• Thomas Hirschhorn – Das Auge

    Jul 23 • Ausstellungen, Deutsch, Interviews, Podcast, Secession, Video, Wien, Österreich • 2983 Views

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    Heiß laufen, ausrasten, durchdrehen – rot sehen. Gefährlich rot, Stopprot, rot sind der Schmerz und das Leid, Flaggenrot, rot wie die Liebe und die Lust, glutrot, blutrot. “Das Auge” sieht rot. Ausschließlich. So lautet die Setzung des Schweizer Künstlers Thomas Hirschhorn. Er hat “Das Auge” in der Wiener Secession raumfüllend installiert.

    Thomas Hirschhorn ist Philosophiefan. Er bewundert Foucault. In einer seiner frühen Arbeiten fragt Foucault nach der “Ordnung der Dinge”, die uns die Welt übersichtlich macht, manche Dinge in ein Verhältnis zueinander rückt und andere wiederum als unvergleichbar kennzeichnet. Die Ordnung der Dinge, meint der Philosoph, versteht sich nicht von selbst. Auch anderes wäre möglich. Zur Anschauung zitiert Foucault aus J. L. Borges Buch “Das Eine und die Vielen” eine Enzyklopädie, die die Welt deutlich anders ordnet. Ein Beispiel: Die Klasse der Tiere wird dort kategorisiert in: einbalsamierte Tiere, Milchschweine, Sirenen, Fabeltieren, herrenlose Hunde, Tiere die dem Kaiser gehören, solche die mit einem ganz feinen Pinsel aus Kamelhaar gezeichnet werden können, Tiere die von weitem wie Fliegen aussehen usw.

    Was diese Ordnung für uns unmöglich macht, sagt der Philosoph, ist nicht die Tatsache, dass zur Klasse der Tiere auch die Fabeltiere gezählt werden. Die Unmöglichkeit ergibt sich daraus, dass sie Fabeltiere neben Milchschweinen und diese wiederum neben einbalsamierte Tiere und herrenlose Hunden etc. stellt, dass sie also Dinge auf eine Ebene bringt, von der wir uns beim besten Willen nicht vorstellen können, was diese Ebene sein könnte, auf der diese Dinge nebeneinander und zueinander in ein Verhältnis geraten.

    Was ist die Ebene, auf der in unserer realen Welt die Dinge nebeneinander geraten, fragt der Philosoph Foucault. In seiner Wiener Ausstellung antwortet Thomas Hirschhorn, der Fan des Philosophen und Künstler: Rot. ‘Das Auge’ sieht rot – ausschließlich rot. ‘Das Auge’ sieht rot ist eine Setzung des Künstlers, die alles Rote auf eine Ebene und zueinander in ein Verhältnis bringt.

    Hirschhorns rote, gegen die Unübersichtlichkeit einer immer komplizierter werdenden Welt gesetzte Ordnung gibt zu denken. Das hängt damit zusammen, dass der Künstler die Dinge zwar auf eine Ebene stellt, zugleich aber verweigert, ihren Zusammenhang dem Betrachter ordnend darzulegen: “‘Das Auge’ sieht aber ‘Das Auge’ versteht nicht.” So gesehen ist seine Installation ähnlich radikal wie die erwähnte Enzyklopädie Borges. Sie ist eine Setzung, die die Dinge auf einen gemeinsamen Boden stellt und ihnen ein Verhältnis nahe legt, das wir zu verstehen suchen – “Das Auge” versteht nicht, es prätendiert Verhältnisse nur. Hirschhorn selbst meint deshalb zu recht, seine Kunst sei prätentiös und ambitiös und in gewissem Sinne sei es auch irrsinnig, dieses ganze Ding des Zusammenhangs aufzeigen zu wollen.

