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017 Leo Peschta - Maschinoid
23. April 2008, 22:05:29 unter Deutsch, Kunstwerk, Podcast, VideoIan Fleming, der Erfinder der Romanfigur James Bond, veröffentlicht 1964 ein Buch, das er seinem Sohn Caspar widmet. Die Geschichte handelt vom mittellosen Erfinder Karaktakus Pott. Für seine Zwillinge kauft Karaktakus ein altes Gefährt, das er mit Einfallsreichtum und erfinderischem Geschick in ein wunderbares Ding verwandelt, um damit auf Reisen zu gehen. Das Vehikel der damit beginnenden abenteuerlichen Erfahrung der Familie Pott erhält einen onomatopoetischen, die Gratwanderung des Erfinders zwischen Scheitern und Erfolg widerspiegelnden Namen. Es heißt Chitty Chitty Bang Bang.
Fragt man den jungen Wiener Künstler Leo Peschta nach Anknüpfungspunkten für seine künstlerischen Arbeiten in der Kindheit, dann verweist er auf Karaktakus Pott. Erfindungsreichtum, Faszination für Technik, die funktionsentfremdende Zusammenstellung ursprünglich funktional entworfener Bausteine, die Bereitschaft zu scheitern und die Freude am Unbestimmten verbinden den Künstler mit der Romanfigur Flemings. Die Auseinandersetzung mit Raumwahrnehmung und Raumproduktion, der Entwurf maschineller Schnittstellen zwischen medialen Welten, aber auch die Objekthaftigkeit und besondere Ästhetik von Maschinen und Maschinenteilen bilden künstlerische Anliegen, die seine Arbeiten darüber hinaus verbinden. George Rickey und Theo Jansen, nennt Leo Peschta, geht es um Einflussgrößen aus der Kinetischen Kunst.
Zur Kunst ist Leo Peschta über Umwege gekommen. Zunächst steht eine Karriere als Werbegrafiker im Raum. Mit der Erfahrung monotoner Produktionsbedingungen steigt in ihm die Überzeugung, fortan künstlerisch tätig zu sein. Peschta besucht die Klasse für digitale Kunst an der Universität für angewandte Kunst in Wien und die Willem de Kooning Academy in Rotterdam. Statt maschinenhaften Funktionierens widmet er sich nun dem Entwurf maschinell anmutender Objekte und er beginnt sich mit Physical Computing auseinanderzusetzen.
Wie Flemings Erfinder greift Leo Peschta für seine Objekte auf industriell gefertigte, funktionale Teile aus der Industrie zurück. In ihrer künstlerischen Zusammenfügung enthebt er diese Gebrauchsobjekte ihres ursprünglichen Funktionszusammenhangs und schafft zugleich Möglichkeitsraum für Erfahrung. Überraschendes, veränderte ästhetische Blicke auf die Dinge des Alltags, spielerische Aufforderung. Seine Arbeiten sind wie Vehikel, die Reise beginnt. (wh)
Noch bis Ende August ist “Der Zermesser” im Lentos, Kunstmuseum Linz zu sehen, anschließend wird er vom 19. - 21. September auf der ArtBots in Dublin zu sehen sein.
016 Hans Knoll - Kunst im Zeichen der Vermittlung
16. April 2008, 10:56:13 unter Audio, Deutsch, Galerie, Podcast, PortraitTüren öffnen zu Kunst und sich dabei selbst entwickeln - damit hat Hans Knoll begonnen und von diesem Anspruch ist seine Galerietätigkeit auch heute noch getragen. Anfang der achtziger Jahre startete er mit einem Raum, einem wöchentlichen Abendessen für Freunde, Künstler und Gäste und der Möglichkeit in dieser Runde seine Kunst in Form von Ausstellungen, Performances oder Musik anderen vorzustellen. Die Treffen waren mehr eine freundschaftliche Sache. Nach und nach entwickelte sich daraus jedoch eine ernsthafte Galerietätigkeit und auch der Eindruck, dass es notwendig ist aus Wien hinauszugehen, um sich künstlerisch weiter zu entwickeln.
