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The Bruce High Quality Foundation - Die befreiende Qualität des Fiktiven
1. Juli 2009, 11:20:58 unter Englisch, New York, Podcast, Portraits, USA, VideoDie Suche nach einer Identität ist obsessiv geworden. Andy Warhol hat unser lebenslängliches Streben nach fünfzehn Minuten Ruhm als Sache unserer Zeit prognostiziert. Wer heute Celebrity Status erlangt, ist am Gipfel des Erfolgs. Die Kunstwelt ist von diesem Trend nicht ausgeschlossen. Der Typus “weltberühmter Künstlers” wird oft mit ebensolchem Engagement verfolgt, wie die Kunst selbst. Dass der Personenkult dem Profit nicht abdienlich ist, zeigen die Preisniveaus die Kunstwerke berühmter Künstler wie Klimt, Picasso oder Pollock erreichen. Die schwer fassbare Natur des kreativen Genies hat ein Ausmaß der Verehrung erreicht, ob derer Museen zu geheiligten Hallen mutieren.
Eine der faszinierendsten Fähigkeiten von Kunst ist, sich ständig neu zu erfinden. Stile werden in Frage gestellt. Theorien als falsch oder überholt entlarvt. Regeln gebrochen. Letztlich ist es eine Funktion heutiger Kunst, uns Dinge anders sehen zu lassen. Gerade dann, wenn wir glauben, wir haben das Spiel erfasst, mischt Kunst ihre Karten neu.

Gerade lesen wir zum wiederholten Mal von einem Gemälde, das noch teurer verkauft wurde, und vom soundso vielten Jungstar, der die Kunstszene aufmischt. Zur gleichen Zeit setzt bereits eine leise Gegenbewegung ein. Der Personenkult bereitet auch einen Boden für die Suche nach Anonymität. Neu entstehende Kunstkollektive wenden sich gegen Egoismus, Ruhm und Wiedererkennungswert – all dies wird als Auslaufmodell wahrgenommen. Die Rollenzuschreibungen und Bildnachweise begrenzen.
“Die radikalste Ausdrucksform von Kunst ist ihre eigene Existenz.” Das ist eine der Schlüsselstellen im künstlerischen Aussagesystem der Bruce High Quality Foundation. Das junge Künstlerkollektiv aus Brooklyn, New York, hat Karriere und Studio erfolgreich im Geist der Zusammenarbeit entwickelt. Auch wenn ihre individuellen Namen bislang in der Presse nicht zu lesen waren und dort auch keine Fotos der einzelnen Personen gezeigt wurden, ihre Philosophie, sagen die Künstler, hat nichts mit diesem “Aura des Unerreichbaren Mist” zu tun, oder mit strategischem Sich-Rar-Machen. Ihnen gehe es um die “befreiende Qualität des Fiktiven”, um das Prinzip, dass die so genannten Fakten nicht notwendigerweise zur Wahrheit führen. Das Kollektiv vermeidet, sich an Fakten festmachen zu lassen. Daraus entwickeln sich interessante Herausforderungen: sich nicht für einen offiziellen Wikipedia Beitrag eignen, da Wikipediabeiträge auf Fakten basieren müssen, die sich in zumindest zwei Publikationen wieder finden, oder die möglichst häufige “Missinterpretation” durch die Presse.
Das sind Aspekte unseres künstlerischen Daseins, die uns Spaß machen, heißt es aus dem Kollektiv. Es darf nicht verwundern, dass sich die lose Zusammenarbeit der jungen Herren oft durch das Hochnehmen der Hochkultur charakterisiert: Spiel mit Referenzen, wenn berühmten Kunstwerken ein Bruce Gesicht übergestülpt wird, verrückte Interventionen, wie die inszenierte Protestaktion auf der Art Basel in Miami, Massenevents bei denen z.B. die eigene Version von Cats on Broadway aufgeführt wird. Arbeiten die etwas von Jungenstreichen haben.