    Sein Werkzeug ist das Umfassende, das Zuviel, das Irrsinnige, sein Darüber-hinaus-gehen über das, was in gewisser Weise erlaubt, ordentlich oder akzeptiert ist. Statt ordnender Reduktion setzt er er ein Übermaß an Ordnung, er verknüpft wie wild. Das ist rhizomorph. Hirschhorn ist Philosophiefan. Er hat auch dem französischen Philosophen Gilles Deleuze ein Monument gesetzt. Zusammen mit Félix Guattari postuliert Deleuze 1976: “1. und 2. – Prinzip der Konnexion und der Heterogenität. Jeder beliebige Punkt eines Rhizoms kann und muß mit jedem anderen verbunden werden. Ganz anders dagegen der Baum oder die Wurzel, wo ein Punkt und eine Ordnung festgesetzt wird.”
    (wh)

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  • Panta rhei – Vom Wandel und einem Museum im serbischen Novi Sad

    Jul 16 • Audio, Englisch, Museen, Museum für Zeitgenössische Kunst Vojvodina, Novi Sad, Podcast, Serbien • 2892 Views

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    “Zeitgenössische Kunst als ein Feld für menschliche Freiheit, als Chance, den Blick eines Individuums unserer Zeit auf die Gesellschaft zu verstehen.” Das Feld der Freiheit ist größer, wenn es zeitgenössische Kunst gibt, ist Slavko Bogdanovic gelernter Jurist und Vorsitzender des Direktorenboards des Museums zeitgenössischer Kunst der Vojvodina überzeugt. Schon deshalb sei es im Interesse aller, ihren Bestand zu pflegen.

    Die Rahmenbedingungen für zeitgenössische Kunst sind in der Vojvodina, wie auch in anderen Teilen Serbiens und der südosteuropäischen Welt, im Umbruch. Alte, aus der Zeit vor dem Krieg stammende Strukturen der Produktion, Vermittlung, Theoriebildung und Vermarktung sind zerbrochen oder haben sich überholt. Fehlende Ressourcen haben den Aufbau neuer fördernder Bedingungen lange verhindert und erschweren sie noch heute. Geändert hat sich die Einstellung vieler Menschen im Kunstbetrieb. Statt sich ob bestehender Widrigkeiten zu bemitleiden, wird agiert.

    Museum für Zeitgenössische Kunst, Vojvodina. Teil 1

    Museum für Zeitgenössische Kunst, Vojvodina. Teil 2

    Museum für Zeitgenössische Kunst, Vojvodina. Teil 3

    Im Jänner 2007 wurde ein internationaler Wettbewerb zur Planung eines Museums der Zeitgenössischen Kunst der Vojvodina ausgeschrieben, im Juni entschied sich die Jury für den Entwurf des kanadisch-serbischen Teams rund um Robert Claiborne, Lia Ruccolo and Ivan Markov. Mit dem Plan für das neue Museum sollen neue Zeiten Einzug halten in das Gebäude der zeitgenössischen Kunst. Es wird sich verändern, in physischer aber auch konzeptueller Hinsicht, meint Ljubica Milovic. Sie steuert die Projektentwicklung und blickt den neuen Zeiten positiv entgegen. Vorbei die Angst um im Donauwasser untergehende Kunstwerke im Museumsarchiv. Vorbei auch die Zeit der für Restaurierung fehlenden Mittel und damit zusammenhängend andauerndem Raumschwund, der das Museum allmählich vom Ausstellungsort in ein Kunstlager verwandelt hat. Statt dessen Vertrauen auf wirtschaftliches Geschick, Hoffnung auf neue, vor allem auch private Sponsoren und eine – so Serbien sich öffnen lässt – geöffnete Welt. Die Gebäudevision hat Symbolwert. Sie steht für die offizielle Öffnung der Kunst des Landes und ihren Einlass in eine Welt, die auch den Menschen Serbiens nicht offen steht. Doch noch ist sie nicht verwirklicht, das Museum besteht nur am Plan.

    Kleinere Organisationen der zweitgrößten Stadt Serbiens, beispielsweise das Zentrum für neue Medien kuda.org oder die Art Klinika, die sich künstlerisch einer an Krieg und Nationalismus erkrankten Gesellschaft widmet, sind aufgrund ihrer Struktur beweglicher und vielleicht auch in ihrer Öffnung weiter. Geht es um die Notwendigkeit, wandelnden Bedingungen mit neuen Konzepten zu begegnen, steckt jedoch auch der Direktor des Museums Zivko Grozdanic voller Ideen.

    Wofür ein Museum moderner Kunst da sein soll und worin aktuell seine Leistungen im Kontext der Kunstwelt bestehen, dafür bietet unsere Podcastepisode Antworten aus serbischer Sicht, die Fragen hat Ewa Stern für CastYourArt in Novi Sad gestellt. (wh)

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  • Bernhard Buhmann – Charaktere, Rollen, Räume

    Jul 9 • Deutsch, Podcast, Portraits, Video, Wien, Österreich • 2291 Views

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    2007 gewinnt er den Kölner Art Award, ein Jahr darauf ist er Preisträger der Strabag Kunstsammlung in Wien. Bernhard Buhmann, 1979 in Vorarlberg geboren, ist jung und talentiert. Seine Arbeiten entstehen im Atelier, noch studiert er bei Johanna Kandl an der Universität für angewandte Kunst.

