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Constantin Luser - Musik besänftigt die wilde Bestie
3. März 2010, 09:54:04 unter Englisch, Podcast, Portraits, Video, Wien, ÖsterreichConstantin Luser fordert heraus, das Labyrinth seiner Vorstellung zu betreten. Er drängt uns an die Wand unserer Gleichgültigkeit und konfrontiert mit der unvermeidlichen Frage, ob wir fähig sind zu entkommen. Aber wem oder was entkommen? Ein Portrait.

Musik besänftigt die wilde Bestie, auf alle Fälle aber hat Musik die Kraft, die Unbändigkeit unseres Denkens zu zähmen. Wenn das passiert – und sei es auch noch so selten – ist die Vorherrschaft der Begriffe getilgt und wir sind für einen Moment geheilt von jener Krankheit, die uns von der Zeit trennt: Weiterlesen »
Wilhelm Scherübl - Transformieren
19. August 2009, 11:11:13 unter Admont, Ausstellungen, Deutsch, Museen, Podcast, Portraits, Radstadt, Stift Admont, Video, ÖsterreichEs haben sich gewichtige Gründe dafür gezeigt, so der deutsche Philosoph Peter Sloterdijk, dass es für Menschen weit weniger wichtig sei, zu wissen, wer sie sind, als wo sie sind. Die hartnäckige Ignoranz gegen den Ort des Existierens sei eine der Ursachen für das, was die neuere Philosophie die Seinsvergessenheit genannt hat.
Die Erkundigung nach dem Wo und die spezifische Verortung seiner Person und seiner Werke stellen zentrale Aspekte in Wilhelm Scherübls Arbeit dar. Sein Schaffen realisiert sich in Auseinandersetzung mit seinen Lebens- und Aufenthaltsorten, unter Einbindung der jeweiligen Gegebenheit dieser Orte und der Ressourcen, die er dort vorfindet.

Scherübl lebt am Land, im Oberen Ennstal, er malt viel im Freien, verwendet für seine Installationen Bäume, Pflanzen, und spielt bei seinen Lichtinstallationen mit Spiegelungen natürlicher Wasserflächen. Seine Arbeiten sind Reflexionen über die Natur und der Versuch, Erkenntnisse über künstlerische und natürliche Entstehungsprozesse zu erlangen, über die Komplexität des Organismus Erde und unsere eigene Endlichkeit.
Der Künstler ist hier Initiator, er setzt einen Prozess in Gang, für den er Rahmenbedingungen formuliert, der sich im weiteren Verlauf jedoch weitgehend seiner Kontrolle entzieht. Die Ausführung wird der Natur überlassen, dem Wachstum, Licht, Kälte, Wind: Durch Gefrieren der Farbe im Freien entstehen die so genannten Minusaquarelle, Momente der Vollendung seiner Lichtinstallationen am Wasser stellen sich nur dann ein, wenn die Oberfläche glatt und nicht von Wind aufgeraut ist, Pflanzeninstallationen unterliegen dem natürlichen Kreislauf von Wachsen, Blühen und Verwelken.
Umgekehrt verweisen Installationen, bei denen Pflanzen in künstliche bzw. Kunstkontexte transplantiert werden, wo sie auf lebenserhaltende Maßnahmen angewiesen sind, auf das Konzept von Natur als etwas, das durch Herstellung prinzipiell möglich ist, sowie auf den Versuch des Menschen, sich von natürlichen Prozessen abzukoppeln.
Einhergegangen ist die Beschäftigung mit der anonymen lebendigen Skulptur in ihrer permanenten Veränderung mit der Reflexion über das Unvollkommene, Vorübergehende, nicht Ausformulierte. Ursprünglich von der Bildhauerei kommend – Scherübl erhielt seine Ausbildung an der Akademie der Bildenden Künste und machte seinen Abschluss bei Bruno Gironcoli – verlagerte sich sein Interesse zunehmend von der Form auf die Transformation. Was eine Arbeit ausmacht ist die Gesamtheit des Prozesses, die physischen Energie, die in diesen hineinfließt, aber auch die Dinge, die wegfallen, Steinsplitter etwa, die Scherübl in neue Entstehungskreisläufe von Werken einbindet. Maßgeblich ist hier der Zeitaspekt: Transformationen entstehen in der Zeit, haben ihren Rhythmus. In einem scheinbaren Paradox heißt Zeit effizient nutzen bei Scherübel etwa langwierige Techniken einzusetzen, mit Kugelschreiber oder Bleistift große Papierflächen zu füllen oder Fensterscheiben mit vielen kleinen Pinselstrichen nach und nach zu verdunkeln. Was beim Betrachten dieser Arbeiten erfahrbar wird, ist die Zeit und die Energie, die etwas braucht, damit es werden kann.