Der vielleicht faszinierendste Aspekt des Kollektives besteht in seinem Willen zu existieren und weiter zu bestehen. Folgt man ihren Aussagen, so lautet die Frage, die sie am häufigsten gestellt bekommen, wie lange das Experiment noch weitergehen wird. Die Erfolgsformel der Bruce High Quality Foundation könnten sich politische Projekte zu Nutze machen. Alles im Fluss halten, Offenheit, aufrichtiger Zusammenhalt: Die Ingredienzien funktionieren, ein Ende ist nicht in Sicht. (jn/wh)
Liselot van der Heijden - Der Blick im Visier
3. Juni 2009, 12:13:12 unter Englisch, New York, Podcast, Portraits, USAWir leben in einem visuellen Zeitalter. Was wir unternehmen, wird häufig davon bestimmt, was wir zu sehen bekommen – in Galerien, Kinos oder im Zoo. Obwohl wir in einer überwachungsstarken Zeit leben bleiben unsere Blicke jedoch häufig unhinterfragt. Wir jagen Bildern nach, die unseren Erwartungen und Konzepten von Schönheit oder Natur entsprechen oder schlicht beachtenswert erscheinen. Unsere Augen sind darauf trainiert, auszusieben und dasjenige festzuhalten, das für uns Bedeutung hat und mit anderen geteilt werden kann.
Natürlich, manchmal werden Blickgewohnheiten auch hinterfragt. Aber sind wir hinsichtlich unserer Sichtweisen kritisch genug, wenn wir Blickkonzepte mit dem Ziel zerbrechen, nicht in vorgefertigte voyeuristische Fallen zu tappen, wenn wir als Individualreisende ausgetretenen Pfade verlassen wollen und verlangen, niemand dürfe in der Position des “anderen” erstarren, weil anstarren unhöflich ist?
Seit es Kunst und Künstler gibt, gibt es auch jene, die sich Kunst ansehen. Kunst bietet die Chance gewohnte Blickpositionen zu verlassen und Dinge anders zu sehen. Reflexion wird dabei oft zur Selbstreflexion, der Betrachter zum Betrachter seiner selbst. In ihrer Arbeit erforscht die Künstlerin Liselot van der Heijden unsere visuellen Positionierungen. In ihre kompakten, reduzierten und zugleich vielschichtigen visuellen Installationen ist der Betrachter stets integriert, dabei kann das Verständnis von Sehen als passivem Akt nicht bestehen bleiben.

Natur spielt einen gewichtige Rolle in der Kunst van der Heijdens. Arbeiten, in denen sie sich eines Archivs aus Naturdokumentationen, Rundfahrten und Filmmaterial bedient, erinnern uns ständig daran, dass unsere Sicht dessen, was wir als natürlich empfinden, perspektivisch ist, etwas an dessen Konstruktion wir beteiligt sind und das wir mit unseren Intentionen durchziehen. In Ausstellungen wie “Aporia”, die den Betrachter mit einer in die Länge gezogenen Version der letzten Atemzüge eines Zebras konfrontiert, “Primate Visions”, in der die vierte Wand von Zoogehegen niedergerissen wird, oder “Natural History”, in welcher die Beobachter der Diaramas des New Yorker Naturgeschichtlichen Museums unbewusst Leben in lebensechte Figuren projizieren, erscheint die Vermenschlichung der Welt gegenüber der weitaus komplexeren Verhältnismäßigkeit zwischen Natürlichem und Unnatürlichem als angestaubtes Konzept.
Geboren und aufgewachsen ist Liselot van der Heijden in den Niederlanden. Seit … Jahren lebt sie in New York, wo sie ihre Irritation während der Bush Administration in ihre Arbeiten einfließen ließ. Kurz nach 9/11 als Ari Fleischer Amerikaner eindringlich warnte “darauf zu schauen was wir sagen” warf van der Heijden einen wachsamen Blick auf Bush, indem sie zwei seiner Reden an die Nation, in einem Video auf die darin enthaltenen Schlagworte “America” und Phrasen “das Böse ist real” und “Gott ist nah” reduzierte und mit dem lang anhaltenden Beifall der Zuhörer und –seher vermischte.