    Künstlerisch gesehen befindet sich der Maler zur Zeit in einer Zwischenphase. Werde der eigenen Malerei Anerkennung entgegengebracht, verleite das, stehen zu bleiben, zu reproduzieren, was Erfolg verspricht. Die finanzielle Sicherheit entlaste, trotzdem habe er sich entschieden, seine vorige Phase zu beenden. Im Moment richtet er sich neu aus. Das ist eine unsichere Zeit. Nicht nur, dass das Können auf die Probe gestellt wird, und Bilder plötzlich den Erwartungen anderer nicht mehr von vornherein entsprechen. Es liegt auch an der Suche selbst, als die sich seine künstlerische Arbeit herausstellt. Sie ist nicht mit der Suche nach Antworten auf klare Fragen vergleichbar, vielmehr sei es eine Bewegung ins Vage, erst nach und nach zeichnen sich Motive und Interessenslinien ab.

    Was ändert sich? Zunächst waren Portraitarbeiten bestimmend. Der Maler zeigt Personen, die gegenüber dem Betrachter verhalten wirken, für sich sind, manchmal vertieft ins Spiel mit Rubiks Würfel, manchmal in Blicken verhalten, die Beziehungsräume andeuten. Das räumliche Element ist sozial. Verhältnisse interessieren, das kommt schon aus der Zeit vor der Malerei, Bernhard Buhmann hat Soziologie studiert.

    In den neuen Arbeiten wird das räumliche Element erweitert, die Figuren treten als Individuen zurück. Sie entsprechen nun eher Idealtypen, sind formalisierter, die Gesichtszüge werden zurückgenommen, sie tragen Rollen, Idealtypen, Situationen zur Schau. Raum ist in den neuen Arbeiten nicht nur Beziehungsraum. Der Maler platziert seine Figuren in ein surrealistisch bühnenartiges Set, aus Räumen, Hinterräumen, temporär platzierten Stellwänden. Die Räume haben keine Vorlage im Gewohnten, die Dramaturgie, die Gestalten, sagt er, entstehen nicht nach Vorbildern, sondern entwickeln sich auf der Leinwand. Einflüsse beziehe er von überall, aus dem alltäglichen Leben ebenso wie aus Renaissance und Barock. Aber er bilde nicht nach. Es gehe ihm darum, den kreativen Prozess nicht in einem anderen Medium stattfinden zu lassen, erst so entwickeln Bilder eine dem Medium eigene Stärke. (wh)

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  • Ulrike Truger – In den Weg gestellt

    Jul 2 • Deutsch, Podcast, Portraits, Video, Wien, Österreich • 2220 Views

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    Bildhauerinnen, glaubt man, gibt es nicht viele. Obwohl, es hat sie immer gegeben. Sabina von Steinbach beispielsweise war im dreizehnten Jahrhundert für die Statuen am Südportal der Notres-Dame Kirche in Strasbourg verantwortlich. Meist jedoch sind ihre Namen in der Geschichte verloren gegangen oder sie arbeiteten in den Domwerkstätten anonym.

    Die Bildhauerin Ulrike Truger hat sich mit ihrer Kunst immer der Öffentlichkeit gestellt, oft auch in den Weg gestellt. Die Mühe, unter der dem Stein Form abgerungen wird, findet ihr Gegenstück in seiner Beständigkeit. Die steinerne Widerspenstigkeit ist nicht nur Arbeit, sie ist auch ein Geschenk, denn als Bildhauerin schaffe sie eine Kunst, die sich nicht so leicht wegrücken lässt – nicht aus dem Weg und auch nicht aus dem Gedächtnis.

