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027 Ulrike Truger - In den Weg gestellt
2. Juli 2008, 09:47:02 unter Deutsch, Podcast, Portrait, VideoBildhauerinnen, glaubt man, gibt es nicht viele. Obwohl, es hat sie immer gegeben. Sabina von Steinbach beispielsweise war im dreizehnten Jahrhundert für die Statuen am Südportal der Notres-Dame Kirche in Strasbourg verantwortlich. Meist jedoch sind ihre Namen in der Geschichte verloren gegangen oder sie arbeiteten in den Domwerkstätten anonym.
Die Bildhauerin Ulrike Truger hat sich mit ihrer Kunst immer der Öffentlichkeit gestellt, oft auch in den Weg gestellt. Die Mühe, unter der dem Stein Form abgerungen wird, findet ihr Gegenstück in seiner Beständigkeit. Die steinerne Widerspenstigkeit ist nicht nur Arbeit, sie ist auch ein Geschenk, denn als Bildhauerin schaffe sie eine Kunst, die sich nicht so leicht wegrücken lässt – nicht aus dem Weg und auch nicht aus dem Gedächtnis.
Mit jenen Skulpturen, die sie unter die Kategorie gesellschaftspolitische Projekte reiht, platziert die Künstlerin im öffentlichen Raum Stachel gegen Ungerechtigkeit, Wegsehen und Vergessen. Unser Fortschritt, ein Thema das sie aufgrund seiner Widersprüchlichkeit interessiert, habe vieles gebracht. Doch müsse man auch jene Seiten ins Bewusstsein rufen, wo unser Fortschritt die Menschlichkeit überholt. Ihr am Beginn der Wiener Einkaufsmeile Mariahilfer Straße platzierter Marcus Omofuma Stein ist ein Beispiel dafür. Er gemahnt der Abschiebepraxis eines zur Konsumfestung ausgebauten Schengen-Europa, die den Widerstand und das Leben eines nigerianischen Flüchtlings noch im Flugzeug zum ersticken brachte. Ihre Wächterin, ein tonnenschweres Zeichen kritischer Aufmerksamkeit angesichts der Beteiligung der Haider Partei an der Regierung, hat sie illegal an der Wiener Ringstraße vor dem Burgtheater aufgestellt.
Wer Form aus Stein meißelt muss Durchhaltevermögen haben, auch in öffentlichen Belangen. Eine weitere Skulptur hat die Stadt Wien aus dem Zentrum verbannt, um die Positionierung wird noch gekämpft. Aber es ist nicht nur ihre Standhaftigkeit, die Ulrike Truger mit ihrer künstlerischen Arbeit verbindet. Die Körperlichkeit ihrer Tätigkeit. Die Rhythmik des Klangs, wenn der Hammer den Meisel trifft. Die Auseinandersetzung mit dem Stein, seinem Charakter, der geachtet werden will, weil er Form und Möglichkeiten kommuniziert. Die Arbeit draußen, im Freien und die Veränderungen des Materials unter den Einflüssen von Wetter, Jahreszeiten und Licht. Das alles berührt die sinnlichen Seiten des Lebens, bildet einen Teil ihrer Kunst, der ihr ebenso wichtig ist, denn das gibt ihr auf einer anderen Ebene Energie zurück, die sie als Bildhauerin zum Einsatz bringt. (wh)
Zu sehen sind ihre Arbeiten vom 19.4 bis 17.8. 2008 im Lisztzentrum in Raiding sowie vom
26.6. bis 17.8. 2008 in der Burgenländischen Landesgalerie in Eisenstadt
026 Götz Bury - Illusions
25. Juni 2008, 17:18:19 unter Deutsch, Podcast, Portrait, VideoKunst kann Medienkritik sein und Medienkritik kann Spaß machen, das jedenfalls lehrt die Kunst des Traumfabrikanten Götz Bury. In seiner Traumfabrik produziert der Künstler Prototypisches aus den Bilderlandschaften der Medienwelten nach. Vom Truthahn servierenden Präsidenten im Kampfanzug über die Protagonisten der Achse des Bösen - mit und ohne Kalaschnikow. Vom Urlaub unter Palmen bis zur Dokumentation des Lebens im Neandertal oder sonst wo auf der Welt.
