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032 Sweat – The Workshop
6. August 2008, 09:49:26 unter Englisch, Festival, Podcast, VideoEin Laie und der erste Tänzer der städtischen Oper verwickeln sich in Heinrich Kleists Essay “Über das Marionettentheater” in ein Gespräch. Der Laie, völlig beeindruckt von der Vorstellung, fragt den Profi nach dem technischen Mechanismus, der es möglich macht, die Puppen so beeindruckend tanzen zu lassen, dass er den Eindruck habe, hier werde Tanz schlechthin dargeboten.
Die Antwort des Profis lautet: Für die Wahrnehmung tänzerischer Perfektion gilt, dass wir durch das Augenscheinliche, das uns nach den technischen Raffinessen vollkommener Bewegung fragen lasse, in die Irre geführt werden. Weder liegt es am Mechanismus der Bewegung, noch an der perfektionierten Technik, die die einzelnen Gliedmaßen der Puppen mit höchster Präzision zu handhaben erlaubt, dass der Besucher eine so vollkommene Tanzdarbietung erlebt. Will man verstehen, weshalb eine tänzerische Darbietung durch und durch perfekt erscheint, so muss man den Blick weg von der technischen Perfektion hin auf den Mechanismus der Repräsentation des Tanzes richten. Ist dieser Mechanismus der Repräsentation des Tanzes perfekt, so kann der Betrachter, wo immer er Bewegungen sehe, die den repräsentierten entsprechen, nicht anders, als das Gesehene mit dem Begriff “Tanz” zu versehen. Und umgekehrt, sieht er Bewegungen, die jenen der Repräsentation des Tanzes nicht nahe kommen, so wird er diese, seien sie auch noch so anmutig, nie als Tanz benennen. Kurzum: Als Tanz nehmen wir wahr, was seiner Repräsentation entspricht.
In ihrem Workshop “Sweat – The Movie” nehmen sich Tor Lindstrand und Marten Spangberg von International Festival sowie Workshopteilnehmer aus elf Ländern der Thematik der Repräsentation des Tanzes an. Zeitgenössischer Tanz ist mehr und auch anderes als das, was wir aufgeführt auf der Bühne sehen. Zeitgenössischer Tanz beschränkt sich nicht auf Bewegungsfragmente, die uns in Musikvideos oder Hollywoodfilmen vorgeführt werden. Aber zeitgenössischer Tanz ist von eben diesen Repräsentationen des Tanzes beeinflusst und kaum zu trennen. Was ist Tanz, wenn sich das Medium seiner Repräsentation verlagert? Was ist Tanz?
Konzipiert haben Lindstrand und Spangberg ein Workshopsetting, bei dem die Teilnehmer, allesamt professionelle Tänzer, gängige Repräsentationen von Tanz nicht nur reflektieren – sich ihnen annähern oder sich von ihnen distanzieren – sondern selbst filmische Möglichkeiten der Repräsentation von Tanz ausprobieren und damit einen Beitrag zur Definition von Tanz leisten. “Sweat – The Movie”, so Tor Lindstrand, ist ein Workshop über die Produktion eines Tanzfilms und “Sweat – The Movie” ist ein Tanzfilm über eben diesen Workshop, der am Impulstanz Festival in Wien stattgefunden hat. Die Teilnehmer des Workshops haben abwechselnd sämtliche Aufgaben übernommen - Choreografie, Filmsets, Drehbuch, Kamera, Dialoge, Training, Regie. Produziert wurde binnen dreißig Tagen, gezeigt wird der Film am 31. Tag, dem 08.08.08 am Impulstanz Festival, im Kasino am Schwarzenbergplatz in Wien.
018 Marten Spangberg - Slow Fall
30. April 2008, 10:51:38 unter Englisch, Kunstwerk, Podcast, VideoSucht man nach einer Bezeichnungen für die Profession Marten Spangbergs, stößt man auf viele Begriffe. Er ist Performer, hat als Tanzkritiker begonnen, schreibt theoretische Arbeiten, ist als Tanzdramaturg, Kurator und Choreograf tätig und gilt als Inszenierer in durchaus positivem Sinne. Mit dem schwedischen Architekten Tor Lindstrand kooperiert Spangberg seit 2004 unter dem Namen International Festival. Ihre gemeinsame Arbeit gilt der Wahrnehmung von Körper- und Raumbegriffen und stößt international auf Interesse. Heuer und im letzten Jahr waren sie unter anderem in der European Kunsthalle in Köln, auf der PERFORMA 07 in New York, bei der VOLTA New York und beim Steirischen Herbst 07 eingeladen. Für das Festival in Graz entwerfen sie “The Theater”, ein Ort für Geschichten, Charaktere und Illusionen, eine Performance und eine in Container verfrachtbare, räumlich flexible Theaterarchitektur.