    Mit jenen Skulpturen, die sie unter die Kategorie gesellschaftspolitische Projekte reiht, platziert die Künstlerin im öffentlichen Raum Stachel gegen Ungerechtigkeit, Wegsehen und Vergessen. Unser Fortschritt, ein Thema das sie aufgrund seiner Widersprüchlichkeit interessiert, habe vieles gebracht. Doch müsse man auch jene Seiten ins Bewusstsein rufen, wo unser Fortschritt die Menschlichkeit überholt. Ihr am Beginn der Wiener Einkaufsmeile Mariahilfer Straße platzierter Marcus Omofuma Stein ist ein Beispiel dafür. Er gemahnt der Abschiebepraxis eines zur Konsumfestung ausgebauten Schengen-Europa, die den Widerstand und das Leben eines nigerianischen Flüchtlings noch im Flugzeug zum ersticken brachte. Ihre Wächterin, ein tonnenschweres Zeichen kritischer Aufmerksamkeit angesichts der Beteiligung der Haider Partei an der Regierung, hat sie illegal an der Wiener Ringstraße vor dem Burgtheater aufgestellt.

    Wer Form aus Stein meißelt muss Durchhaltevermögen haben, auch in öffentlichen Belangen. Eine weitere Skulptur hat die Stadt Wien aus dem Zentrum verbannt, um die Positionierung wird noch gekämpft. Aber es ist nicht nur ihre Standhaftigkeit, die Ulrike Truger mit ihrer künstlerischen Arbeit verbindet. Die Körperlichkeit ihrer Tätigkeit. Die Rhythmik des Klangs, wenn der Hammer den Meisel trifft. Die Auseinandersetzung mit dem Stein, seinem Charakter, der geachtet werden will, weil er Form und Möglichkeiten kommuniziert. Die Arbeit draußen, im Freien und die Veränderungen des Materials unter den Einflüssen von Wetter, Jahreszeiten und Licht. Das alles berührt die sinnlichen Seiten des Lebens, bildet einen Teil ihrer Kunst, der ihr ebenso wichtig ist, denn das gibt ihr auf einer anderen Ebene Energie zurück, die sie als Bildhauerin zum Einsatz bringt. (wh)

    Aktuell: Im November 2009 wurde die neue Arbeit “GIGANT Mensch Macht Würde” der Bildhauerin Ulrike Truger in Wien zwischen Künstlerhaus und Musikverein aufgestellt. “Ich spreche” heißt es im begleitenden Essay von Leander Kaiser “von ‘Denkmalsetzungen’, weil es in jedem Fall ein politisches und künstlerisches Handeln ohne Auftrag, aus Eigenwillen und persönlichem Verantwortungsbewußtsein, auf Risiko und Rechnung der Künstlerin war. Wie auch diesmal war jede Denkmalsetzung ein Kampf um die Durchsetzung des Ortes und der Präsenz im öffentlichen Raum. Ein Kampf sowohl für das humanistische Anliegen als auch für die Gültigkeit der künstlerischen Aussage; und ein Kampf gegen den resignativen Rückzug der Kunst aus der politeia.”

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  • Götz Bury – Illusions

    Jun 25 • Deutsch, Podcast, Portraits, Video, Wien, Österreich • 2976 Views

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    Kunst kann Medienkritik sein und Medienkritik kann Spaß machen, das jedenfalls lehrt die Kunst des Traumfabrikanten Götz Bury. In seiner Traumfabrik produziert der Künstler Prototypisches aus den Bilderlandschaften der Medienwelten nach. Vom Truthahn servierenden Präsidenten im Kampfanzug über die Protagonisten der Achse des Bösen – mit und ohne Kalaschnikow. Vom Urlaub unter Palmen bis zur Dokumentation des Lebens im Neandertal oder sonst wo auf der Welt.

    Die Requisiten medialer Wirklichkeitsstereotypie entstehen in der Werkstatt des Künstlers aus Blech, Pappe und Holz und werden von den Besuchern der Traumfabrik unter hohem gestischen und mimischen Eigeneinsatz reinszeniert. Erlebbar werden dadurch die Kompositionen der Wirklichkeitsbilder ebenso wie die Skurrilität der Übertreibung, der sich die einfache Entzifferbarkeit der medial dargebotenen Realität verdankt.

    Was Anspruch auf Wirklichkeit oder gar Geschichte haben will muss mediengerecht ins Bild gerückt, d. h. grotesk überzogen werden. So wie uns Radiomoderatoren durch Anstieg der Stimme, beschleunigtes Sprechtempo und übermäßige Klangmelodie professionell simulieren, dass die Laune gut ist, wird Freude über den Bildschirm erst dann leicht fassbar, wenn in einem Ausmaß gesichtsverzerrend gelächelt wird, das bereits schmerzt.

