Unsere Künstlerportraits über Michel de Broin und Shary Boyle wurden am Reel Artists Film Festival Toronto 2012 sowie am Canadian Art Reel Artists Film Festival 2012 in Calgary gezeigt. Für alle, die nicht in Kanada sein können, gibt es die beiden Künstlerportraits auch bei uns zu sehen: Michel de Broin - Matters of Circulation und Shary Boyle - Manufaktur des Fragilen.
Thomas Baumann - Die Sprache der Bewegung
15. Oktober 2008, 10:24:03 unter Englisch, Podcast, Portraits, Video, Wien, ÖsterreichSkulpturen und Installationen des Künstlers Thomas Baumann, haben etwas von lebendigen Geschöpfen. Meist sind sie bewegt. Sie verformen sich, sie machen Geräusche, sie bewegen den Betrachter – emotional, auf der Ebene seiner Überzeugungen, durch Herausforderung zur Teilnahme auch körperlich. Bewegung, sagt der Künstler, ist eine Sprache unserer Zeit. Wir verstehen sie und fühlen uns von ihr auf unterschiedlichen Ebenen angesprochen.

Thomas Baumann fertigt Arbeiten aus mechanischem, technologischem und elektronischem Material. Die Bauteile haben eine eigene Ästhetik, nichts wird hinter Designfassaden versteckt. So erhalten die Skulpturen etwas von Maschinenbaukunstwerken, die den Anschein machen, sie seien Geschwister jener Maschinen, die in den Fertigungsstraßen industrieller Fabrikation ihren Dienst leisten. Angesichts ihrer Nähe zu den auf Produktionsoptimierung und Vermeidung jeglicher Nebeneffekte rationalisierten Verwandtschaft, zeigen die aus dem Fertigungskontext herausgerissenen Maschinenbaukunstwerke Baumanns, für die Menschen, die sie umgeben, eine überraschend beseelte Dimension. Sie haben lyrische Seiten, Humor, sie ziehen an, sie verlangen Zeit, sie fordern gesellschaftskritisch heraus, sie machen nachdenklich, sie erfreuen, sie zeigen eine Seele, die der produktionsoptimierten Maschinerie und ihren Bedienern ausgetrieben wird und unter der Hand des Künstlers wieder zum Vorschein gelangt. Technik, sagt Thomas Baumann, hatte ihre ursprüngliche Funktion darin, den Menschen zu erfreuen und sein Dasein zu erweitern. Eine Bestimmung, an die er mit seinen künstlerischen Arbeiten anschließt. (wh)
Sweat – The Workshop
6. August 2008, 09:49:26 unter Englisch, Festivals, Impuls Tanzfestival, Podcast, Video, Wien, ÖsterreichEin Laie und der erste Tänzer der städtischen Oper verwickeln sich in Heinrich Kleists Essay “Über das Marionettentheater” in ein Gespräch. Der Laie, völlig beeindruckt von der Vorstellung, fragt den Profi nach dem technischen Mechanismus, der es möglich macht, die Puppen so beeindruckend tanzen zu lassen, dass er den Eindruck habe, hier werde Tanz schlechthin dargeboten.
Die Antwort des Profis lautet: Für die Wahrnehmung tänzerischer Perfektion gilt, dass wir durch das Augenscheinliche, das uns nach den technischen Raffinessen vollkommener Bewegung fragen lasse, in die Irre geführt werden. Weder liegt es am Mechanismus der Bewegung, noch an der perfektionierten Technik, die die einzelnen Gliedmaßen der Puppen mit höchster Präzision zu handhaben erlaubt, dass der Besucher eine so vollkommene Tanzdarbietung erlebt. Will man verstehen, weshalb eine tänzerische Darbietung durch und durch perfekt erscheint, so muss man den Blick weg von der technischen Perfektion hin auf den Mechanismus der Repräsentation des Tanzes richten. Ist dieser Mechanismus der Repräsentation des Tanzes perfekt, so kann der Betrachter, wo immer er Bewegungen sehe, die den repräsentierten entsprechen, nicht anders, als das Gesehene mit dem Begriff “Tanz” zu versehen. Und umgekehrt, sieht er Bewegungen, die jenen der Repräsentation des Tanzes nicht nahe kommen, so wird er diese, seien sie auch noch so anmutig, nie als Tanz benennen. Kurzum: Als Tanz nehmen wir wahr, was seiner Repräsentation entspricht.
In ihrem Workshop “Sweat – The Movie” nehmen sich Tor Lindstrand und Marten Spangberg von International Festival sowie Workshopteilnehmer aus elf Ländern der Thematik der Repräsentation des Tanzes an. Zeitgenössischer Tanz ist mehr und auch anderes als das, was wir aufgeführt auf der Bühne sehen. Zeitgenössischer Tanz beschränkt sich nicht auf Bewegungsfragmente, die uns in Musikvideos oder Hollywoodfilmen vorgeführt werden. Aber zeitgenössischer Tanz ist von eben diesen Repräsentationen des Tanzes beeinflusst und kaum zu trennen. Was ist Tanz, wenn sich das Medium seiner Repräsentation verlagert? Was ist Tanz?

