (wh)

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  • Michel de Broin – Matters of Circulation

    Nov 26 • Berlin, Deutschland, Englisch, Podcast, Portraits, Video • 1825 Views

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    Im Jahr 1771 veröffentlicht Louis Sébastien Mercier den Roman “Das Jahr 2440″, die Utopie einer idealeren, in ferner Zukunft gelegenen Welt. Schon vorher hat es Utopien gegeben. Neu an Merciers Utopie ist jedoch, dass der Mensch die ideale Welt nicht nur durch Zufall erreicht, beispielsweise einen Sturm, der den Schiffbrüchigen an den Strand des idealen Ortes spült, sondern über eine von seinen Handlungen getragene, lineare Geschichte. “Einige Köpfe waren gleich am Anfang erleuchtet, aber der Großteil der Nation war noch leichtsinnig und kindlich. Nach und nach wurde der Geist herangebildet. Wir müssen noch mehr tun, als wir bisher geschafft haben. Wir haben nicht viel mehr erreicht als die Hälfte der Leiter.” resümiert der Künder aus der Zukunft den Zwischenstand auf halbem Weg zur Verwirklichung der Utopie. Merciers Erzählung der vom Menschen getragenen, stufenweisen Umsetzung einer Idealvorstellung ist eine moderne Vision – menschliches Vermögen, Vernunftbegabung und der Glaube an den technisch rationalen Fortschritt stehen im Vordergrund.

    Die modernen Fortschrittsvisionen sind an ihrer Realisierung zerplatzt. Diese Erkenntnis hat sich in den darauf folgenden Jahrhunderten eingestellt. Das moderne Projekt steckt auf der Hälfte einer Stufenleiter fest, die nur weiter, nicht aber notwendig vorwärts führt, und der Glaube an den gemeinsamen Weg der Menschheit in die ideale Welt, an den “Traum aller Träume” wie Mercier seine Vision nennt, verblasst. Im Großen wie im Kleinen haben sich die Vorstellungen optimalerer Welten vervielfacht, und statt der einen Bewegung, um sie zu erreichen, findet ein reges Nebeneinander und ständiger Wechsel der Mittel und Wege statt.

    Die Skulpturen und öffentlichen Interventionen des kanadischen Künstlers Michel de Broin beziehen sich gewissermaßen auf diesen Zwischenstand auf der Hälfte der Stufenleiter. Sie greifen die schon ein wenig angestaubten, aber noch immer unseren Alltag bestimmenden Umsetzungen der großen modernen Fortschrittsgeschichte auf – zum Beispiel Autos, jene Statussymbole des Fortschritts, die meist nur von einer Person genutzt werden, unendlich Benzin fressen und die Umwelt zerstören. Zugleich aber beziehen sie sich auch auf die vielfach neuen Rezepte zur Erreichung besserer Zeiten – Verlangsamung im Zeichen des Umweltschutz, Kreislaufwirtschaft ohne Energieverlust, postindustriellen Visionen der Nachhaltigkeit – und die ihnen entsprechenden Mittel der Umsetzung, die unser Leben bevölkern.

    Seine Arbeiten setzen solche Optimierungsvisionen um und in Szene und führen, manchmal durch Übersteigerung oft aber auch nur durch Verbildlichung, ihre inneren Tendenzen und Widersprüchlichkeiten vor. Das reißt Lücken in die einschränkenden Festlegungen alter und neuer Zielverbissenheit ohne zu schulmeistern. Sein Stil entspricht eher jenen, die den Unterricht schwänzen, weil spielerische Entdeckerlust sie hinaustreibt und deren Schabernack aufzeigt, wo Fortschrittszwang und Leistungsfähigkeit die Welt zu sehr am Zügel reißt. (wh)

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  • Roy Kortick – al fresco

    Nov 19 • Englisch, New York, Podcast, Portraits, USA, Video • 1904 Views

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    Pferde, Bären, Löwen, Menschen und mythische Figuren, gemalt an Höhlenwände in Namibia, Südfrankreich oder Indonesien vor zehntausenden von Jahren, zählen zu den frühesten uns bekannten künstlerischen Ausdrucksformen der Menschheit. Aufgrund ihrer Haltbarkeit und ihrer leuchtenden Farben wegen werden sie als frühe Formen der Freskomalerei bezeichnet.

    Die Motive der Freskos früher Zivilisationen, dem Alltag entnommene und mythologische Figuren, entwickelten sich. Den Gipfel ihrer Pracht erreichte die Kunst der Freskomalerei während der italienischen Hochrenaissance. Michelangelo und auch Raffael, Meister dieser Technik, schmückten Wände und Decken der Sixtinischen Kapelle und des Apostolischen Palasts im Vatikan durch Auftrag der in Kalkwasser angerührten Farbe al fresco – ins Frische noch feuchten Kalkputzes.