    Wer in der Traumfabrik zu Besuch war erhält vom Künstler ein Foto seiner Selbstinszenierung mit auf den Heimweg und ein Stück Gewissheit, dass Realität ein surrealer Traum ist und wer sich da Illusionen macht, naiv. (wh)

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  • Fuckhead – Dieses schöne Lied

    Jun 18 • Deutsch, Donau Festival Krems, Festivals, Krems, Podcast, Video, Österreich • 4492 Views

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    Dieses schöne Lied verstört, zumindest seit die Gruppe Fuckhead dessen fortschreitende Dekonstruktion mit großen Gesten zelebriert. Gefesselt schon in jungen Jahren vom Adrenalinkick in der Moshpit, waren die Musiker und Performer Aigner, Bruckmayr, Strohmann, Kern, Jöchtl und Pittermann ursprünglich als Noise-Rockband angetreten. Mit ihrer Musik und den zusehends in die Auftritte integrierten, Tableaux Vivants artigen Schlussbildern grenzte sich Fuckhead von den Authentizitäts-Attitüden der Nieten-Punk Generation Ende der achtziger Jahre ab. Der ironische Umgang mit Authentizitätsbildern in ihren politischen aber auch die Männlichkeit betreffenden Färbungen ist ihnen bis heute geblieben.

    Ironie muss verstanden werden, um als solche wahrgenommen zu werden. Das hat nicht immer funktioniert. Zu Beginn ihrer Karriere stand Fuckhead bald als Projektionsfläche vieler in vielfach bösem Ruf. Den Linken war Fuckhead zu rechts, den Rechten zu schwul, dem Underground fehlte es an politischer Programmatik und für die Kunstwelt war Fuckhead zu unanpassbar, um sie in Kunsttheoriezirkel und -geschäft zu integrieren.

    Musik und Performanceanteil halten sich bei Fuckhead die Waage. Legen die einen mehr Gewicht aufs Musikalische, finden sich die anderen vor allem im Visuellen wieder. Im Mittelpunkt der visuellen Szenerie stand lange Zeit die Erprobung des eigenen Körpers. Mit Bruckmayrs durch die Brust gezogene Stahlseilhängung war für die Band eine Grenze erreicht, die weitere Ausrichtung ihrer Performance stand in Frage. “Wir haben uns in letzter Zeit wieder etwas bunter aufgestellt”, kommentieren die Mitglieder von Fuckhead die Neupositionierung. Das Publikum hat diesen Wechsel angenommen, die Vibes sind positiv und die Adrenalindusche Fuckhead lebt. Insbesondere wenn, wie am Donaufestival in Krems, der kalifornische Body-Art Performer Ron Athey die falschen Perlen anal veräußert, mit denen die europäischen Eroberer die Ureinwohner Amerikas in bereichernder Absicht für sich eingenommen hatten. (wh)
    Die Aufnahmen zur Episode entstanden am Donaufestival Krems.

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  • Sylvia Ferino – Birnen als Tränensäcke, ein Maiskolben das Ohr.

    Jun 11 • Audio, Ausstellungen, Deutsch, Interviews, Kunsthistorisches Museum Wien, Museen, Podcast, Wien, Österreich • 2773 Views

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    Gut fünfzig Jahre war es her, dass der Kartograf Waldseemüller Vespucci seinen Respekt erwiesen und die Mundus Novus in Anlehnung an dessen Vornamen als den Kontinent Amerika bezeichnet hatte. Das Interesse Europas an den Importwaren aus der neuen Welt war in dieser Zeit immens gestiegen. Mit dem Wirtschaftsraum hatte sich der Alte Welt auch einen neuen Wissensraum erschlossen, den es wissenschaftlich zu erobern galt.

    Dass der Mailänder Maler Giuseppe Arcimboldo am Hof des Habsburgerkaisers Maximillian II mit der Portraitierung menschlicher Gesichter, zusammengestellt aus Meeresfrüchten, Obst und Gemüse, begann, muss vor dem Hintergrund dieser sich neu erstreckenden Wissenslandschaft des 16. Jahrhunderts gesehen werden. Natürlich, so die Kuratorin am kunsthistorischen Museum in Wien, Dr. Sylvia Ferino, zogen die Metamorphosen des menschlichen Gesichtes auch damals schon in Bann und konnten als Aufsehen erregender bildnerischer Kunstgriff Arcimboldos gelten. Zugleich aber zeugen Arcimboldos Bilder vom Erwachen der Naturwissenschaften und der humanistischen Reflexion des europäischen Selbst im Spiegel der neuen Welt.