Die Requisiten medialer Wirklichkeitsstereotypie entstehen in der Werkstatt des Künstlers aus Blech, Pappe und Holz und werden von den Besuchern der Traumfabrik unter hohem gestischen und mimischen Eigeneinsatz reinszeniert. Erlebbar werden dadurch die Kompositionen der Wirklichkeitsbilder ebenso wie die Skurrilität der Übertreibung, der sich die einfache Entzifferbarkeit der medial dargebotenen Realität verdankt.
Was Anspruch auf Wirklichkeit oder gar Geschichte haben will muss mediengerecht ins Bild gerückt, d. h. grotesk überzogen werden. So wie uns Radiomoderatoren durch Anstieg der Stimme, beschleunigtes Sprechtempo und übermäßige Klangmelodie professionell simulieren, dass die Laune gut ist, wird Freude über den Bildschirm erst dann leicht fassbar, wenn in einem Ausmaß gesichtsverzerrend gelächelt wird, das bereits schmerzt.
Wer in der Traumfabrik zu Besuch war erhält vom Künstler ein Foto seiner Selbstinszenierung mit auf den Heimweg und ein Stück Gewissheit, dass Realität ein surrealer Traum ist und wer sich da Illusionen macht, naiv. (wh)
Zu sehen sind Arbeiten des Künstlers in der Werkstadt Graz.
025 Fuckhead - Dieses schöne Lied
18. Juni 2008, 16:14:11 unter Deutsch, Festival, Podcast, VideoDieses schöne Lied verstört, zumindest seit die Gruppe Fuckhead dessen fortschreitende Dekonstruktion mit großen Gesten zelebriert. Gefesselt schon in jungen Jahren vom Adrenalinkick in der Moshpit, waren die Musiker und Performer Aigner, Bruckmayr, Strohmann, Kern, Jöchtl und Pittermann ursprünglich als Noise-Rockband angetreten. Mit ihrer Musik und den zusehends in die Auftritte integrierten, Tableaux Vivants artigen Schlussbildern grenzte sich Fuckhead von den Authentizitäts-Attitüden der Nieten-Punk Generation Ende der achtziger Jahre ab. Der ironische Umgang mit Authentizitätsbildern in ihren politischen aber auch die Männlichkeit betreffenden Färbungen ist ihnen bis heute geblieben.
Ironie muss verstanden werden, um als solche wahrgenommen zu werden. Das hat nicht immer funktioniert. Zu Beginn ihrer Karriere stand Fuckhead bald als Projektionsfläche vieler in vielfach bösem Ruf. Den Linken war Fuckhead zu rechts, den Rechten zu schwul, dem Underground fehlte es an politischer Programmatik und für die Kunstwelt war Fuckhead zu unanpassbar, um sie in Kunsttheoriezirkel und -geschäft zu integrieren.
Musik und Performanceanteil halten sich bei Fuckhead die Waage. Legen die einen mehr Gewicht aufs Musikalische, finden sich die anderen vor allem im Visuellen wieder. Im Mittelpunkt der visuellen Szenerie stand lange Zeit die Erprobung des eigenen Körpers. Mit Bruckmayrs durch die Brust gezogene Stahlseilhängung war für die Band eine Grenze erreicht, die weitere Ausrichtung ihrer Performance stand in Frage. “Wir haben uns in letzter Zeit wieder etwas bunter aufgestellt”, kommentieren die Mitglieder von Fuckhead die Neupositionierung. Das Publikum hat diesen Wechsel angenommen, die Vibes sind positiv und die Adrenalindusche Fuckhead lebt. Insbesondere wenn, wie am Donaufestival in Krems, der kalifornische Body-Art Performer Ron Athey die falschen Perlen anal veräußert, mit denen die europäischen Eroberer die Ureinwohner Amerikas in bereichernder Absicht für sich eingenommen hatten. (wh)
Die Aufnahmen zur Episode entstanden am Donaufestival Krems.