Noch in der ersten Hälfte der achtziger Jahre engagiert sich der junge Galerist in Ungarn. Er gründet in Budapest eine Künstlerkooperative als kommunistisches Pendant zur Galerie und setzt sich intensiv mit Kunst aus den umliegenden Oststaaten Europas auseinander. Dass sich an der Schwelle zwischen Ost und West die Tür in beide Richtungen öffnen lässt und innen und außen relativ sind zur Seite auf der man steht, ist ihm dabei sehr bald klar geworden. Knoll kuratiert Ausstellungen, die Kunst in beide Richtungen vermitteln wollen und er lernt Anfang der neunziger Jahre, dass die Öffnung und das plötzlich massive Interesse des Westens für Kunst aus bislang unentdeckten Ländern den Entdeckten zumindest vorübergehend auch schaden kann.
Hans Knoll - Kunst im Zeichen der Vermittlung, Interview Teil 1
Hans Knoll - Kunst im Zeichen der Vermittlung, Interview Teil 2
Hans Knoll - Kunst im Zeichen der Vermittlung, Interview Teil 3
Hans Knoll - Kunst im Zeichen der Vermittlung, Interview Teil 4
Neben Begeisterungsfähigkeit brauchte es in dieser Umbruchszeit vor allem Durchhaltevermögen, reflektiert er. Er habe damals öfter daran gedacht seine Galerie in Ungarn zu schließen, letztlich aber habe ihn die Herausforderung gereizt und er habe begonnen sich auch in Moskau zu engagieren. Heute, sagt er, finde er auch St. Petersburg extrem spannend.
Knolls Lust, sich zu entwickeln, zu vermitteln, seine Standfestigkeit und seine Transparenz hinsichtlich der eigenen Möglichkeiten haben ihm Türen zu Künstlern geöffnet. Knoll arbeitet intensiv mit Blue Noses und AES+F aus Russland zusammen, Ákos Birkás und Csaba Nemes sind ungarische Künstler, die die Galerie vertritt, aus Österreich sind beispielsweise Mara Mattuschka und Wilhelm Scherübl bei der Galerie Hans Knoll im Programm. (wh)
015 Thomas Reinhold – Empirische Wissenschaft
9. April 2008, 15:44:29 unter Deutsch, Podcast, Portrait, VideoIm Gegensatz zu anderen Medien wie dem Film oder der Musik hat die Malerei im Grunde nicht so viele Möglichkeiten, erklärt der Maler Thomas Reinhold. Es hat deshalb in der Geschichte immer wieder Maler gegeben, die versuchten, die Möglichkeiten der Malerei zu erweitern. Im Falle des Aktionismus, des Action Paintings oder auch der Happening- bzw. Fluxus-Kunst seien jedoch nicht die Möglichkeiten der Malerei erweitert worden, es sei vielmehr immer etwas anderes daraus geworden.
Mitte der siebziger Jahre, Thomas Reinhold studiert an der Universität für angewandte Kunst, ist das künstlerische Klima noch aktionistisch gestimmt. Das Medium Malerei erscheint vielen nicht performativ genug, so wird auch in der Ausbildung wenig gemalt und vornehmlich mit anderen Medien gearbeitet. Reinhold fotografiert. Seine Arbeiten sind erfolgreich. Sie werden im Grazer Forum Stadtpark aber auch auf Kunstmessen in Basel und New York gezeigt.
Den Weg zur Malerei bezeichnet Thomas Reinhold als eine Reaktion auf den künstlerischen Tenor dieser Zeit. Er habe bewusst einen Kontrapunkt gesetzt. Auch gegen das Meisterklassen Ausbildungssystem, in dem die jungen Künstler stets gleich arbeiteten wie ihre Lehrer. Zunächst malt Reinhold figurativ. In Odysseus, einer Arbeit aus dem Jahr 1981, malt er sich selbst. Nackt, in der Hand ein Schwert, am Anfang eines Säulengangs. Vor ihm eine Esse, im Hintergrund eine futuristisch kubistisch anmutende Figur, ein Alter Ego seiner selbst. Der Maler nennt diese Zusammenstellungen “ikonographische Verwicklungen”. Zu dieser Zeit sei seine Malerei bereits formal und weniger erzählerisch geworden – der Weg, den er dann binnen weniger Jahre geht, kündigt sich bereits an. Seine anschließenden Arbeiten entwickeln sich zu einer rein malerischen Reflexion, Malerei wird für ihn zum empirischen Akt, zum Erkenntnisgewinn über ihr Vermögen.
Thomas Reinhold malt erforschend konzentriert. Die Möglichkeiten, die Farbschichtung als Ausdruck der Zeitlichkeit des Malaktes auf dem Gemälde in ein Erlebnis räumlicher Tiefe zu verwandeln, beschäftigen ihn ebenso wie die Facetten der Wahrnehmung aufgrund der Anatomie des menschlichen Auges.