Werden und Vergehen, künstliches und natürliches Licht sind auch die Thema, denen sich Wilhelm Scherübl in einer Installation widmet, die aktuell im Rahmen der Ausstellung „Natur - Die Schöpfung ist nicht vollendet“ im Stift Admont zu sehen ist. Der „Raum für künstlerische Intervention“ wurde vom Künstler mit einer auf den Strom “Enns” Bezug nehmenden Lichtinstallation gestaltet, deren verästelte Stromverkabelung für die Transformation von Energie steht. Bücher aus dem Bestand der Stiftsbibliothek zeigen Abbildungen von Sonnenblumen: Inbegriff dessen, was nach dem Licht strebt. „Ich bin lichtsüchtig“, sagt Wilhelm Scherübl. (sh)
Michael Kienzer - Zwischen Dingen und Materialien
12. August 2009, 10:13:39 unter Deutsch, Podcast, Portraits, Video, Wien, ÖsterreichEin rasterartiges Strebewerk aus mehreren vertikalen und horizontalen Aluminiumstangen steht im Raum, wird zusammen- und aufrechtgehalten mittels eines chaotischen Geflechts schwarzer Gummibänder ohne sichtbarem Anfang und Ende. Die Skulptur vermittelt eine prekäre Stabilität, die auf dem Wirken von Schwerkraft, Zug, Druck, Reibung beruht. Das Spürbarmachen von Kräften, die ein Werk konstituieren, ist ein zentrales Anliegen des Künstler Michael Kienzer. Mit Mitteln der Verschnürung, Verknotung und raumgreifender Verspannung schafft er Verbindungen, Bezüge, Anschlüsse zwischen Dingen und Materialien und legt damit offen, dass es nicht die Elemente selber, sondern die wechselseitigen Beziehungen der Elemente sind, die Art, wie sich ihr Dazwischen gestaltet, die den Charakter eines Werkes ausmachen.
Kienzer absolvierte die Kunstgewerbeschule in Graz und die Hochschule für Angewandte Kunst, wo er bei Bruno Gironcoli Bildhauerei studierte. Für seine Arbeit, die mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurde, darunter mit dem Monsignore Otto Mauer Preis, nutzt er unterschiedlichste Medien; in Objekten, Installationen und Zeichnungen nähert er sich in verschiedenen Ansätzen den Themen Raum, Zeit, Fläche, Verdichtung, Materialität, Abbild und Original an. Seine skulpturalen Interventionen sind zumeist ortsbezogen, arbeiten mit den Mitteln des gegebenen Raums. Auf lapidare Weise machen so etwa zwei quer durch einen Raum verspannte, nur durch sich selbst und die Wände gestützte Aluminiumplatten auf das Wirken physikalischer Kräfte aufmerksam, verschieben diese und verändern so die Sicht des Betrachters auf zunächst unverrückbar erscheinende Strukturen.

Einige Arbeiten Kienzers, vor allem jenen, die im öffentlichen und halböffentlichen Raum angesiedelt sind, laden den Betrachter zum Partizipieren ein. Als kommunikatives Kunstwerk bezeichnet der Künstler den aus 30 Türen gebildeten Raum, der im Wiener MUMOK im Rahmen der Skulpturenreihe „Out Site“ zu sehen und – als wesentlicher Aspekt – zu begehen war: Gelangen konnte man hier in einen Schwellen-, einen Zwischenraum. Für seine aktuelle Installation „hanging around“ im Bruno Kreisky Park hat der Künstler Hängematten zwischen Bäumen verspannt, die das Dazwischen akzentuieren und benutzbar, erfahrbar machen. Auch hier bildet das Spannen und Verknotung das Prinzip der Konstruktion und Darstellung.