024 Sylvia Ferino - Birnen als Tränensäcke, ein Maiskolben das Ohr.
11. Juni 2008, 13:58:51 unter Audio, Ausstellung, Deutsch, Interview, Museum, PodcastGut fünfzig Jahre war es her, dass der Kartograf Waldseemüller Vespucci seinen Respekt erwiesen und die Mundus Novus in Anlehnung an dessen Vornamen als den Kontinent Amerika bezeichnet hatte. Das Interesse Europas an den Importwaren aus der neuen Welt war in dieser Zeit immens gestiegen. Mit dem Wirtschaftsraum hatte sich der Alte Welt auch einen neuen Wissensraum erschlossen, den es wissenschaftlich zu erobern galt.
Dass der Mailänder Maler Giuseppe Arcimboldo am Hof des Habsburgerkaisers Maximillian II mit der Portraitierung menschlicher Gesichter, zusammengestellt aus Meeresfrüchten, Obst und Gemüse, begann, muss vor dem Hintergrund dieser sich neu erstreckenden Wissenslandschaft des 16. Jahrhunderts gesehen werden. Natürlich, so die Kuratorin am kunsthistorischen Museum in Wien, Dr. Sylvia Ferino, zogen die Metamorphosen des menschlichen Gesichtes auch damals schon in Bann und konnten als Aufsehen erregender bildnerischer Kunstgriff Arcimboldos gelten. Zugleich aber zeugen Arcimboldos Bilder vom Erwachen der Naturwissenschaften und der humanistischen Reflexion des europäischen Selbst im Spiegel der neuen Welt.
Von Kaiser Ferdinand I noch als Kopist und Portraitist nach Wien geholt, erweiterte sich das Aufgabengebiet des Malers unter dessen Sohn Kaiser Maximillian II und Enkel Rudolf II. Arcimboldo dokumentierte für das künstlerisch und wissenschaftlich interessierte Herrscherhaus Flora und Fauna. Elemente dieser Tätigkeit fanden Eingang in seine Kompositköpfe, sie dienten aber auch als Anschauungs- und Studienmaterial in den gelehrten Schriften der Wissenschaftler seiner Zeit. Nebenher erfand Arcimboldo hydraulische Maschinen, entwarf Brücken, entwickelte synästhetische Theorien und stand als Hofkünstler ob seines universalen Könnens sowie als Ausrichter kaiserlicher Feste nicht nur bei seinen Arbeitgebern, sondern auch bei Gelehrten wie dem Begründer der modernen Zoologie Ulisse Aldrovandi in bestem Ruf. (wh)
Sylvia Ferino - Birnen als Tränensäcke. Über Arcimboldo, Teil 1
Sylvia Ferino - Birnen als Tränensäcke. Über Arcimboldo, Teil 2
Dr. Sylvia Ferino, mit der wir über die Verbindung seiner Arbeiten mit dem gesellschaftlichen Hintergrund seiner Zeit gesprochen haben, wurde für ihre Tätigkeit im Zeichen der italienischen Renaissancemalerei mehrfach ausgezeichnet. Sie hat unter anderem die Arcimboldo Ausstellung, die zunächst im Pariser Musée du Luxembourg und danach im Kunsthistorischen Museum in Wien gezeigt wurde, kuratiert.
023 Heidi Popovic - Das unspektakuläre Leben
4. Juni 2008, 12:58:32 unter Deutsch, Kunstwerk, Portrait, VideoDer kleine Superheld Superrobbie, er hat die Statur einer Playmobilfigur, blickt zusammen mit den anderen kleinen Mitstreitern von einer Tapete, die uns – ganz Kinderzimmerästhetik – in fröhlichen Grundfarben entgegenstrahlt. Umgeben von schnuckeligen Entchen nimmt sich der kleine Superrobbie ein Vorbild an der Wirklichkeit. Er hat eine Pistole in der Hand. Vor ihm niedergestreckt tote Lehrer, ebenfalls in Playmobilstatur. Seine Wirklichkeit trägt den Namen Erfurt.