    Roy Kortick, Künstler im New Yorker Stadtteil Williamsburg, greift die Freskomalerei und andere künstlerische Techniken auf, die wir mit früher sakraler, mitunter auch naiver Kunst des Menschen verbinden, und nutzt diese als Ausdrucksmittel unserer Zeit sinnlicher Überladung und zerbrechender Taboos. Seine Kunst, inspiriert vom Knuddeligen unserer Kindheit und profanen Ikonen unserer Unterhaltungskultur, hebt scheinbar Unschuldiges heraus und bettet es in neue Konstellationen: Da stößt Snoopy, auf einem Flugzeug liegend, an Häschen, die wie Tillergyrls auf einem Band Frauenunterwäsche aneinandergereiht erscheinen. Daneben geben sich amerikanische Ureinwohner, Polarbären, Astronauten und Kuscheltiere seiner Kindheit ein Stelldichein al fresco. Als tempelartige Zusammenstellungen muten seine Arbeiten respektlos provisorisch und zugleich doch einnehmend an – Kunst, dem Gedenken unserer Jetztzeit dienend.

    Bemerkenswert sind die Fresken, jene aus den Höhlen und den Wänden der Renaissanceepoche ebenso wie die aus Korticks Innenansicht unserer Zeit, nicht nur hinsichtlich ihres kulturellen und historischen Gehalts, sondern auch hinsichtlich ihrer technischen Raffinesse. Leuchtkraft und Beständigkeit, erreicht durch die Einbindung der Farbe in den frischem Putz, Oberflächenglanz durch den Gebrauch von Harzen und Laminaten. Wie sehr wir auch über die Bedeutungen der reichen Bildsprache frühzeitlicher wie auch zeitgenössischer Fresken mutmaßen mögen, es gehe ihm, sagt Roy Kortick, letztlich um die Arbeit, das Tagwerk, das in sie eingeflossen sei. Sagt’s – zwinkert und lacht. (wh/jn)

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  • Ahmet Ögüt – Vor deinen Augen

    Nov 12 • Englisch, Istanbul, Podcast, Portraits, Türkei, Video • 2233 Views

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    Zeitgenössische Kunst war in der Türkei lange Zeit ein nationales Geschehen und wurde nicht zuletzt deshalb international weitgehend ignoriert. Das hat sich geändert. In den siebziger und achtziger Jahren haben KünstlerInnen wie Füsun Onur, Ayse Erkmen, Gülsün Karamustafa, Hale Tenger u.a. begonnen, traditionsbedingte oder nationalstaatliche Festlegungen zu durchbrechen und internationale Einflüsse einzubringen. Mit der stärker werdenden internationalen Aufmerksamkeit der neunziger Jahre und den Istanbul Biennalen bot sich der progressiveren zeitgenössischen Kunst der Türkei Präsentationsfläche und Öffentlichkeit, was das Bewusstsein für den Wert dieser Kunst vor Ort, wie auch deren Entwicklung förderte.
    Die jüngere Generation türkischer Künstler hat von diesen Veränderungen inhaltlich aber auch beruflich profitiert. Der Zugang zum internationalen Kunstbetrieb ist für Kunst aus der Türkei heute offener als noch vor wenigen Jahren.

    Einer der international beachteten türkischen Künstler der nach 2000er Generation ist Ahmet Ögüt. Ausstellungsbeteiligungen in San Francisco, Berlin, Sydney, Athen, Eindhoven, Seoul, Helsinki, Santa Fe, Nimes, Malmö, Stockholm, Zagreb, London, Banja Luka, Stuttgart. Einzelausstellungen in Basel und Barcelona, drei Biennalen, zahlreiche Online- und Printbeiträge. Die vergangenen zwölf Monate des 27 jährigen Künstlers mit Arbeits- und Wohnort Istanbul und Amsterdam waren künstlerisch dicht gedrängt.

    Malerei, Performance, Video, Skulptur, Fotografie, Zeichnung, Installation. Ahmet Ögüt wendet verschiedene künstlerische Mittel an, um vielseitig Zugang zu seinen Ideen zu schaffen. In seinen Arbeiten greift er Gewohntes auf. Handlungen, Gegenstände, Situationen, die uns jeden Tag unterkommen, die für uns nicht weiter beachtenswert sind, weil wir sie schon längst erfasst haben. Die gewitzten Interventionen, mit denen Ahmet Ögüt am Gewohnten ansetzt, bringen jedoch Unerwartetes zum Vorschein: Einlagerungen staatlicher Macht, Festschreibungen gesellschaftlicher Unterschiede und soziale Kälte aber auch Idealismus, Hoffnung, individueller Widerstand und Ohnmacht werden in den Alltäglichkeiten sichtbar. Es setzt, sagt Ahmet Ögüt über die Wirkung seiner Kunst, eine Erinnerung ein an etwas, das wir schon wissen, aber zu sehen vergessen haben.

    Statt dem oftmals hermetischen Weg der Theorie wählt der Künstler die Einstiegshilfe des Anektdotischen und Spielerisch-Absurden, um Menschen anzusprechen. Bei aller Leichtigkeit sind seine Arbeiten jedoch kritikvoll und weisen eine klare Schlagseite der Parteilichkeit für die entdeckerische, sich-öffnende, ausprobierende Seite im Menschen auf. Er wolle nicht belehren, sondern erinnern, und sei in seinem künstlerisch-politischen Selbstverständnis nicht an den großen Erzählungen interessiert, sondern an den Anekdoten. Diese könne man schnell erfassen. Sie verlangten nicht viel Zeit, um verstanden zu werden. So bleibe für jeden genug Zeit um darüber nachzudenken. (wh)

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