Ihren stärksten Ausdruck findet diese Figur in Skulpturen, bei denen Drähte, Rohre, Seile oder Gummibänder zu unentwirrbare Knäuel verflochten werden, Einheiten verschiedener Materialität bilden. Das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Materialen lenkt das Augenmerk auf deren Eigenschaften – das Glatte, Raue, Dehnbare, Steife – und darauf, wie diese Eigenschaften aufeinander wirken. Das Material selbst ist ein wichtiges Thema bei Michael Kienzer. Meist werden Halbfabrikate wie Drähte, Glas- und Aluminiumplatten, Stangen, Seile, Gummibänder eingesetzt, aber auch Alltagsgegenstände wie Klebebänder, Blechdosen, Glasflaschen, Radiergummis, diese jedoch nicht im Sinne von Readymade.
Das Material, die Gegenstände wirken oder sind neu, unbehandelt, tragen keine Spuren, haben keine Geschichte und stellen in ihrer jeweiligen Funktion im Kunstwerk eine pure Präsenz dar.
Ihre Komposition wirft die Frage nach ihren Beschaffenheits- und Kräfteverhältnissen auf: Wenn Rollen von Klebebändern zu einer scheinbar tragenden Säule aufeinandergetürmt, Telefonzellen aufeinander gestellt werden, ein Farbdosenstapel eine tragende Alustrebe einer Installation ersetzt oder ein Klebeband einen Heliumballon in der Luft fixiert, wird eine Ordnung der Dinge und der Kräfte überprüft. Der Blick ist ein pragmatisch-ironischer, das Kunstwerk bar jeder Narrativität. „Was ist Kunst?“ fragt die Schriftstellerin Dubravka Ugresic in ihrem Roman „Das Museum der bedingungslosen Kapitulation“ einen Freund. „Eine Tätigkeit, die mit der Überwindung von Schwerkraft zu tun hat, aber nicht mit dem Fliegen.“ (sh)
Arbeiten von Michael Kienzer sind in der Innsbrucker Galerie Thoman zu sehen.
Ariel Schlesinger - Die Magie der Verzauberung
15. Juli 2009, 09:24:16 unter Berlin, Deutschland, Englisch, Podcast, Portraits, VideoWer in der modernen, aufs Funktionale entzauberten Welt nach magischen Momenten sucht, muss das Wirkliche sehen und sich den Blick erhalten dafür, dass sich im Wirklichen Mögliches abzeichnen kann. Die Magie der Verzauberung besteht in der Transformation. Sie beruht auf der Fähigkeit am Alltäglichen, Banalen und Übersehenen, Traumhaftes zu wecken, das in uns steckt.
Zwei parallel gebogene Bleistifte leben Zweisamkeit. Auf Ventilen von Fahrradreifen achtlos abgestellter Fahrräder brennen kleine Flammen. Feuerzeuge, die nebeneinander stehen sind füreinander entflammt. Der israelische Künstler Ariel Schlesinger bezeichnet sich selbst als ein bisschen romantisch. Dieser Gestimmtheit für das Traumhafte und seine Aufmerksamkeit für das Mögliche als dem Übersehenen im Wirklichen sind zwei Ausgangspunkte seiner Kunst, die magisch anzieht und als Resultat manchmal nur geringfügiger Eingriffe fasziniert.

Aufgewachsen ist Ariel Schlesinger in Israel, studiert hat er an der Akademie für Kunst und Design Jerusalem und an der School of Visual Arts in New York. Leben und Auschau halten nach magischen Momenten, das macht er zur Zeit in Deutschlands Hauptstadt Berlin und Israels weißer Stadt Tel Aviv. Künstlerisch beheimatet ist Ariel Schlesinger in der Objektkunst und Installation.
In seinen Arbeiten greift er Gefundenes auf. Er baut es um und in größeren Arbeiten auch ein.
Auf einer Stehleiter montiert, treibt ein mit Kabelbindern montierter, billiger Akkubohrer in seinen letzten Batterie-Atemzügen ein Getriebe an, an dessen Ende mit Gas gefüllte Seifenblasen einen Duschkopf verlassen, hinunterschweben und auf einem Starkstromrost mit lautem Knall in die Realität zerplatzen.