Christian Pölzler schafft unter dem Markennamen Heidi Popovic Kunst, die auf den ersten Blick zynisch wirken kann, es aber nicht ist. In Posterillusionen des Pop, in dekorativen Mustern Salon gestaltender Tapeten, in Reklamen einer Werbewelt, die uns verspricht, dass alles in bester Ordnung ist, birgt Christian Pölzler Illusionsverlust und tagespolitische Apokalypse. Im Stil erscheinen Erfurt, Enschede, 9.11, fünfzig Jahre Contergan in den Arbeiten des Künstlers wie Antworten auf die Frage “What’s new, Pussycat?” Aber Pölzlers Kunstmischung meißelt an gesellschaftlich neurotischen Verniedlichungsformen anders als Woody Allen. Seine bildsprachliche Mischung vom Wahnsinn, der uns normal geworden ist, hat eine in ihrer Deutlichkeit an Thomas Bernhard erinnernde Kraft. Pölzler schafft Pop-Art, die reklamiert. (wh)
Zahlreiche Arbeiten des Künstlers zeigt der Galerist Rudolf Budja in seiner Galerie Artmosphere sowie aktuell auf der Art Basel.
022 Rita Nowak - Tableaux vivants
28. Mai 2008, 15:20:14 unter Deutsch, Kunstwerk, Podcast, VideoDie Inszenierung von Bildern durch lebende Personen hat Tradition. Man fand sie bereits in den Triumph- und Prozessionszügen der Antike und sie kehren wieder in katholischen Prozessionen sowie Festumzügen der Renaissance und des Barock. Ein weiteres Mal tritt die Kunst der zur Bewegungslosigkeit erstarrten Szenerie Ende des 18. Jahrhunderts aufs Parkett. Ausgehend von Frankreich und fortan Tableaux Vivants genannt, finden die Verkörperungen historischer Gemälde und Skulpturen Eingang in die Unterhaltungskultur bürgerlicher Salons und in das Darstellungsrepertoir der Theater- und Revuewelt des 19. Jahrhunderts.
Mit ihren fotografisch festgehaltenen Szenerien steht die in Wien und London lebende Künstlerin Rita Nowak in der Tradition der Verkörperung lebendiger Bilder. Ausgehend von historischen Gemäldevorlagen werden mithilfe befreundeter Künstlerinnen und Künstler lebendige Bilder komponiert, die ihren Vorbildern eine zeitgemäße Sprache verleihen. Nicht um Nachbildung geht es dabei, erforscht werden die Möglichkeiten der Übertragung. So entstehen Bilder der Vergegenwärtigung des Vergangenen im Jetzt und des Aktuellen in der Bildsprache vergangener Jahrhunderte.
Begonnen hat Rita Nowak ihre künstlerischen Arbeiten mit Portraits von Statuen und Selbstportraits. Die Fähigkeit der Portraitierung, der Bildnisschaffung des Menschen, findet sich in ihren Tableaux Vivants Arbeiten wieder. Die Posen des Körpers und der Raum der Szenerie ihrer Tableaux sind deshalb nicht nur Interpretationen der klassischen Vorlagen. Es handelt sich zugleich um Persönlichkeitsbilder, in denen der Raum, das Licht, die Gegenstände mit der verkörpernden Person verfließen und Selbstvergegenwärtigung nicht nur in historischem, sondern auch individuell-persönlichem Sinn stattfindet. (wh)
019 ILA - Wer suchet, der findet nicht
7. Mai 2008, 13:59:00 unter Ausstellung, Deutsch, Podcast, Portrait, VideoSchwere fasziniert. Leichtigkeit auch. Der Künstlername ILA, zusammengestellt aus den Anfangsbuchstaben der Behauptung, einen “Immens Langen Atem” zu haben, erinnert an die schweren Zeiten des Künstlerdasein. Rückschläge, Durchhaltekraft, einmal öfter aufstehen, als man umfällt. Das Geschäft mit der Kunst ist oft hart genug, sein Arbeitsstil und künstlerischer Ausdruck hingegen wirken verspielt. Er will, dass seine Arbeiten wirken, ohne erhobenen Zeigefinger, ohne die Schwere des Genies oder das Gewicht künstlerischer Selbstopferung. Seine Arbeiten, sagt er, sind von der Vorstellung getragen, etwas zu geben. Sie sind Einladungen nachzudenken, stehen zu bleiben, sie wollen anregen nicht überzeugen. Der Betrachter entscheidet selbst, man muss durch seine Kunst hindurch nicht die Gedanken anderer beherrschen wollen.