Hinzu kommt in den letzten Jahren das Experiment mit der Selbständigkeit des Materials. Die Flüssigkeit der Farbe wird malerisches Mittel, ihr Verfließen erprobt Reinhold vor dem Hintergrund exakt berechneter Bildkompositionen. Seine Suche nach den Wesenszügen fließender Farben zwingen ihn zur Reduktion. Weg fällt, was ablenken, die Natur des Materials verfälschen könnte. Es entstehen Gemälde, in denen der Forscher erfährt, was das malerische Material von sich aus hervorbringt. Nicht immer lassen sich die fließenden Farben lenken, manchmal gehen sie ihren eigenen Weg. Der Einsatz fließender Farben unter den Laborbedingungen der Komposition hält kleinere oder größere Katastrophen bereit. Reinhold malt nicht um aktionistisch zu sein, aber er integriert die aktionistische Dimension des Materials in seine Malerei. So gelingt ihm eine Erweiterung der Malerei, jenes Mediums, das im Prinzip wenige Möglichkeiten hat, in einem anderen Sinne als es der Aktionismus der siebziger Jahre ermöglichte. Sie bleibt immanent, ohne aus der Malerei etwas anderes zu machen. (wh)
014 4shrooms - Analog Synergy in a Digital World
2. April 2008, 20:03:56 unter Englisch, Podcast, Portrait, VideoUnter sich drehenden Kuchentellern mit Sternenmotiven lagern Bildausschnitte vergangener Epochen. Schatten von Händen ordnen Buchstaben über Fotografien und Textilien werfen Falten über 16-Millimeter Filmschleifen, die allmählich in Flammen aufgehen. Umlaufpumpen aus Aquarien treiben bunte Öltropfen auf Wasseroberflächen im Kreis, Instrumentenklänge vermischen sich mit Stimmexperimenten.
Visueller und akustischer Widerhall geworfen an Wände, Fließen, Treppen, Decken und Säulen über Mikrofone, Dia-, Overhead- und ratternde Filmprojektoren. Gelingt die projizierte Zusammenschau, umflutet Vielfalt den Betrachter als ein gemeinsames audiovisuelles Bild, als audiovisuelle Synergie. 4shrooms nennen sich die Akteure so beschriebener audiovisueller Performance. Gemeinsam ist ihnen Erfindungsreichtum, Experiment und analoge Kooperation.
Die Gruppe rund um Doris Steinbichler, Anna Graf, Georg Eisnecker, Jan von Krieg, Andi Punz, Amadeus Kronheim, Ruth Haselmair und Asia Sumyk umhüllen den Zuseher nicht nur mit ungewöhnlichen Projektionen, sondern sie geben immer auch das Geheimnis ihres Entstehens preis. Ihre Visuals sind performativ. Produziert wird vor Ort, oftmals mitten im Raum, im Bild werden Hände und Gerätschaften sichtbar. Man kann hingehen und zusehen, und wenn das Gemeinsame überwiegt auch teilnehmen. Mit der Zahl der visualisierenden Akteure in der Gruppe steigt die Vielschichtigkeit der Projektionsarbeit, aber das gilt nicht nur in Hinblick auf das visuelle Ergebnis, sondern auch in Hinblick auf die soziale Dimension künstlerischer Zusammenarbeit. (wh)
013 Alfred Weidinger - Oskar Kokoschkas expressive Kunst
27. März 2008, 10:58:03 unter Audio, Deutsch, Interview, Museum, Podcast“Er wurde in der Kunstschau entdeckt. Er ist seit dem der Outsider, der von der Kritik beschmutzt wird. Er ist der einzige Moderne in Wien. Er sieht Gespenster, geheimste Seelenleiden. Er wühlt mit Vorliebe in Wunden. Er wird im Irrsinn enden. Das ist alles zusammengetragen aus meinen Kritiken …” schreibt Oskar Kokoschka 1911 an seinen Berliner Freund Herwarth Walden. Den Herausgeber der expressionistischen Zeitschrift “Der Sturm” hatte er auf Vermittlung des Schriftstellers und Publizisten Karl Kraus zuvor kennen gelernt. Seit einem Jahr arbeitete er gelegentlich mit Walden zusammen.