Konzipiert haben Lindstrand und Spangberg ein Workshopsetting, bei dem die Teilnehmer, allesamt professionelle Tänzer, gängige Repräsentationen von Tanz nicht nur reflektieren – sich ihnen annähern oder sich von ihnen distanzieren – sondern selbst filmische Möglichkeiten der Repräsentation von Tanz ausprobieren und damit einen Beitrag zur Definition von Tanz leisten. “Sweat – The Movie”, so Tor Lindstrand, ist ein Workshop über die Produktion eines Tanzfilms und “Sweat – The Movie” ist ein Tanzfilm über eben diesen Workshop, der am Impulstanz Festival in Wien stattgefunden hat. Die Teilnehmer des Workshops haben abwechselnd sämtliche Aufgaben übernommen - Choreografie, Filmsets, Drehbuch, Kamera, Dialoge, Training, Regie. Produziert wurde binnen dreißig Tagen, gezeigt wird der Film am 31. Tag, dem 08.08.08 am Impulstanz Festival, im Kasino am Schwarzenbergplatz in Wien.
Mara Mattuschka - Du meines Herzens Vibrator
19. März 2008, 15:19:20 unter Deutsch, Podcast, Portraits, Video, Wien, ÖsterreichSie produziert jährlich Filme. Sie steht vor der Kamera. Sie führt Regie, in den letzten Jahren zusammen mit dem Choreografen Chris Haring. Dass sie Chris Haring getroffen hat, ist ein Segen, erzählt Mara Mattuschka. Er ist großzügig. Er hat ein offenes, Menschen und ihre Sichtweisen integrierendes Arbeitssystem. Haring inszeniert in nackten Räumen. Sie macht daraus einen Film, der in Setting und Dramaturgie den Filmgesetzen entspricht. Ihren Umgang mit Perspektive als Malerin erstreckt sie ins Filmische. Blicke nah am Körper, von unten, von oben. Blicke, die perspektivisch verzerren. In digitaler Nachbearbeitung entwirft sie Orte, Architekturen und Räumlichkeit. “Legal Errorist”, “Part Time Heroes” und “Running Sushi” heißen die Filme ihrer Zusammenarbeit. Ein vierter folgt.
Frühere filmische Arbeiten nennt sie psychologische Dramolette. Ihre Inhalte bewegen sich an der Grenze zwischen Tragik und Komik. Sie tritt als Performance-Künstlerin auf. Sie ist Madame Ping Pong, sie ist Mimi Minus, Mahatma Gobi und Ramses die II. Identität ist irgendwie lax, im Spielen, in der Selbstdarstellung wird das klarer. Man entwickelt im Spielen eine gewisse Lockerheit zu sich selbst und zu den Problemen im Alltag. Das sei das, was Otto Mühl im Prinzip wohl angestrebt habe.

Mara Mattuschka macht Filme, spielt, singt, malt. Bulgaren, sagt sie, Bulgaren haben einen Hang dazu alles zu können. Mara Mattuschka stammt aus Bulgarien. Malerei und Animationsfilm hat sie bei Maria Lassnig gelernt. Ihre künstlerischen Ausdrucksformen sind vielfältig. Ihr Werk lebt von Fülle, ihre Charaktere sind meist nackt, psychologisch offenherzig. Wahrheit hat viele Seiten. Sie bezeichnet sich als post-postmodern – sie spielt und es geht ihr zugleich um Wahrheit.
Das 20. Jahrhundert, der Zwang zum Experiment und Brechen von Regeln ist für sie vorbei. Es gebe eine neue Renaissance, eine Rückwendung zum Menschen, die eigentlich schon mit der Diskussion um die Geschlechterrollen begonnen habe. Diese neue Renaissance sei wunderbar, das Wort Kreativität hasst sie. So vielseitig sie arbeitet, so viel Energie hat sie. Erholung zwischen ihren Arbeiten gibt’s im Cafe. Das ist wienerisch, dort atmet sie durch vom Kasachok des Lebens. (wh)