    Von Kaiser Ferdinand I noch als Kopist und Portraitist nach Wien geholt, erweiterte sich das Aufgabengebiet des Malers unter dessen Sohn Kaiser Maximillian II und Enkel Rudolf II. Arcimboldo dokumentierte für das künstlerisch und wissenschaftlich interessierte Herrscherhaus Flora und Fauna. Elemente dieser Tätigkeit fanden Eingang in seine Kompositköpfe, sie dienten aber auch als Anschauungs- und Studienmaterial in den gelehrten Schriften der Wissenschaftler seiner Zeit. Nebenher erfand Arcimboldo hydraulische Maschinen, entwarf Brücken, entwickelte synästhetische Theorien und stand als Hofkünstler ob seines universalen Könnens sowie als Ausrichter kaiserlicher Feste nicht nur bei seinen Arbeitgebern, sondern auch bei Gelehrten wie dem Begründer der modernen Zoologie Ulisse Aldrovandi in bestem Ruf. (wh)

    Sylvia Ferino – Birnen als Tränensäcke. Über Arcimboldo, Teil 1

    Sylvia Ferino – Birnen als Tränensäcke. Über Arcimboldo, Teil 2

    Dr. Sylvia Ferino, mit der wir über die Verbindung seiner Arbeiten mit dem gesellschaftlichen Hintergrund seiner Zeit gesprochen haben, wurde für ihre Tätigkeit im Zeichen der italienischen Renaissancemalerei mehrfach ausgezeichnet. Sie hat unter anderem die Arcimboldo Ausstellung, die zunächst im Pariser Musée du Luxembourg und danach im Kunsthistorischen Museum in Wien gezeigt wurde, kuratiert.

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  • Heidi Popovic – Das unspektakuläre Leben

    Jun 4 • Deutsch, Kunstwerke, Portraits, Video, Wien, Österreich • 29475 Views

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    Der kleine Superheld Superrobbie, er hat die Statur einer Playmobilfigur, blickt zusammen mit den anderen kleinen Mitstreitern von einer Tapete, die uns – ganz Kinderzimmerästhetik – in fröhlichen Grundfarben entgegenstrahlt. Umgeben von schnuckeligen Entchen nimmt sich der kleine Superrobbie ein Vorbild an der Wirklichkeit. Er hat eine Pistole in der Hand. Vor ihm niedergestreckt tote Lehrer, ebenfalls in Playmobilstatur. Seine Wirklichkeit trägt den Namen Erfurt.

    Christian Pölzler schafft unter dem Markennamen Heidi Popovic Kunst, die auf den ersten Blick zynisch wirken kann, es aber nicht ist. In Posterillusionen des Pop, in dekorativen Mustern Salon gestaltender Tapeten, in Reklamen einer Werbewelt, die uns verspricht, dass alles in bester Ordnung ist, birgt Christian Pölzler Illusionsverlust und tagespolitische Apokalypse. Im Stil erscheinen Erfurt, Enschede, 9.11, fünfzig Jahre Contergan in den Arbeiten des Künstlers wie Antworten auf die Frage “What’s new, Pussycat?” Aber Pölzlers Kunstmischung meißelt an gesellschaftlich neurotischen Verniedlichungsformen anders als Woody Allen. Seine bildsprachliche Mischung vom Wahnsinn, der uns normal geworden ist, hat eine in ihrer Deutlichkeit an Thomas Bernhard erinnernde Kraft. Pölzler schafft Pop-Art, die reklamiert. (wh)

    Zahlreiche Arbeiten des Künstlers zeigt der Galerist Rudolf Budja in seiner Galerie Artmosphere.