Nachdenken über Vermittlung und Komplizenschaft führt zum Nachdenken über Politik und van der Heijdens kritische Ablehnung der Beobachterposition kann, in diesem Fall, auch auf Bürger angewandt werden. (jn/wh)
William Anthony - Komödie der Irrungen
13. Mai 2009, 09:18:13 unter Englisch, New York, Podcast, Portraits, USA, VideoDie Kunstwelt nimmt sich selbst oft ernst, sehr ernst. Nehmen wir da zum Beispiel die Stille der Ateliers, in denen pflichtbewusste Studierende ehrgeizig Aktmodelle zeichnen, oder die raffinierten Worte, mit denen in Kunstmagazinen Kunstwerke und Ausstellungen für die Leserschaft aufbereitet und seziert werden, oder die heiligen, von Wachpersonal beaufsichtigten, auf konstante Temperatur und Luftfeuchtigkeit getrimmten Hallen renommierter Museen rund um den Globus – bildende Kunst ist, so gesehen, eine Sache, bei der es wenig zu lachen gibt.
Es hat eine Zeit gegeben, in der der New Yorker Künstler William Anthony eben so Ernst genommen werden wollte. Aber dann kam der Tag, an dem er endlich zu seinen Studierenden durchdrang. Gerade hatte er seinen Studenten ein Blatt präsentiert, auf dem er anschaulich die von Anfängern begangenen klassischen “don’t”s figürlicher Darstellung versammelt hatte. Als, sagt der heute 75 jährige, für ihn, den Seriösen, unerwartetes passiert sei. Die Studierenden hätten gelacht, er habe eine Seite berührt, die die jungen Künstler für sein Anliegen geöffnet habe. Von Fehlern lernen, schien ihm, das funktioniert.

Von da an beschloss der Künstler, das Fehlerhafte zu seiner Profession zu machen. Ginge es nicht um seine Sache, seine Arbeiten erschienen als Kritzelei von Kindern. Bei näherer Betrachtung zeigen sie sich als ausgetüftelter Stil, der auf vorsätzlichen Fehlern und absichtlich erkennbaren Versuchen, diese Fehler zu verbergen besteht, aber auch als ein eklektisches Set, das auf verschiedene Genres und berühmte Kunstwerke Bezug nimmt oder zeitgeschichtliche Ereignisse, die den Spott der Kunst verdienen.
Anleihe an der Pop Art nehmend, die zu dieser Zeit gerade in voller Entwicklung stand, entwickelte der Künstler nicht nur rasch einen scharfen Blick, sondern auch ein offenes Ohr für das Lächerliche. Dümmliche Titelblätter von Magazinen, kunsthistorische Anekdoten und natürlich eine Reihe mehr oder weniger bekannter Kunstwerke wurden zum Futter seines satirischen Repertoires.
Seine am Komischen orientierte Annäherung brachte seine Arbeiten auf die Seiten von Warhol’s Zeitschrift Interview oder auch auf jene des Artforums und in Galerien sowie Museen rund um die Welt. Zusätzlich hat er eine Reihe von Büchern veröffentlicht, nicht nur zu technischen Fragen des Zeichnens, sondern auch zu so luftigen Themen wie der Zweite Weltkrieg oder die Bibel. Unter Kunstkritikern ist William Anthony beliebt, nicht zuletzt weil sein Spektrum des Spöttischen in der Kunst von Fragonard oder Bosch bis zu Manet und Hockney reicht. Er meint, kein Künstler sei ihm zu wichtig, um nicht hochgenommen zu werden, mehr noch, sie hätten Glück, dass er sich mit ihnen beschäftige, denn das sei nicht selten der Moment, wo der Spass in ihrer Kunst erst beginne. (jn/wh)
Francisca Benitez - Flüchtige Stadt
18. März 2009, 11:28:36 unter Englisch, New York, Podcast, Portraits, USA, VideoAls Architektin im Ruhestand bezeichnet sich die 36 jährige Künstlerin Francisca Benitez. Das erste mal als sie von Chile nach New York kam, vor 10 Jahren, war es ihr architektonischer Background, der ihre Vorstellungen vom Leben von dieser Stadt prägte. Was sie sich als kreative, intellektuelle und herausfordernde Berufserfahrung ausgemalt hatte, entpuppte sich als Lektion in städtischer Bürokratie – auslegen von Gebäudecodierungen und Zonenbeschränkungen, seinen Weg finden durch den Behördenkram, Konfrontation mit den Herausforderungen eines komplexen Systems aus Regeln, Regulierungen und Protokollen.

