In der aktuelle Ausstellung PHANTOMAK präsentiert CastYourArt in Kooperation mit der TU Wien und der Galerie Heike Curtze die neue Skulpturenreihe des Künstlers Tomak. Darüber hinaus gibt es in der Ausstellung auch den neuen Werkkatalog des Künstlers zu sehen. Die Ausstellung hat vom 4.-14. Februar 2012 Mo-Sa von 11.00 - 17.00 Uhr geöffnet. Ort ist die TU Wien, Kuppelsaal (4. Stock), Karlsplatz 13, 1040 Wien. Wir haben für Sie vorab einen Filmbeitrag zum Projekt PHANTOMAK veröffentlicht.
Empfindung - Oder in der Nähe der Fehler liegen die Wirkungen
11. Februar 2009, 11:08:24 unter Akademie der bildenden Künste Wien, Augarten Contemporary, Ausstellungen, Belvedere, Deutsch, Kunsträume, Museen, Podcast, Universitäten, Video, Wien, Österreich“a) Tiere, die dem Kaiser gehören, b) einbalsamierte, c) gezähmte, d) Milchschweine, e) Sirenen, f) Fabeltiere, g) herrenlose Hunde, h) in diese Einteilung aufgenommene, i) die sich wie tolle gebärden, j) unzählbare, k) mit feinstem Kamelhaarpinsel gezeichnete, l) und so weiter, m) die den Wasserkrug zerbrochen haben, n) die von weitem wie Fliegen aussehen.”
Diese ungewöhnliche Taxonomie der Lebewesen aus dem Tierreich, vom argentinischen Schriftsteller Jorge Luis Borges einer chinesischen Enzyklopädie zugeschrieben, war dem französischen Philosophen Michel Foucault Anstoß, ein Buch über den Zusammenhang zwischen unserer Welt der Worte und jener der Dinge zu verfassen.
Woran hatte Foucault Anstoß genommen? Was hat ihn bewegt? Im Vorwort seines Buches erwähnt er, beim Lesen der Aufzählung gelacht zu haben. Sein Buch verdanke sich dem Lachen, das bei der Lektüre des Borges Textes “alle Vertrautheiten unseres Denkens aufrüttelt, des Denkens unserer Zeit und unseres Raumes, das alle geordneten Oberflächen und alle Pläne erschüttert … und unsere tausendjährige Handhabung … schwanken lässt und in Unruhe versetzt.” Es dürfte dem Philosophen das Lachen zur inneren Aufruhr geworden sein. Eine sich ausbreitende, tiefe, unbehagliche Empfindung, dass die Begriffe, mit denen wir die Welt erfassen und im Zaum halten, unsere Welt ordnende Taxonomie, nur eine von vielen möglichen ist, vielleicht aber eine ebenso unmögliche, ja befremdliche, wie diejenige in Borges Text.

Wirkungen liegen in der Nähe des als fehlerhaft Empfundenen, des Slapstick, des Lächerlichen, des Nicht-Zusammenpassenden, Provozierenden, des scheinbar Abbildenden, Wahrnehmung-Umstoßenden, Anstoßenden und eben damit in der Nähe von Kunst. Es ist eine Sache von Kunst, dass sie uns am Unerwarteten anstoßen lässt, dass sie uns die sichere Verbindung mit dem, was wir uns erwartet haben, was uns normal vorkommt und worauf wir eingestellt sind, aufbricht.
Die Ausstellung “Empfindung oder in der Nähe der Fehler liegen die Wirkungen” erforscht das Vermögen von Kunst, solche Empfindungen auszulösen, die den Betrachter ins Offene, bislang Unerdenkliche stoßen. Was ist Empfindung? Wie kann ich sie herstellen? Wo findet sie statt? Für die Kuratorinnen Sabeth Buchmann, Eva Maria Stadler und Kathi Hofer sind dies Fragen, die sich im Kontext der Empfindung auf Seiten der Künstler stellen. Aber auch aus kuratorischer Sicht bringt die Auseinandersetzung mit dem Phänomen Empfindung Überlegungen ans Licht: Wie nehme ich etwas wahr? Wie trete ich einem Bild gegenüber? Was passiert da mit mir? Was wirkt auf mich ein?