Angefangen hat ILA nach seinem Geologiestudium mit der Kunst. Seine Auseinandersetzung mit der Naturwissenschaft bleibt in seinen Arbeiten spürbar. Ausstellungstitel wie “Alles in Allem” erinnern an das Paradigma von der Systemhaftigkeit der Natur. In seiner mit dem ersten Preis der internationalen Biennale für Miniaturen in Belgrad ausgezeichneten Arbeit Earth-Plugs impft er mit einem Diamantbohrer Löcher in den soziogeologischen Grund des öffentlichen Raumes und beansprucht Ausstellungsraum in Gehsteigkanten, Hausfassaden und Felsblöcken für künstlerische Intervention. Call Wood, die Installation eines automatisch abhebenden Mobiltelefons irgendwo im Wald, eine am Hauptsitz des HighTech Unternehmens AVL untergebrachte Climate Control Machine, die in Zeiten der Erderwärmung permanent mit Sonnenenergie ein Relief der Welt vereist, eine Female-Network Serie, in der er prototypische Positionen beim Telefonieren mit dem Handy in den Kontext urmenschlicher Höhlenmalerei stellt - Verweise in die Naturwissenschaft mit kulturellem Irritationspotential durchziehen seine Arbeit.
An der akademischen Bildung zur Kunst fällt ihm vor allem die Tendenz auf, Menschen zu trimmen. Meistersysteme, die Hermetik der Bildungsanstalten und der Fokus in der künstlerischen Tätigkeit auf Konkurrenz , macht Menschen kleiner als sie sind. Seine Arbeit, sagt er, ist manchmal kindlich befreiend, sie schafft Spielraum, nicht zuletzt durch ihren Humor. (wh)
Einen Teil unserer Aufnahmen haben wir in der Grazer Galerie Eugen Lendl gedreht. Dort sind die Arbeiten des Künstlers noch bis zum 31. Mai 2008 zu sehen.
017 Leo Peschta - Maschinoid
23. April 2008, 22:05:29 unter Deutsch, Kunstwerk, Podcast, VideoIan Fleming, der Erfinder der Romanfigur James Bond, veröffentlicht 1964 ein Buch, das er seinem Sohn Caspar widmet. Die Geschichte handelt vom mittellosen Erfinder Karaktakus Pott. Für seine Zwillinge kauft Karaktakus ein altes Gefährt, das er mit Einfallsreichtum und erfinderischem Geschick in ein wunderbares Ding verwandelt, um damit auf Reisen zu gehen. Das Vehikel der damit beginnenden abenteuerlichen Erfahrung der Familie Pott erhält einen onomatopoetischen, die Gratwanderung des Erfinders zwischen Scheitern und Erfolg widerspiegelnden Namen. Es heißt Chitty Chitty Bang Bang.
Fragt man den jungen Wiener Künstler Leo Peschta nach Anknüpfungspunkten für seine künstlerischen Arbeiten in der Kindheit, dann verweist er auf Karaktakus Pott. Erfindungsreichtum, Faszination für Technik, die funktionsentfremdende Zusammenstellung ursprünglich funktional entworfener Bausteine, die Bereitschaft zu scheitern und die Freude am Unbestimmten verbinden den Künstler mit der Romanfigur Flemings. Die Auseinandersetzung mit Raumwahrnehmung und Raumproduktion, der Entwurf maschineller Schnittstellen zwischen medialen Welten, aber auch die Objekthaftigkeit und besondere Ästhetik von Maschinen und Maschinenteilen bilden künstlerische Anliegen, die seine Arbeiten darüber hinaus verbinden. George Rickey und Theo Jansen, nennt Leo Peschta, geht es um Einflussgrößen aus der Kinetischen Kunst.