Die vom Künstler zusammengefundenen Relikte des Alltags wirken auch in ihrer künstlerischen Neukonstruktion eher zusammengeschustert. Do-It-Yourself Ästhetik überwiegt – man kann sich auch mit einfachen Mitteln verzaubern lassen, als Kind im Spiel passiert das ständig und das hochpolierte Produktdesign der Erwachsenenwelt verhüllt als Mantel oft nur einen Mangel an Fantasie. (wh)
Michi Maier - Künstlergeburtsmaschine
26. April 2009, 10:44:29 unter Kunstwerke, Messe, Video, ViennaFair, Wien, ÖsterreichGleich dem Spermium, das erfolgreich das Ei befruchtet, muss das Kunstwerk in einem fruchtbaren Milieu heranwachsen. Nach der Reife im geschützten Raum braucht es kundige Helfer und verständige Fürsorge, um in der Welt anzukommen. Ohne die Verkündung der Niederkunft, ist keine hinreichendes Leben vorstellbar. Das Kunstwerk muss, um es überhaupt verkünden zu können, in sich eine Botschaft haben. Diese sagbare und unsagbare Botschaft ist Teil des Kunstwerks. Es muss einen Ruf haben, der ihm vorauseilt.

Die „Kinderskulpturen“ sind mit Marken am Bauch versehen. Diese Marken stellen Gefahr und Nutzen der Markenbildung in der Kunst dar. Für den Künstler ergibt sich eine Gefahr der Selbsteinschränkung und Einengung des Ausdrucks durch die eigene Marke einerseits und andererseits widerfährt ihm der Nutzen der Marke im wieder erkennen der eigenen Kunst am unübersichtlichen Markt. Die Verbindung mit dem Bild, das als Urausdruck menschlichen Schaffens gilt, hat den praktischen und sogleich metaphorischen Nutzen der Energieversorgung. Die Versorgungsschnur führt zur mit Computerschrott geformten Vulva.
Das Bild selbst mit semi-skulpturalem Charakter fungiert als Geburtsmaschine. Die weibliche Figur selbst hält ein nicht frei gegebenes Kunstwerk – eine Kinderskulptur ohne Marke. Das Kreuz in der rechten Hand stellt eine Reminiszenz an das Erbe des christlichen Abendlandes dar. Die unkeusche freizügige Haltung dieser Urmutter stellt eine Anti-These zur christlichen Ikonographie der „Mutter-Gottes“ dar. Die Augen dieser Mutter werden aus Bildschirmscheiben geformt werden. Der Bezug zur Moderne wird mit der Notwendigkeit der Energieversorgung zur Vollendung des Kunstwerks hergestellt. Die hängenden „Kinderskulpturen“ werden Briefe von Vincent van Gogh an seinen Bruder Theo rezitieren. Das Aufsagen dieser Briefe auf einer Messe für Kunst gibt die gezügelte Leidenschaft für die Kunst wiedergeben. Leidenschaft exemplarisch vorgeführt von van Gogh. Gezügelt deswegen, weil sein Scheitern am Leben wie am Markt für alle Zeiten Mahnmal und Erinnerungsort für jede neue Künstlergeneration ist.
MUSA - Museum auf Abruf
27. März 2009, 11:23:50 unter Deutsch, Museen, Museum auf Abruf, Podcast, Video, Wien, ÖsterreichManche Dinge hat man abrufbereit, weil sie einem wichtig sind. Man speichert sie. Sie stehen zur Verfügung. Das ist beispielsweise mit Geburtstagen von Freunden so oder auch mit wichtigen Telefonnummern, manchmal auch mit Kunstwerken. In Wien gibt es dafür das Museum auf Abruf. In diesem Museum der Stadt Wien werden Arbeiten von in Wien lebenden Künstlern in einer Sammlung aufbewahrt und der Bevölkerung zur Verfügung gestellt.
Begonnen wurde die Sammlung mit einem Aquarell-Ankauf im Jahr 1945. Inzwischen ist der Kunstspeicher auf fast 20.000 Werke angewachsen. Sie dokumentieren über ein halbes Jahrhundert Arbeit von in Wien ansässigen Künstlerinnen und Künstlern. Ankauf, sagt der heutige Leiter des MUSA Berthold Ecker, ist die konsequenteste Förderung für Künstler. Das war am Beginn der Sammlung ein Eckpfeiler der Kunstpolitik und ist es geblieben. Jährlich kauft die Stadt Wien circa 130 neue Kunstwerke für die Sammlung an. Heute befinden sich darunter Arbeiten von Franz West, Maria Lassnig oder auch Erwin Wurm.