Ausstellungsort der Empfindung in der Kunst ist der Augarten Contemporary, eine Dependance des Belvedere inmitten des englischen Gartens im Augarten Park des zweiten Bezirks in Wien. Mit dieser Spielstätte, so Eva Maria Stadler, Kuratorin des Belvedere für zeitgenössische Kunst, baut das Belvedere gezielt ein Angebot junger und jüngster Positionen im Kunstbetrieb auf. Was dies bedeutet, zeigt die Ausstellung beispielhaft: “Empfindung” ist eine Kooperation des Belvedere mit der Akademie der bildenden Künste Wien. Im Laufe eines Semesters wurden Positionen der Empfindung nicht nur erforscht und künstlerisch erarbeitet, sondern auch für die Ausstellung ausgewählt. Zu sehen sind Arbeiten von Studierenden, ihnen wurden Werke namhafter zeitgenössischer Künstler wie beispielsweise Constanze Ruhm, Julian Göthe, Heimo Zobernig oder Tony Conrad als Bezugspunkte zur Seite gestellt. (wh)
Thomas Hirschhorn - Das Auge
23. Juli 2008, 10:56:48 unter Ausstellungen, Deutsch, Interviews, Podcast, Secession, Video, Wien, ÖsterreichHeiß laufen, ausrasten, durchdrehen – rot sehen. Gefährlich rot, Stopprot, rot sind der Schmerz und das Leid, Flaggenrot, rot wie die Liebe und die Lust, glutrot, blutrot. “Das Auge” sieht rot. Ausschließlich. So lautet die Setzung des Schweizer Künstlers Thomas Hirschhorn. Er hat “Das Auge” in der Wiener Secession raumfüllend installiert.

Thomas Hirschhorn ist Philosophiefan. Er bewundert Foucault. In einer seiner frühen Arbeiten fragt Foucault nach der “Ordnung der Dinge”, die uns die Welt übersichtlich macht, manche Dinge in ein Verhältnis zueinander rückt und andere wiederum als unvergleichbar kennzeichnet. Die Ordnung der Dinge, meint der Philosoph, versteht sich nicht von selbst. Auch anderes wäre möglich. Zur Anschauung zitiert Foucault aus J. L. Borges Buch “Das Eine und die Vielen” eine Enzyklopädie, die die Welt deutlich anders ordnet. Ein Beispiel: Die Klasse der Tiere wird dort kategorisiert in: einbalsamierte Tiere, Milchschweine, Sirenen, Fabeltieren, herrenlose Hunde, Tiere die dem Kaiser gehören, solche die mit einem ganz feinen Pinsel aus Kamelhaar gezeichnet werden können, Tiere die von weitem wie Fliegen aussehen usw.
Was diese Ordnung für uns unmöglich macht, sagt der Philosoph, ist nicht die Tatsache, dass zur Klasse der Tiere auch die Fabeltiere gezählt werden. Die Unmöglichkeit ergibt sich daraus, dass sie Fabeltiere neben Milchschweinen und diese wiederum neben einbalsamierte Tiere und herrenlose Hunden etc. stellt, dass sie also Dinge auf eine Ebene bringt, von der wir uns beim besten Willen nicht vorstellen können, was diese Ebene sein könnte, auf der diese Dinge nebeneinander und zueinander in ein Verhältnis geraten.
Was ist die Ebene, auf der in unserer realen Welt die Dinge nebeneinander geraten, fragt der Philosoph Foucault. In seiner Wiener Ausstellung antwortet Thomas Hirschhorn, der Fan des Philosophen und Künstler: Rot. ‘Das Auge’ sieht rot – ausschließlich rot. ‘Das Auge’ sieht rot ist eine Setzung des Künstlers, die alles Rote auf eine Ebene und zueinander in ein Verhältnis bringt.
Hirschhorns rote, gegen die Unübersichtlichkeit einer immer komplizierter werdenden Welt gesetzte Ordnung gibt zu denken. Das hängt damit zusammen, dass der Künstler die Dinge zwar auf eine Ebene stellt, zugleich aber verweigert, ihren Zusammenhang dem Betrachter ordnend darzulegen: “‘Das Auge’ sieht aber ‘Das Auge’ versteht nicht.” So gesehen ist seine Installation ähnlich radikal wie die erwähnte Enzyklopädie Borges. Sie ist eine Setzung, die die Dinge auf einen gemeinsamen Boden stellt und ihnen ein Verhältnis nahe legt, das wir zu verstehen suchen – “Das Auge” versteht nicht, es prätendiert Verhältnisse nur. Hirschhorn selbst meint deshalb zu recht, seine Kunst sei prätentiös und ambitiös und in gewissem Sinne sei es auch irrsinnig, dieses ganze Ding des Zusammenhangs aufzeigen zu wollen.
Sein Werkzeug ist das Umfassende, das Zuviel, das Irrsinnige, sein Darüber-hinaus-gehen über das, was in gewisser Weise erlaubt, ordentlich oder akzeptiert ist. Statt ordnender Reduktion setzt er er ein Übermaß an Ordnung, er verknüpft wie wild. Das ist rhizomorph. Hirschhorn ist Philosophiefan. Er hat auch dem französischen Philosophen Gilles Deleuze ein Monument gesetzt. Zusammen mit Félix Guattari postuliert Deleuze 1976: “1. und 2. – Prinzip der Konnexion und der Heterogenität. Jeder beliebige Punkt eines Rhizoms kann und muß mit jedem anderen verbunden werden. Ganz anders dagegen der Baum oder die Wurzel, wo ein Punkt und eine Ordnung festgesetzt wird.”
(wh)