Zur Kunst ist Leo Peschta über Umwege gekommen. Zunächst steht eine Karriere als Werbegrafiker im Raum. Mit der Erfahrung monotoner Produktionsbedingungen steigt in ihm die Überzeugung, fortan künstlerisch tätig zu sein. Peschta besucht die Klasse für digitale Kunst an der Universität für angewandte Kunst in Wien und die Willem de Kooning Academy in Rotterdam. Statt maschinenhaften Funktionierens widmet er sich nun dem Entwurf maschinell anmutender Objekte und er beginnt sich mit Physical Computing auseinanderzusetzen.
Wie Flemings Erfinder greift Leo Peschta für seine Objekte auf industriell gefertigte, funktionale Teile aus der Industrie zurück. In ihrer künstlerischen Zusammenfügung enthebt er diese Gebrauchsobjekte ihres ursprünglichen Funktionszusammenhangs und schafft zugleich Möglichkeitsraum für Erfahrung. Überraschendes, veränderte ästhetische Blicke auf die Dinge des Alltags, spielerische Aufforderung. Seine Arbeiten sind wie Vehikel, die Reise beginnt. (wh)
Noch bis Ende August ist “Der Zermesser” im Lentos, Kunstmuseum Linz zu sehen, anschließend wird er vom 19. - 21. September auf der ArtBots in Dublin zu sehen sein.
016 Hans Knoll - Kunst im Zeichen der Vermittlung
16. April 2008, 10:56:13 unter Audio, Deutsch, Galerie, Podcast, PortraitTüren öffnen zu Kunst und sich dabei selbst entwickeln - damit hat Hans Knoll begonnen und von diesem Anspruch ist seine Galerietätigkeit auch heute noch getragen. Anfang der achtziger Jahre startete er mit einem Raum, einem wöchentlichen Abendessen für Freunde, Künstler und Gäste und der Möglichkeit in dieser Runde seine Kunst in Form von Ausstellungen, Performances oder Musik anderen vorzustellen. Die Treffen waren mehr eine freundschaftliche Sache. Nach und nach entwickelte sich daraus jedoch eine ernsthafte Galerietätigkeit und auch der Eindruck, dass es notwendig ist aus Wien hinauszugehen, um sich künstlerisch weiter zu entwickeln.
Noch in der ersten Hälfte der achtziger Jahre engagiert sich der junge Galerist in Ungarn. Er gründet in Budapest eine Künstlerkooperative als kommunistisches Pendant zur Galerie und setzt sich intensiv mit Kunst aus den umliegenden Oststaaten Europas auseinander. Dass sich an der Schwelle zwischen Ost und West die Tür in beide Richtungen öffnen lässt und innen und außen relativ sind zur Seite auf der man steht, ist ihm dabei sehr bald klar geworden. Knoll kuratiert Ausstellungen, die Kunst in beide Richtungen vermitteln wollen und er lernt Anfang der neunziger Jahre, dass die Öffnung und das plötzlich massive Interesse des Westens für Kunst aus bislang unentdeckten Ländern den Entdeckten zumindest vorübergehend auch schaden kann.
Hans Knoll - Kunst im Zeichen der Vermittlung, Interview Teil 1
Hans Knoll - Kunst im Zeichen der Vermittlung, Interview Teil 2
Hans Knoll - Kunst im Zeichen der Vermittlung, Interview Teil 3
Hans Knoll - Kunst im Zeichen der Vermittlung, Interview Teil 4
Neben Begeisterungsfähigkeit brauchte es in dieser Umbruchszeit vor allem Durchhaltevermögen, reflektiert er. Er habe damals öfter daran gedacht seine Galerie in Ungarn zu schließen, letztlich aber habe ihn die Herausforderung gereizt und er habe begonnen sich auch in Moskau zu engagieren. Heute, sagt er, finde er auch St. Petersburg extrem spannend.