Letztlich dienten ihr die Hindernisse, eine einzigartige Perspektive und Konzeption einer überbordenden, städtischen Landschaft herauszubilden. Sie entdeckte, dass ihre Aufmerksamkeit mehr und mehr von jenen Aspekten und Bereichen in ihrer Umgebung angezogen wurde, die leicht zu übersehen sind, oder einfach für selbstverständlich gehalten werden, und damit dem Blick entgehen. Intellektuell geformt und inspiriert von ihren Vorbildern, dem Architekten Gordon Matta-Clark und dem Maler, Grafiker, Fotografen und Filmemacher Ed Ruscha, verlor sie nie den Blick für das Wichtige – dass das Rechtssystem der Grenzziehungen, -linien und Auseinandersetzungen ein Prozess ist, in dem ständig festgelegt wird, egal ob die Ergebnisse Richtlinien folgten oder nicht.
In einer Stadt von der Dichte New Yorks, ist öffentlicher Raum ständig ein Thema. Die endlose Prozession aus abreißen und neubauen, einziehen und ausziehen, rumpelnden Bahnen im Untergrund und in die Höhe schießenden Geschichten von Hochhäusern ist begleitet von einer ebenso endlosen Serie der Verhandlungen zwischen Menschen, Institutionen und Grundeignern. Es handelt sich um eine fließende, flexible Einheit, und doch werden Linien gezogen und Formen auf Landkarten fixiert. In einer Zeit in der Erforschungen ein hoffnungsloses Unternehmen zu sein scheinen, sucht die Künstlerin dennoch nach neuen, noch unbekannten Landstrichen.
Möglichkeiten für ihre Entdeckungsunternehmungen sieht Francisca Benitez überall. Ihre Arbeit hat weniger mit Konfrontation oder Intervention zu tun als mit beobachten, erfassen, notieren. Ein Ausflug mit dem Fahrrad im Stadtteil Williamsburg wird zur Entdeckungsreise historischer religiöser architektonischer Rituale, die auf subtile Weise Alleen, Hinterhöfe und Balkone verändern. Ein Ausflug aufs Dach ihres Studiogebäudes offenbart faszinierende Formationen von Taubenschwärmen am Himmel. Sie sind Ausdruck eines Machtkampfs früherer Mitglieder von Straßenbanden. Mit einem einfachen Experiment, in dem sie Flächen im öffentlichen Raum mit Papierbögen belegt und abrubbelt stöbert sie ein enormes Netz zuvor unbemerkt gebliebener Eigentumsmarkierungen auf.
Aber ihre Bemühungen drehen sich nicht nur um die Entdeckung verborgener Territorien und abgeschiedener Plätze. Es geht dabei auch um persönliche Treffen, Zufallsbegegnungen, gegenseitiges Einverständnis für Positionen und Neupositionierungen. Am Ende des Tages ist öffentlicher Raum nicht mehr nur eine Sache von freien Parkplätzen, “Betreten verboten” Schildern oder Eigentumsfragen. Er ist eine Sache der Menschlichkeit geworden, die ihm zugrunde liegt. (jn/wh)
Neue Galerie New York - Erinnerung ist mein Kaffee
17. Dezember 2008, 17:53:10 unter Audio, Englisch, Interviews, Museen, Neue Galerie New York, New York, Podcast, USAIm kulturellen Schmelztiegel New York, der Stadt mit internationalem Flair, ist auch die Österreichische und Deutsche Kulturgeschichte vertreten. Ihr Stand befand sich angebotshalber jedoch in der zweiten marktwirtschaftlichen Reihe, das hat seine Gründe in kriegsbedingt schwierig zu klärenden Besitztumsverhältnissen und auch in über Jahre hinweg gelebter diesbezüglicher staatspolitischer Ignoranz. Kultur ist unweigerlich ein geschichtliches Produkt, das gilt auch für den österreichischen und deutschen Umgang mit den Produkten derselben, blickt man die Jahre zurück.