Lange Zeit war die Sammlung der Stadt zwar abrufbereit, aber kein Ort verfügbar, an dem hätte gezeigt werden können, was die Sammlung angefangen von Malerei, Skulptur und Zeichnungen, über Installationen bis hin zu Videos und Neue-Medien Arbeiten zu bieten hat. Gäbe es eine permanente Ausstellungsfläche, man könnte die Arbeiten ins Licht der Öffentlichkeit rücken. So aber wird mit jeder Schau ein “Museum auf Abruf” ins Licht gerückt, titelte 1991 der damalige Leiter der Sammlung Wolfgang Hilger, womit auch die Namensgebung geklärt wäre.
2007 wurde das Museum auf Abruf, kurz MUSA, dann tatsächlich verwirklicht. In einem Gebäude rechts vom Wiener Rathaus stehen in den ehemaligen Räumlichkeiten einer öffentlichen Küche sechshundert Quadratmeter modernster Ausstellungsraum inklusive Depot zur Verfügung.
Das MUSA beherbergt neben der Ausstellungshalle eine Startgalerie, reserviert für junge Künstlerinnen und Künstler, um diesen Einzelausstellungen zu ermöglichen. Darüber hinaus gibt es noch die Artothek, in der Bilder aus der Sammlung zu einem Leih- und Versicherungsbetrag unter drei Euro pro Monat ausgeborgt und mit nach Hause genommen werden können.
Das Ziel, Kunst aus der Wiener Bevölkerung an die Wiener Bevölkerung zu bringen und Zugangsschwellen zu senken ist ebenso Museumsprogramm wie die Förderung der Künstler. Das Museum bietet drei groß angelegte Ausstellungen pro Jahr und zehn Ausstellungen in der Startgalerie sowie ein ambitioniertes Vermittlungsprogramm, das auch Menschen mit besonderen Bedürfnissen als Kunstpublikum berücksichtigt. Der Zugang zu den Ausstellungen ist gratis. Es wäre sonderbar, so der Leiter des Museums Berthold Ecker, wenn die Wienerinnen und Wiener als Eigentümer der Sammlung und deren Gäste Eintritt zahlen müssten.
Über den Ankauf entscheidet ebenso wie über die Bespielung der Startgalerie eine unabhängige Jury. Bewerbungsunterlagen für einen Ankauf gibt es hier und wer sich für eine Ausstellung in der Startgalerie interessiert schreibt ein Mail begleitet von Biografie und Portfolio an die Startgalerie des MUSA. (wh)
Karine Giboulo - 3D Comic
4. März 2009, 10:11:29 unter Englisch, Französisch, Kanada, Montreal, Podcast, PortraitsMit ihren Arbeiten, sagt die kanadische Künstlerin Karine Giboulo, möchte sie einen Eindruck hinterlassen, von der Welt. Ihren Eindruck. Was diesen Eindruck über die verschiedenen Arbeiten der Künstlerin hinweg kennzeichnet, ist ihr Blick. Giboulo hat einen Blick für die Nähe, selbst dann, wen das, worauf sie schaut, sich nicht unmittelbar vor ihren Augen befindet. Ihr Blick berührt, auch über Distanz, und stößt sich an Machtstrategien, die darauf abzielen, die Welt im Überblick zu behalten indem man im Einzelnen nicht so genau hin-, sondern eher darüber hinweg blickt, bereit sich emotional nicht berühren zu lassen. Der Soziologe Zymunt Bauman hat solchen Überblick, die soziale Erzeugung moralischer Unsichtbarkeit, als eine gezielte Strategie des Wegschauens unserer modernen, globalen Welt gebrandmarkt. Der Blick Giboulos weist in eine umgekehrte Richtung. Er konzentriert sich aufs Detail, er interessiert sich für die Dinge im Einzelnen und macht darin Wirkungen des Überblickens und Wegsehens aus.
Woraus bestehen die Arbeiten Giboulos? Es handelt sich bei ihren Arbeiten um Miniaturwelten. 3D Blicke auf den Parkplatz eines Fastfoodrestaurants, in Wohnzimmer, in Werbesujets, in Fabrikshallen, … zusammengestellt aus bis ins kleinste Detail ausgearbeiteten Knetmasse Figuren. Ihre kinderweltenartige Darstellung der Erwachsenenwelt, manchmal noch verstärkt durch den Einsatz des stilistischen Elements fabelhafter Personifikation, ist entwaffnend. Kunst, so niedlich und brutal deutlich, wie man es von Kindern kennt, wenn sie einem mitten ins Gesicht sagen, worüber man lieber hinwegsieht.