Knolls Lust, sich zu entwickeln, zu vermitteln, seine Standfestigkeit und seine Transparenz hinsichtlich der eigenen Möglichkeiten haben ihm Türen zu Künstlern geöffnet. Knoll arbeitet intensiv mit Blue Noses und AES+F aus Russland zusammen, Ákos Birkás und Csaba Nemes sind ungarische Künstler, die die Galerie vertritt, aus Österreich sind beispielsweise Mara Mattuschka und Wilhelm Scherübl bei der Galerie Hans Knoll im Programm. (wh)
015 Thomas Reinhold – Empirische Wissenschaft
9. April 2008, 15:44:29 unter Deutsch, Podcast, Portrait, VideoIm Gegensatz zu anderen Medien wie dem Film oder der Musik hat die Malerei im Grunde nicht so viele Möglichkeiten, erklärt der Maler Thomas Reinhold. Es hat deshalb in der Geschichte immer wieder Maler gegeben, die versuchten, die Möglichkeiten der Malerei zu erweitern. Im Falle des Aktionismus, des Action Paintings oder auch der Happening- bzw. Fluxus-Kunst seien jedoch nicht die Möglichkeiten der Malerei erweitert worden, es sei vielmehr immer etwas anderes daraus geworden.
Mitte der siebziger Jahre, Thomas Reinhold studiert an der Universität für angewandte Kunst, ist das künstlerische Klima noch aktionistisch gestimmt. Das Medium Malerei erscheint vielen nicht performativ genug, so wird auch in der Ausbildung wenig gemalt und vornehmlich mit anderen Medien gearbeitet. Reinhold fotografiert. Seine Arbeiten sind erfolgreich. Sie werden im Grazer Forum Stadtpark aber auch auf Kunstmessen in Basel und New York gezeigt.
Den Weg zur Malerei bezeichnet Thomas Reinhold als eine Reaktion auf den künstlerischen Tenor dieser Zeit. Er habe bewusst einen Kontrapunkt gesetzt. Auch gegen das Meisterklassen Ausbildungssystem, in dem die jungen Künstler stets gleich arbeiteten wie ihre Lehrer. Zunächst malt Reinhold figurativ. In Odysseus, einer Arbeit aus dem Jahr 1981, malt er sich selbst. Nackt, in der Hand ein Schwert, am Anfang eines Säulengangs. Vor ihm eine Esse, im Hintergrund eine futuristisch kubistisch anmutende Figur, ein Alter Ego seiner selbst. Der Maler nennt diese Zusammenstellungen “ikonographische Verwicklungen”. Zu dieser Zeit sei seine Malerei bereits formal und weniger erzählerisch geworden – der Weg, den er dann binnen weniger Jahre geht, kündigt sich bereits an. Seine anschließenden Arbeiten entwickeln sich zu einer rein malerischen Reflexion, Malerei wird für ihn zum empirischen Akt, zum Erkenntnisgewinn über ihr Vermögen.
Thomas Reinhold malt erforschend konzentriert. Die Möglichkeiten, die Farbschichtung als Ausdruck der Zeitlichkeit des Malaktes auf dem Gemälde in ein Erlebnis räumlicher Tiefe zu verwandeln, beschäftigen ihn ebenso wie die Facetten der Wahrnehmung aufgrund der Anatomie des menschlichen Auges.
Hinzu kommt in den letzten Jahren das Experiment mit der Selbständigkeit des Materials. Die Flüssigkeit der Farbe wird malerisches Mittel, ihr Verfließen erprobt Reinhold vor dem Hintergrund exakt berechneter Bildkompositionen. Seine Suche nach den Wesenszügen fließender Farben zwingen ihn zur Reduktion. Weg fällt, was ablenken, die Natur des Materials verfälschen könnte. Es entstehen Gemälde, in denen der Forscher erfährt, was das malerische Material von sich aus hervorbringt. Nicht immer lassen sich die fließenden Farben lenken, manchmal gehen sie ihren eigenen Weg. Der Einsatz fließender Farben unter den Laborbedingungen der Komposition hält kleinere oder größere Katastrophen bereit. Reinhold malt nicht um aktionistisch zu sein, aber er integriert die aktionistische Dimension des Materials in seine Malerei. So gelingt ihm eine Erweiterung der Malerei, jenes Mediums, das im Prinzip wenige Möglichkeiten hat, in einem anderen Sinne als es der Aktionismus der siebziger Jahre ermöglichte. Sie bleibt immanent, ohne aus der Malerei etwas anderes zu machen. (wh)