Österreichische und deutsche moderne Kunst der Vorkriegszeit, wie auch einige ihrer Besitzer, haben in den Vereinigten Staaten neuen Platz und auch ein Zuhause gefunden. Seit 2001 ist Exponaten dieser Kunstrichtung ein Museum an der Fifth Avenue gewidmet, einer Straße im vormals deutschen Bezirk New Yorks. Die Neue Galerie ist eine kleine aber reiche Institution, gegründet von zwei Enthusiasten dieser Kunstrichtung: Dem Geschäftsmann und Philantropen Ronald Lauder, sowie Serge Sabarsky, seines Zeichens Kunsthändler und Pionier österreichischer und deutscher expressionistischer Kunst in New York.
Die Gründung der Neuen Galerie New York.
Das Wiederauftauchen des Expressionismus in New York.
Über das derzeit zweitteuerste Gemälde der Welt.
Die Reputation der Neuen Galerie geht auf die sorgfältige Darbietung dieses in den USA bislang unterrepräsentierten Kunstgenres zurück, herauszuheben ist in diesem Zusammenhang der Ankauf des Klimt Gemäldes “Portrait von Adele Bloch-Bauer I”, das die Institution wohl zu Recht als die “Mona Lisa” ihrer Kollektion benennt. Fragen der Restitution und Provenienz wurden und wird im Museumsprogramm hoher Stellenwert beigemessen.
Kunst und Geschichte sind untrennbar miteinander verbunden, und die Neue Galerie hat in den USA einen eigenen Stellenwert, geht es um dieses Prinzip. Hat sich der Kreis deutscher und österreichischer Kunst hinsichtlich ihrer in die USA emigrierten Besitzer und deren Erben, aufgrund des Engagements der Neuen Galerie und ihrer Gründer geschlossen? Wie steht es um die Relation von marktwirtschaftlichem Wert von Arbeiten, ihrer Geschichte und ihrer künstlerischen Wichtigkeit. Im Sabarsky”, einem Wiener Kaffeehaus im Gebäude der Neuen Galerie, hat CastYourArt Scott Gutterman, den Vertreter der Direktion, getroffen und mit ihm ein Gespräch über die Institution und kunstgeschichtliche Verhältnismäßigkeiten geführt. (jn/wh)
Roy Kortick - al fresco
19. November 2008, 11:56:17 unter Englisch, New York, Podcast, Portraits, USA, VideoPferde, Bären, Löwen, Menschen und mythische Figuren, gemalt an Höhlenwände in Namibia, Südfrankreich oder Indonesien vor zehntausenden von Jahren, zählen zu den frühesten uns bekannten künstlerischen Ausdrucksformen der Menschheit. Aufgrund ihrer Haltbarkeit und ihrer leuchtenden Farben wegen werden sie als frühe Formen der Freskomalerei bezeichnet.
Die Motive der Freskos früher Zivilisationen, dem Alltag entnommene und mythologische Figuren, entwickelten sich. Den Gipfel ihrer Pracht erreichte die Kunst der Freskomalerei während der italienischen Hochrenaissance. Michelangelo und auch Raffael, Meister dieser Technik, schmückten Wände und Decken der Sixtinischen Kapelle und des Apostolischen Palasts im Vatikan durch Auftrag der in Kalkwasser angerührten Farbe al fresco – ins Frische noch feuchten Kalkputzes.