Ein Beispiel. Die Bereitschaft in unserer globalen Welt über Dinge hinweg zu sehen und Unberührtheit durch konsequenten Überblick zu bewahren, ist vor allem dort ausgeprägt, wo ausgiebig zu Bestpreisen konsumiert wird, was anderswo zu noch billiger produziert wird. In ihrer Arbeit “All you can eat” folgt Giboulo ihrem Bedürfnis, sich das anonymisierende “Made in China”, das als Prägung auf Sneakern, Bildschirmen, Plastikblumen, Handys, Elektrozahnbürsten und anderen Dingen den Konsum-Sinn unseres westlichen Lebens schildert, im Einzelnen zu veranschaulichen. Wer sind die Menschen, die diese Dinge für uns produzieren? Wundern sie sich manchmal über die Menschen, die all die Dinge kaufen, die sie fertigen? Giboulo besuchte Fabriken in der Sonderwirtschaftszone Shenzens und fertigte nach ihrer Rückkehr eine Miniaturwelt dreidimensionaler Nahaufnahmen dieser Menschen an. Ihre Einblicke hinterlassen einen Eindruck von Entindividualisierung und Masse, indem sie jenseits der Ästhetik der Wiederholung gerade die individuelle Seite solchen Daseins besonders hervorheben. Konsequent auch, dass das Einnehmen eines solcherart nahen Blicks die konsumierende Welt näher zu rücken zwingt und die Wohnzimmerwand der Konsumenten in Giboulos Arbeit an die der Schlafsäle chinesischer Wanderarbeiter grenzt. (wh)
Karine Giboulo hat auf der Pulse Contemporary Art Faire in New York 2009 den zweiten Preis für junge Künstler gewonnen! CastYourArt gratuliert!
The Sanchez Brothers - Das Dunkle belichten
4. Februar 2009, 09:06:36 unter Englisch, Kanada, Montreal, Podcast, Portraits, VideoCarlos, geboren 1976, Jason, geboren 1981, Nachname Sanchez, gemeinsam “The Sanchez Brothers”, ein viel versprechendes, junges Fotografenkollektiv. Gezeigt wurden die Arbeiten der beiden jungen Künstler aus Kanada bereits in zahlreichen Soloausstellungen in Kanada, den USA und Europa.
Ihre Fotografien, produziert in einem Atelier in den Fabrikhallen ihres Onkels in Montreal, haben Erfolg, obwohl sie oder vielleicht auch gerade weil sie die dunklen Seiten des Lebens und des menschlichen Tuns beleuchten. Schmerz, Wahnsinn, Tod, Selektion, Ungerechtigkeit, Missbrauch, Katastrophe, Trauer, Erniedrigung, Einsamkeit, Ausbeutung. Man kann es sich aussuchen, wovor man im Leben die Augen verschließt.

Was Carlos und Jason Sanchez verbildlichen sind Inszenierungen des Stattgefundenen, basierend auf Medienberichten und Geschichten, die man hört. Ihre Fotografien komprimieren die Handlung. Sie sind gefrorene Schlüsselszenen, in die man auch ob der Größe eintaucht und es ist in ihnen die Herausforderung der Fotografen erlebbar, mit Mitteln der Fotografie einen komplexen Zusammenhang weitergeben zu wollen, in einem einzigen filmischen Bild.
Solche Komprimierung ist teuer und wäre den beiden jungen Künstlern ohne staatliche Förderung und die Unterstützung durch die Provinz Quebec nicht möglich. Recherche, das Suchen und Aufsuchen von Orten, die die Aura der Szenerie tragen, die Verbildlichung des Vorgestellten in einem Studio-Set … Zum Teil wird das Interieur, in Einrichtungshäusern und Shops gekauft, nach dem Shooting wieder fein säuberlich verpackt und vom Recht auf Rückgabe Gebrauch gemacht. Das spart Geld, denn unter zeitlichen Gesichtspunkten ist die fotografische Arbeit der beiden verschwenderisch. Zwei Monate vergehen im Durchschnitt mit Vorbereitungszeit.