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  • Rita Nowak – Tableaux vivants

    Mai 28 • Deutsch, Kunstwerke, Podcast, Video, Wien, Österreich • 2580 Views

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    Die Inszenierung von Bildern durch lebende Personen hat Tradition. Man fand sie bereits in den Triumph- und Prozessionszügen der Antike und sie kehren wieder in katholischen Prozessionen sowie Festumzügen der Renaissance und des Barock. Ein weiteres Mal tritt die Kunst der zur Bewegungslosigkeit erstarrten Szenerie Ende des 18. Jahrhunderts aufs Parkett. Ausgehend von Frankreich und fortan Tableaux Vivants genannt, finden die Verkörperungen historischer Gemälde und Skulpturen Eingang in die Unterhaltungskultur bürgerlicher Salons und in das Darstellungsrepertoir der Theater- und Revuewelt des 19. Jahrhunderts.

    Mit ihren fotografisch festgehaltenen Szenerien steht die in Wien und London lebende Künstlerin Rita Nowak in der Tradition der Verkörperung lebendiger Bilder. Ausgehend von historischen Gemäldevorlagen werden mithilfe befreundeter Künstlerinnen und Künstler lebendige Bilder komponiert, die ihren Vorbildern eine zeitgemäße Sprache verleihen. Nicht um Nachbildung geht es dabei, erforscht werden die Möglichkeiten der Übertragung. So entstehen Bilder der Vergegenwärtigung des Vergangenen im Jetzt und des Aktuellen in der Bildsprache vergangener Jahrhunderte.

    Begonnen hat Rita Nowak ihre künstlerischen Arbeiten mit Portraits von Statuen und Selbstportraits. Die Fähigkeit der Portraitierung, der Bildnisschaffung des Menschen, findet sich in ihren Tableaux Vivants Arbeiten wieder. Die Posen des Körpers und der Raum der Szenerie ihrer Tableaux sind deshalb nicht nur Interpretationen der klassischen Vorlagen. Es handelt sich zugleich um Persönlichkeitsbilder, in denen der Raum, das Licht, die Gegenstände mit der verkörpernden Person verfließen und Selbstvergegenwärtigung nicht nur in historischem, sondern auch individuell-persönlichem Sinn stattfindet. (wh)

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  • Mankind at the Donau Festival

    Mai 21 • Donau Festival Krems, Englisch, Festivals, Interviews, Krems, Podcast, Video, Österreich • 1660 Views

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    Im Fall von Mankind wird die Menschheit von zwei Künstlerinnen gestellt. Wie jede andere Menschheit hat auch diese ihre Vorgeschichte. Der eine Teil von Mankind, D. Kimm, ist eine aus Montréal stammende Dichterin und Musikerin. Bereits vor ihrer Zeit bei Mankind organisierte sie Literaturfestivals und verschrieb sich als Leiterin von “Les Filles électriques” der Aufführung von Poesie in ihren schriftlichen, gesprochenen und elektronischen Formen. Der andere Teil der Menschheit hat Wurzeln in Ottawa, heißt Alexis O`Hara und sammelte als Musikerin elektronischer Klangzunft, Onomatopoetin und Poetry Slammerin bereits Erfahrung in der Verdichtung menschlicher Belange.

    Mankind performt life elektronisches Klanggut mit eigenen, zu Loops geschleuderten, Stimmlagen, poetischen Konversationen und on the go produzierten Geräuschkulissen zu einem Klangkino von besonderer visueller, akustischer und inhaltlicher Dichte. Ihren eigenen Worten zu Folge ist Mankind “Überschallkino mit visuellem Bonus”. Das Publikum erlebt filmische Qualität ohne Rewind-Knopf. Der improvisatorische Charakter ihrer Performances führt ständig Neues vor Augen und durchbricht die gläserne vierte Wand, die im herkömmlichen Theater die Kunst vom Zuschauerraum trennt.

    Mankind, der Name des Duos, ist inhaltlich-programmatischer Natur. Das menschliche Sein zieht sich als roter Faden durch ihre stets themenbezogenen Inszenierungen. Gelebte und gewünschte Alltäglichkeiten werden entworfen. Was dem Profanen zu Grunde liegt – verheimlicht oder geheiligt – kommt in den Blick. Mankind durchleuchten die Wunschmaschine Leben. Was sie uns vorfertigt an Schönem und Schwierigem wird audioszenisch gesichtet, improvisatorisch erweitert, gebrochen, mitunter auch zerstört. “We seek out Beauty as well as Trouble. We transcend the Palpable and the Impalpable. Our Weakness is our Strength.” heißt es im künstlerischen Manifest, ” We are Mankind.”. (wh)
    Die Aufnahmen zur Episode entstanden am Donaufestival Krems.

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