Roy Kortick, Künstler im New Yorker Stadtteil Williamsburg, greift die Freskomalerei und andere künstlerische Techniken auf, die wir mit früher sakraler, mitunter auch naiver Kunst des Menschen verbinden, und nutzt diese als Ausdrucksmittel unserer Zeit sinnlicher Überladung und zerbrechender Taboos. Seine Kunst, inspiriert vom Knuddeligen unserer Kindheit und profanen Ikonen unserer Unterhaltungskultur, hebt scheinbar Unschuldiges heraus und bettet es in neue Konstellationen: Da stößt Snoopy, auf einem Flugzeug liegend, an Häschen, die wie Tillergyrls auf einem Band Frauenunterwäsche aneinandergereiht erscheinen. Daneben geben sich amerikanische Ureinwohner, Polarbären, Astronauten und Kuscheltiere seiner Kindheit ein Stelldichein al fresco. Als tempelartige Zusammenstellungen muten seine Arbeiten respektlos provisorisch und zugleich doch einnehmend an – Kunst, dem Gedenken unserer Jetztzeit dienend.

Bemerkenswert sind die Fresken, jene aus den Höhlen und den Wänden der Renaissanceepoche ebenso wie die aus Korticks Innenansicht unserer Zeit, nicht nur hinsichtlich ihres kulturellen und historischen Gehalts, sondern auch hinsichtlich ihrer technischen Raffinesse. Leuchtkraft und Beständigkeit, erreicht durch die Einbindung der Farbe in den frischem Putz, Oberflächenglanz durch den Gebrauch von Harzen und Laminaten. Wie sehr wir auch über die Bedeutungen der reichen Bildsprache frühzeitlicher wie auch zeitgenössischer Fresken mutmaßen mögen, es gehe ihm, sagt Roy Kortick, letztlich um die Arbeit, das Tagwerk, das in sie eingeflossen sei. Sagt’s – zwinkert und lacht. (wh/jn)
Noah Fischer – Am Stand der Technik
5. November 2008, 08:43:20 unter Englisch, New York, Podcast, Portraits, USA, VideoWer sich unseren Podcast ansieht, auf dem Laptop, einem iPod oder dem Handy, blickt in einen Monitor. Menschen verbringen Stunden, um sich Inhalte am Bildschirm anzusehen. Der Blick fällt nur selten auf den Monitor selbst, die Anwesenheit dieses physikalischen Objekts ist selbstverständlich. Dass die greifbaren Objekte, durch die wir mit der Informationswelt verbunden bleiben, austauschbar sind, ist essentieller Bestandteil unserer mobilen Welt. Wir schaffen sie an. Sie sind Spielzeuge, die uns kurzfristig begeistern um anschließend in den toten Blickwinkeln unserer Aufmerksamkeit zu verstauben.
Noah Fischers lenkt Aufmerksamkeit auf die verwaisten Objekte des Informationszeitalters, jener Ära, die erst vor dreißig Jahren begann. Aufmerksam wurde der Künstler auf die ausgedienten Computerbildschirme durch die häufiger werdenden Elektronikmüllberge in den Straßen New Yorks. Was gestern noch state of the art des Möglichen und für viele Grund genug war, sich vor Geschäften in Warteschlangen zu reihen, ist schon heute wertloser Elektronikschrott – die Halbwärtszeit der Wertschätzung sinkt beständig.

Mit seiner Arbeit “Monitor” führt Noah Fischer die in immer hektischeren Erneuerungszyklen produzierten Warenauswürfe unserer Hi-Tech Gesellschaft auf Lo-Tech Wurzeln zurück. Bildschirme werden zu Relikten, Möbelstücken, Lampen umfunktioniert. Zu Stücken, die unsere Sinne erfreuen und uns einladen, ihre zu aktiven Zeiten unbeachtet gebliebene Form, Materialität und Farbe zu begreifen. Neben ihren superschlanken Nachfolgern erscheinen die dicklichen alten Stücke als Zeugen einer längst vergangenen Zeit. Einige von ihnen – man kann es kaum glauben – tragen die Namen ihrer stolzen Designer ins Plastik eingraviert.
In einer Phase, in der Videoproduktionen den Puls der Zeit junger künstlerischer Medienproduktion darstellen, stellt Noah Fischer mit seinen Arbeiten die Monitorkunst buchstäblich auf den Kopf und bringt eine ausgesprochen moderne Duchamp-hafte Geste ein –die Unterschrift auf den ausgewählten Massenobjekten stammt von ihm. (jn/wh)