Kokoschka, zur Zeit dieses Briefes gerade fünfundzwanzig, hatte schon in jungen Jahren Erfolg. Er war expressiv, als Maler und Schriftsteller, als aufstrebender Künstler wie auch als Liebender. Sein zügelloser Ausdruck, seine Distanzierung vom Jugendstil, seine Direktheit polarisierten und provozierten das künstlerische Establishment und die Gesellschaft, nicht nur in Wien, zu heftigen Reaktionen. Die Presse hieß ihn den “Oberwildling von Wien”, als 1909 sein Drama “Mörder - Hoffnung der Frauen” aufgeführt wurde, führte das zu seiner Verweisung von der Kunstgewerbeschule.
Sein Genie forderte aber auch Anerkennung. Adolf Loos hatte sein künstlerisches Potential früh erkannt und ermutigte ihn zu ersten Schritten in die Malerei. Karl Kraus war ihm freundschaftlich nahe. Ebenso der Berliner Kunsthändler und spätere Leiter der Neuen Galerie in Linz Wolfgang Gurlitt.
Aus seiner leidenschaftlichen Beziehung mit Alma Mahler fand Kokoschka Antrieb für zahlreiche seiner Werke. Als Alma Mahler von ihm schwanger wurde und der Künstler in seiner wahnsinnigen Verliebtheit auf Ablehnung stieß, trieb es ihn in Todesabsicht als Freiwilligen in den ersten Weltkrieg.
Erst nach und nach hat sich Oskar Kokoschka vom Trauma verlorener Liebe und von seinen Kriegsverletzungen erholt, berichtet Alfred Weidinger, ausgewiesener Kokoschka Kenner und Chefkurator des österreichischen Museums Belvedere. Wir haben ihn um eine Einschätzung der Person und des Maler Oskar Kokoschka, seines Umfelds und seiner Entwicklung gebeten. Das Ergebnis unserer Unterhaltung hören Sie in unserer dreiteiligen Podcastserie über Oskar Kokoschka. (wh)
Alfred Weidinger - Oskar Kokoschkas expressive Kunst, Interview Teil 1
Alfred Weidinger - Oskar Kokoschkas expressive Kunst, Interview Teil 2
Alfred Weidinger - Oskar Kokoschkas expressive Kunst, Interview Teil 3
012 Mara Mattuschka - Du meines Herzens Vibrator
19. März 2008, 15:19:20 unter Deutsch, Podcast, Portrait, VideoSie produziert jährlich Filme. Sie steht vor der Kamera. Sie führt Regie, in den letzten Jahren zusammen mit dem Choreografen Chris Haring. Dass sie Chris Haring getroffen hat, ist ein Segen, erzählt Mara Mattuschka. Er ist großzügig. Er hat ein offenes, Menschen und ihre Sichtweisen integrierendes Arbeitssystem. Haring inszeniert in nackten Räumen. Sie macht daraus einen Film, der in Setting und Dramaturgie den Filmgesetzen entspricht. Ihren Umgang mit Perspektive als Malerin erstreckt sie ins Filmische. Blicke nah am Körper, von unten, von oben. Blicke, die perspektivisch verzerren. In digitaler Nachbearbeitung entwirft sie Orte, Architekturen und Räumlichkeit. “Legal Errorist”, “Part Time Heroes” und “Running Sushi” heißen die Filme ihrer Zusammenarbeit. Ein vierter folgt.
Frühere filmische Arbeiten nennt sie psychologische Dramolette. Ihre Inhalte bewegen sich an der Grenze zwischen Tragik und Komik. Sie tritt als Performance-Künstlerin auf. Sie ist Madame Ping Pong, sie ist Mimi Minus, Mahatma Gobi und Ramses die II. Identität ist irgendwie lax, im Spielen, in der Selbstdarstellung wird das klarer. Man entwickelt im Spielen eine gewisse Lockerheit zu sich selbst und zu den Problemen im Alltag. Das sei das, was Otto Mühl im Prinzip wohl angestrebt habe.
Mara Mattuschka macht Filme, spielt, singt, malt. Bulgaren, sagt sie, Bulgaren haben einen Hang dazu alles zu können. Mara Mattuschka stammt aus Bulgarien. Malerei und Animationsfilm hat sie bei Maria Lassnig gelernt. Ihre künstlerischen Ausdrucksformen sind vielfältig. Ihr Werk lebt von Fülle, ihre Charaktere sind meist nackt, psychologisch offenherzig. Wahrheit hat viele Seiten. Sie bezeichnet sich als post-postmodern – sie spielt und es geht ihr zugleich um Wahrheit.
