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CastYourArt Video- und Audiobeiträge


Stylianos Schicho - “… weil uns eigentlich kalt ist”

3. September 2008, 10:46:05 unter Deutsch, Podcast, Portraits, Video, Wien, Österreich

Im Blick von oben erscheint die Erde als ein unbevölkertes Rund. Zoomt man hinein, fällt der Blick auf Landstriche und Städte, Häuser und Straßenzüge, Spielplätze und Parkanlagen, Cafes und Geschäfte, bevölkert von Menschen, klein wie Ameisen, mit sich beschäftigt, geschäftig in einer Vielzahl von Bewegungen. Der Blick von oben relativiert das Geschehen. Er nimmt den Einzelnen das Individuelle und löst sie auf in den Zügen der Masse. Solche Übersicht des Betrachters beruht wesentlich auf dem Moment seiner Unbeobachtetheit, seiner Unnahbarkeit und Distanz.

Was aber, wenn die Neugier steigt? Wenn der Blick immer näher kommt, sich für das Leben im Ganzen im Detail interessiert? Er riskiert, dass Augenpaare sich plötzlich anstarren, seine Blicke sich mit jenen treffen.

Die Bilder des Malers Stylianos Schicho öffnen solche Augenblicke des Erstarrens, in denen die Zeit zum Stillstand kommt und sich zugleich alles überstürzt. Der Beobachter verliert Überblick und wird hineingezogen in die Ameisenwelt. Und die Beobachteten, sie sehen sich plötzlich reflektiert. Sie nehmen sich wahr in einem fremden Blick, der ihre Unbekümmertheit und zugleich ihren Kummer relativiert.


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Wo überwachender Blick über Technologie verläuft, bleibt er selbst als entdeckter anonym. Der Blick ist da, der Betrachter fehlt. In solch panoptischer Situation, in der Blicke von Menschen auf Linsen treffen, bleibt direkte Auseinandersetzung aus. Eher setzen Bewegungen des Zurückziehens ein: Das Verhalten-Werden der Beobachteten unter dem beobachtenden Blick. Das immer versteckter werden der Überwacher. Das sich entblößen vor der Kamera. Der immer größere Hunger fürs Detail.

Er selbst, sagt Stylianos Schicho, sehe diese Entwicklung eher pessimistisch. Loslassen dürfe man trotzdem nicht. Möglich sei, einen Moment des Aufwachens und des Gewahr-Werdens für uns zu fixieren. (wh)



Thomas Hirschhorn - Das Auge

23. Juli 2008, 10:56:48 unter Ausstellungen, Deutsch, Interviews, Podcast, Secession, Video, Wien, Österreich

Heiß laufen, ausrasten, durchdrehen – rot sehen. Gefährlich rot, Stopprot, rot sind der Schmerz und das Leid, Flaggenrot, rot wie die Liebe und die Lust, glutrot, blutrot. “Das Auge” sieht rot. Ausschließlich. So lautet die Setzung des Schweizer Künstlers Thomas Hirschhorn. Er hat “Das Auge” in der Wiener Secession raumfüllend installiert.


[6:58 min] herunterladen auf: Handy | Computer & iPod | Feedback senden

Thomas Hirschhorn ist Philosophiefan. Er bewundert Foucault. In einer seiner frühen Arbeiten fragt Foucault nach der “Ordnung der Dinge”, die uns die Welt übersichtlich macht, manche Dinge in ein Verhältnis zueinander rückt und andere wiederum als unvergleichbar kennzeichnet. Die Ordnung der Dinge, meint der Philosoph, versteht sich nicht von selbst. Auch anderes wäre möglich. Zur Anschauung zitiert Foucault aus J. L. Borges Buch “Das Eine und die Vielen” eine Enzyklopädie, die die Welt deutlich anders ordnet. Ein Beispiel: Die Klasse der Tiere wird dort kategorisiert in: einbalsamierte Tiere, Milchschweine, Sirenen, Fabeltieren, herrenlose Hunde, Tiere die dem Kaiser gehören, solche die mit einem ganz feinen Pinsel aus Kamelhaar gezeichnet werden können, Tiere die von weitem wie Fliegen aussehen usw.

Was diese Ordnung für uns unmöglich macht, sagt der Philosoph, ist nicht die Tatsache, dass zur Klasse der Tiere auch die Fabeltiere gezählt werden. Die Unmöglichkeit ergibt sich daraus, dass sie Fabeltiere neben Milchschweinen und diese wiederum neben einbalsamierte Tiere und herrenlose Hunden etc. stellt, dass sie also Dinge auf eine Ebene bringt, von der wir uns beim besten Willen nicht vorstellen können, was diese Ebene sein könnte, auf der diese Dinge nebeneinander und zueinander in ein Verhältnis geraten.

Was ist die Ebene, auf der in unserer realen Welt die Dinge nebeneinander geraten, fragt der Philosoph Foucault. In seiner Wiener Ausstellung antwortet Thomas Hirschhorn, der Fan des Philosophen und Künstler: Rot. ‘Das Auge’ sieht rot – ausschließlich rot. ‘Das Auge’ sieht rot ist eine Setzung des Künstlers, die alles Rote auf eine Ebene und zueinander in ein Verhältnis bringt.

Hirschhorns rote, gegen die Unübersichtlichkeit einer immer komplizierter werdenden Welt gesetzte Ordnung gibt zu denken. Das hängt damit zusammen, dass der Künstler die Dinge zwar auf eine Ebene stellt, zugleich aber verweigert, ihren Zusammenhang dem Betrachter ordnend darzulegen: “‘Das Auge’ sieht aber ‘Das Auge’ versteht nicht.” So gesehen ist seine Installation ähnlich radikal wie die erwähnte Enzyklopädie Borges. Sie ist eine Setzung, die die Dinge auf einen gemeinsamen Boden stellt und ihnen ein Verhältnis nahe legt, das wir zu verstehen suchen – “Das Auge” versteht nicht, es prätendiert Verhältnisse nur. Hirschhorn selbst meint deshalb zu recht, seine Kunst sei prätentiös und ambitiös und in gewissem Sinne sei es auch irrsinnig, dieses ganze Ding des Zusammenhangs aufzeigen zu wollen.

Sein Werkzeug ist das Umfassende, das Zuviel, das Irrsinnige, sein Darüber-hinaus-gehen über das, was in gewisser Weise erlaubt, ordentlich oder akzeptiert ist. Statt ordnender Reduktion setzt er er ein Übermaß an Ordnung, er verknüpft wie wild. Das ist rhizomorph. Hirschhorn ist Philosophiefan. Er hat auch dem französischen Philosophen Gilles Deleuze ein Monument gesetzt. Zusammen mit Félix Guattari postuliert Deleuze 1976: “1. und 2. – Prinzip der Konnexion und der Heterogenität. Jeder beliebige Punkt eines Rhizoms kann und muß mit jedem anderen verbunden werden. Ganz anders dagegen der Baum oder die Wurzel, wo ein Punkt und eine Ordnung festgesetzt wird.”
(wh)

    

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