Neben seiner Kooperation mit Tor Lindstrand arbeitet Marten Spangberg auch als Solokünstler. Er experimentiert in Performances mit sich selbst und anderen. Die Werkzeuge seiner Arbeit sind der Körper in Bezug zur Welt und die Art und Weise wie sich der Körper zum Raum verhält. Es geht ihm um die Verhältnismäßigkeiten, die wir verkörpern: unser Selbst, unsere Wirklichkeiten, unser Soziales, unser Wollen …
Das Interview mit dem Künstler haben wir im Rahmen der Veranstaltungsreihe “NICHTS ist aufregend. NICHTS ist sexy. NICHTS ist nicht peinlich.” im Museum Moderner Kunst und dem Tanzquartier Wien geführt. Seine hier gezeigte Performance “Slow Fall” ist eine Skizze, ein künstlerischer Entwurf einer Arbeit, die im November 2008 Premiere haben wird. Im Kontext dieser Performance geht es Spangberg darum, die Verhältnismäßigkeiten, die wir verkörpern, aufzuweichen, und eine Möglichkeit für ein neues Verständnis unserer Selbst zu schaffen.
Spangberg nimmt sich vor allem der Behauptung “NICHTS ist nicht peinlich” an und sucht nach einem Begriff des Peinlichen, der seinem künstlerischen Schwerpunkt der Arbeit an der Verhältnismäßigkeit von Körper zu Raum und Körper zu Welt entspricht. Die Peinlichkeit als eine Deplatziertheit, als ein Verlegen-Machen, als eine Levitation, die unsere Verkörperungen von Verhältnismäßigkeit frei schwebend macht um Möglichkeit zu bieten, selbstbestimmt zu erfassen, wie es sich mit uns verhält. Zur choreografischen Umsetzung dieses Programms greift Spangberg auf Elemente östlich-spiritueller Entkörperungstechniken zurück und verweigert seinen Zusehern die Schau einer Performance, für die sie bereits Worte bereit hätten. Sein Durchbrechen von Verhältnismäßigkeiten, die wir gewohnter Weise verkörpern, erwirkt eine Deplatzierung, die das Publikum während der Performance ob der Nacktheit des noch nicht in Worte – in neue Verhältnisse - Gekleideten im besten Sinne als ein ‘Uns verlegen machen’ erfährt. Es fehlen dem Publikum die Worte, es ist unverhältnismäßig, damit ist aber auch ein bisschen Raum geschaffen, selbst Maß seiner Verhältnisse zu werden und die erfahrene Verlegenheit zu nutzen, eigene Worte zu finden und Position zu beziehen. (wh)
012 Mara Mattuschka - Du meines Herzens Vibrator
19. März 2008, 15:19:20 unter Deutsch, Podcast, Portrait, VideoSie produziert jährlich Filme. Sie steht vor der Kamera. Sie führt Regie, in den letzten Jahren zusammen mit dem Choreografen Chris Haring. Dass sie Chris Haring getroffen hat, ist ein Segen, erzählt Mara Mattuschka. Er ist großzügig. Er hat ein offenes, Menschen und ihre Sichtweisen integrierendes Arbeitssystem. Haring inszeniert in nackten Räumen. Sie macht daraus einen Film, der in Setting und Dramaturgie den Filmgesetzen entspricht. Ihren Umgang mit Perspektive als Malerin erstreckt sie ins Filmische. Blicke nah am Körper, von unten, von oben. Blicke, die perspektivisch verzerren. In digitaler Nachbearbeitung entwirft sie Orte, Architekturen und Räumlichkeit. “Legal Errorist”, “Part Time Heroes” und “Running Sushi” heißen die Filme ihrer Zusammenarbeit. Ein vierter folgt.
Frühere filmische Arbeiten nennt sie psychologische Dramolette. Ihre Inhalte bewegen sich an der Grenze zwischen Tragik und Komik. Sie tritt als Performance-Künstlerin auf. Sie ist Madame Ping Pong, sie ist Mimi Minus, Mahatma Gobi und Ramses die II. Identität ist irgendwie lax, im Spielen, in der Selbstdarstellung wird das klarer. Man entwickelt im Spielen eine gewisse Lockerheit zu sich selbst und zu den Problemen im Alltag. Das sei das, was Otto Mühl im Prinzip wohl angestrebt habe.
Mara Mattuschka macht Filme, spielt, singt, malt. Bulgaren, sagt sie, Bulgaren haben einen Hang dazu alles zu können. Mara Mattuschka stammt aus Bulgarien. Malerei und Animationsfilm hat sie bei Maria Lassnig gelernt. Ihre künstlerischen Ausdrucksformen sind vielfältig. Ihr Werk lebt von Fülle, ihre Charaktere sind meist nackt, psychologisch offenherzig. Wahrheit hat viele Seiten. Sie bezeichnet sich als post-postmodern – sie spielt und es geht ihr zugleich um Wahrheit.
Das 20. Jahrhundert, der Zwang zum Experiment und Brechen von Regeln ist für sie vorbei. Es gebe eine neue Renaissance, eine Rückwendung zum Menschen, die eigentlich schon mit der Diskussion um die Geschlechterrollen begonnen habe. Diese neue Renaissance sei wunderbar, das Wort Kreativität hasst sie. So vielseitig sie arbeitet, so viel Energie hat sie. Erholung zwischen ihren Arbeiten gibt’s im Cafe. Das ist wienerisch, dort atmet sie durch vom Kasachok des Lebens. (wh)