Das 20. Jahrhundert, der Zwang zum Experiment und Brechen von Regeln ist für sie vorbei. Es gebe eine neue Renaissance, eine Rückwendung zum Menschen, die eigentlich schon mit der Diskussion um die Geschlechterrollen begonnen habe. Diese neue Renaissance sei wunderbar, das Wort Kreativität hasst sie. So vielseitig sie arbeitet, so viel Energie hat sie. Erholung zwischen ihren Arbeiten gibt’s im Cafe. Das ist wienerisch, dort atmet sie durch vom Kasachok des Lebens. (wh)
011 Juraj Carny - Slowakische Perspektiven
12. März 2008, 13:04:09 unter Audio, Englisch, Galerie, Podcast, PortraitJuraj Carny ist Galerist, Kurator und Kunstkritiker. Seit Ende der neunziger Jahre führt er in Bratislava die Galerie Priestor, auch Gallery Space genannt, und setzt sich unter anderem für die Förderung von Kunst aus den Ländern der Visegrad Gruppe ein.
Juraj Carny - Slowakische Perspektiven, Teil 1
Juraj Carny - Slowakische Perspektiven, Teil 2
Nicht nur sein frühes Engagement für Kunst aus und in den Oststaaten Europas begründet sein Standing in der internationalen Galeriekultur. Carny hat sich vor allem durch seine innovativen Zugänge bei der Präsentation junger und experimenteller Kunst einen Namen gemacht. Projekte wie Crazycurators, Nomadspace, Billboart Gallery Europe, Gallery Evolution de l’ Art, die Herausgabe der slowakischen und tschechischen Ausgabe von Flash Art, RentArt oder sein Artist in Residence Programm der Galerie Space lassen gemeinsame Charakteristika seiner Arbeit erkennen: Die Öffnung zeitgenössischer Kunst für ein Publikum, das nicht als kunstaffin gilt. Die Vorliebe für Kunst mit experimentellem Charakter. Die Förderung künstlerischer Talente im internationalen Austausch. Ein grenzüberschreitendes, kooperatives Selbstverständnis. Die Bereitschaft, auch bei der finanziellen Sicherung seiner Arbeit auf verschiedene Standbeine zu bauen und einen auf Nachhaltigkeit bedachten Weg einzuschlagen.
Beispielsweise wenn es um den Kunstverleih RentArt geht wird deutlich, dass Carny seine Arbeit als langfristiges Handeln begreift. Im Gespräch mit CastYourArt hebt er den bildenden Aspekt dieses Projekts hervor. Als er angefangen hat, habe es in der Slowakei keinen Kunstmarkt gegeben. Mit RentArt reagiere er auf diesen Umstand. Menschen und Institutionen müssten möglichst niederschwellig mit Kunst in Kontakt treten können und den Umgang mit Kunst als etwas Alltäglichem erst erfahren und erlernen. So entwickle sich auf lange Sicht für Kunst ein neues Klientel und es steigen die Chancen für ökonomischen Erfolg.
Was es bedeutet, wenn Künstlern die Möglichkeit genommen wird, von ihrer Arbeit finanziell zu profitieren, kennt Carny aus seiner eigenen Geschichte. Es gebe eine ganze Generation slowakischer Künstler, die während der kommunistischen Zeit aufgrund ihrer Unangepasstheit gezwungen waren ihre künstlerische Arbeit ertraglos zu bestreiten, erzählt er uns auf unserer Tour durch die Stadt. Viele von ihnen seien verarmt und aufgrund ihres Alters auch heute nicht mehr einfach im Kunstmarkt unterzubringen. Carny nennt sie eine verlorene Generation. Auch Ladislav Carny, sein Vater, gehört altersmäßig zu dieser Generation, er hatte jedoch Glück. In der Zeit nach dem Kommunismus reüssierte er international, heute ist er darüber hinaus Prorektor der Akademie der bildenden Künste in Bratislava. (wh)
010 Eva Jiricka - If I Couldn’t Do This, I Wouldn’t Know What to Do.
5. März 2008, 11:42:34 unter Englisch, Podcast, Portrait, Video“Wenn jemand käme und mein Auto waschen würde hätte ich Freude. Ich hätte Freude, dass es passiert, aber ich würde nicht dafür zahlen wollen. Manchmal denke ich, mit der Kunst ist es für viele dasselbe.”