Entwicklung sehen die Brüder in der Erweiterung ihrer Arbeit in Richtung Installation, ein Weg, den sie in den letzten Jahren mit Installationen wie “Between Life and Death”, “Natural Selection” und “Buried Alive” bereits gegangen sind. Künstlerische Zukunft hat für Carlos und Jason Sanchez auf längere Sicht auch der Film. (wh)
Die nächste Soloausstellung mit den Arbeiten der beiden zeigt im Februar die Galerie DNJ in Los Angeles.
Michel de Broin - Matters of Circulation
26. November 2008, 11:02:11 unter Berlin, Deutschland, Englisch, Podcast, Portraits, VideoIm Jahr 1771 veröffentlicht Louis Sébastien Mercier den Roman “Das Jahr 2440″, die Utopie einer idealeren, in ferner Zukunft gelegenen Welt. Schon vorher hat es Utopien gegeben. Neu an Merciers Utopie ist jedoch, dass der Mensch die ideale Welt nicht nur durch Zufall erreicht, beispielsweise einen Sturm, der den Schiffbrüchigen an den Strand des idealen Ortes spült, sondern über eine von seinen Handlungen getragene, lineare Geschichte. “Einige Köpfe waren gleich am Anfang erleuchtet, aber der Großteil der Nation war noch leichtsinnig und kindlich. Nach und nach wurde der Geist herangebildet. Wir müssen noch mehr tun, als wir bisher geschafft haben. Wir haben nicht viel mehr erreicht als die Hälfte der Leiter.” resümiert der Künder aus der Zukunft den Zwischenstand auf halbem Weg zur Verwirklichung der Utopie. Merciers Erzählung der vom Menschen getragenen, stufenweisen Umsetzung einer Idealvorstellung ist eine moderne Vision – menschliches Vermögen, Vernunftbegabung und der Glaube an den technisch rationalen Fortschritt stehen im Vordergrund.

Die modernen Fortschrittsvisionen sind an ihrer Realisierung zerplatzt. Diese Erkenntnis hat sich in den darauf folgenden Jahrhunderten eingestellt. Das moderne Projekt steckt auf der Hälfte einer Stufenleiter fest, die nur weiter, nicht aber notwendig vorwärts führt, und der Glaube an den gemeinsamen Weg der Menschheit in die ideale Welt, an den “Traum aller Träume” wie Mercier seine Vision nennt, verblasst. Im Großen wie im Kleinen haben sich die Vorstellungen optimalerer Welten vervielfacht, und statt der einen Bewegung, um sie zu erreichen, findet ein reges Nebeneinander und ständiger Wechsel der Mittel und Wege statt.
Die Skulpturen und öffentlichen Interventionen des kanadischen Künstlers Michel de Broin beziehen sich gewissermaßen auf diesen Zwischenstand auf der Hälfte der Stufenleiter. Sie greifen die schon ein wenig angestaubten, aber noch immer unseren Alltag bestimmenden Umsetzungen der großen modernen Fortschrittsgeschichte auf – zum Beispiel Autos, jene Statussymbole des Fortschritts, die meist nur von einer Person genutzt werden, unendlich Benzin fressen und die Umwelt zerstören. Zugleich aber beziehen sie sich auch auf die vielfach neuen Rezepte zur Erreichung besserer Zeiten – Verlangsamung im Zeichen des Umweltschutz, Kreislaufwirtschaft ohne Energieverlust, postindustriellen Visionen der Nachhaltigkeit – und die ihnen entsprechenden Mittel der Umsetzung, die unser Leben bevölkern.
Seine Arbeiten setzen solche Optimierungsvisionen um und in Szene und führen, manchmal durch Übersteigerung oft aber auch nur durch Verbildlichung, ihre inneren Tendenzen und Widersprüchlichkeiten vor. Das reißt Lücken in die einschränkenden Festlegungen alter und neuer Zielverbissenheit ohne zu schulmeistern. Sein Stil entspricht eher jenen, die den Unterricht schwänzen, weil spielerische Entdeckerlust sie hinaustreibt und deren Schabernack aufzeigt, wo Fortschrittszwang und Leistungsfähigkeit die Welt zu sehr am Zügel reißt. (wh)