Eva Jiricka, Video- und Performancekünstlerin aus Prag, überträgt in ihren Arbeiten kollektive gedankliche Vorstellungen ins Alltägliche. Dabei handelt es sich um Vorstellungen vom Anderen, von Sexualität, von der Gefahr des Fremden, von Städten, aber auch vom Dasein als Künstler. Meist sind es Gemeinplätze, deren bewusste oder unbewusste Träger wir sind und deren Spuren wir hinterlassen - in der Form von Handlungen, von Gegenständen, von Zuschreibungen, von visuellen Schablonen, derer wir uns bedienen und mit denen wir medial gefüttert werden. In ihren Videoarbeiten stellt Eva Jiricka diesen kollektiven Bildern nach. Sie stellt sie dar. Sie legt sie bloß. Sie realisiert sie für uns. Das ist erstaunlich Augen öffnend.
Während ihres durch die Visegrad Foundation ermöglichten Aufenthalts als Artist in Residence der Galerie Space in Bratislava, ergab sich für uns die Gelegenheit mit Eva Jiricka über ihre Arbeiten und ihr künstlerisches Selbstverständnis zu sprechen. Die im Podcast gezeigten Videosequenzen wurden uns von der Künstlerin zur Verfügung gestellt. Es handelt sich dabei um Ausschnitte aus ihren Arbeiten “New Home”, “Morning Cleaning”, “Drive”, “Merkmale” und “Shit in the Garden” aus den Jahren 2004-2008. (wh)
009 Günther Brodàr - “[no] frames please”
27. Februar 2008, 17:12:32 unter Deutsch, Podcast, Portrait, VideoMit “[no] frames please” haben wir einen Schritt über das Kunstwerk hinaus gemacht. Dort, am künstlerischen Rand, leistet der Rahmen seinen Dienst. Er muss beschützen, vor den Gefahren des Alltags, vor unbedachten Zugriffen, vor Schäden, die nimmt, was ständig im Scheinwerferlicht steht. Kurz gesagt, was der Bodyguard dem Star ist der Rahmen dem Bild.
Dass der professionelle Rahmen seine Arbeit mit Understatement verrichtet und nur am Rande ins Bild gerät, ist eine Frage der Mode, vielleicht auch ein Abbild unserer Zeit. Der Begleitschutz trat schon üppiger auf, bis ins achtzehnte Jahrhundert mit Vorliebe golden und pompös, der Hofstaat des Königs Kunst und repräsentatives Sinnbild seiner Macht. Mit der modernen Zeit hat die funktionale Professionalität der Aufgabe der Repräsentation den Rang abgelaufen, der Rahmen wechselte die Kleider.
Niemals bin ich ein Künstler, rückt Günther Brodàr vom Atelier Brodàr das Selbstverständnis seiner Zunft zurecht. In seiner Werkstatt fertigt der Rahmenmacher handwerklich maßgeschneiderten Begleitschutz für die Glanzlichter der Museen und Galerien rund um die Welt. Wir haben ihn getroffen und gefragt wie er auf den Rahmen gekommen ist, was ihn mit Stolz erfüllt und ob es Grenzen gibt am Rande der Kunst, wo das Bild endet und der schlechte Geschmack beginnt. (wh)
008 Andrea Kessler - Revolutions per Minute
20. Februar 2008, 17:50:37 unter Deutsch, Kunstwerk, Podcast, VideoRPM, Revolutions per Minute, zeigt eine interaktive Installation der Wiener Architektur- und Medienkünstlerin Andrea Kessler. An dünnen Fäden schwebend, aufgespannt im Raum, reagieren übereinander liegende Flächen aus weißem, elastischem Stoff auf die Annäherungen der Betrachter. Sie driften auseinander und verengen sich, sie bilden Falten, sie werfen fließend Räume auf. Die Ästhetik des lebendigen Raumes zieht an. Dass sich bewegt, was wir als statisch antizipieren, und dabei auch noch kreischende Geräusche von sich gibt, weckt aber auch Grausen. Bewegter Raum hat etwas von der Unheimlichkeit jener Pflanzen, die sich von selbst bewegen, oder Geräusche von sich geben.
Mit Revolutions per Minute erprobt Andrea Kessler architektonische Herausforderungen. Die fließende Adaption von Räumen, deren Reaktion auf soziale Prozesse sind Visionen für eine Welt, die immer dichter, immer individueller, immer mobiler wird. Die Installation lädt zu spielerischem Umgang ein. Im Spiel erproben wir en miniatur mögliche Realitäten. Dabei gewöhnen wir uns nicht nur, wir stoßen auch auf Fragen - nach der Machbarkeit, nach der Sinnhaftigkeit, nach der Richtung unserer Dynamik. (wh)







