KITEEZI. Njola Impressions
Beim Betreten der Weltmuseum Wien Ausstellung "Kiteezi" im Theseus-Tempel im Wiener Volksgarten ist die Begegnung unmittelbar und irritierend. Figuren in aufwendig gestalteten Kleidern stehen auf bunten Inseln verbunden durch Kabelkanäle. Im Hintergrund überragt ein monumentales Gestell die Szenerie, an diesem hängt ein großer Sack, gefüllt mit Plastikkanistern, darunter ein Motorrad.
Was genau sehen wir hier eigentlich?
Mit ihrer Installation "Kiteezi" nimmt die ugandische Künstlerin Njola Bezug auf die gleichnamige Mülldeponie in Kampala, die im Jahr 2022 kollabierte und dabei Menschenleben forderte, doch geht sie über jenes einzelne Ereignis hinaus und verweist auf Grundsätzlicheres: Mit welcher Praxis nehmen wir jene Bereiche unseres globalen Konsumlebens wahr, wo aus Gütern Abfall und aus sozialer Mitte Randzonen werden?
Abfall wird oft als Endpunkt verstanden — als etwas, das weggeworfen, entfernt und unsichtbar gemacht wird. In Njolas Praxis beginnt sich diese Definition jedoch zu verschieben. Die Materialien, mit denen sie arbeitet — Reifen, Flip-Flops, Fahrradschläuche — werden nicht als Überreste eines abgeschlossenen Lebenszyklus behandelt. Sie sind Ausgangspunkte. Sie werden erneut aufgenommen, bearbeitet und in neue Formen überführt. Was wir als Abfall bezeichnen, wird zu Materie im Übergang.
Diese Transformation ist nicht nur materiell, sondern auch konzeptuell. Indem Njola mit dem arbeitet, was die Gesellschaft bereits ausgeschlossen hat, legt sie die Fragilität der Kategorien offen, auf denen wir beruhen: Wert und Nicht-Wert, nützlich und nutzlos, sichtbar und unsichtbar. Abfall ist in diesem Sinne kein fester Zustand, sondern eine Position innerhalb eines Systems von Verteilung und Ausblendung.
Doch ihre Praxis bleibt nicht bei der Kritik stehen. Sie bewegt sich hin zur Wiederverbindung.
In Kiteezi ist die Deponie nicht nur Symbol ökologischer Zerstörung, sondern auch ein Ort des Überlebens. Viele Menschen leben dort von und mit diesen weggeworfenen Materialien. Was anderswo als Abfall gilt, wird hier zu Ressource, Einkommen und Lebensgrundlage. Njolas Arbeit anerkennt diese Realität und holt sie ins Zentrum künstlerischer Auseinandersetzung.
Ihre Kunst ist daher mehr als Repräsentation — sie wird zu einer Form gesellschaftlicher Praxis. Durch Mode entwickelt sie eine Sprache, die zugleich körperlich und zugänglich ist, verwurzelt in etwas universell Geteiltem: dem Akt des Bekleidetseins, dem Verhältnis zum Material. Mode ist hier keine Dekoration, sondern Kommunikation — ein Mittel, globale Strukturen greifbar zu machen. Gleichzeitig ist ihre künstlerische Praxis stark gemeinschaftsbasiert: Sie ist in lokale Kontexte eingebettet und bezieht Menschen direkt ein, wodurch Formen der Zusammenarbeit entstehen, die Einkommen und wirtschaftliche Handlungsspielräume für jene schaffen, die in und mit diesen Materialkreisläufen arbeiten.
Auch deshalb geht die Arbeit über den Ausstellungsraum hinaus. Die Materialien werden nicht lediglich gezeigt, sondern aktiviert. Reifen werden geschnitten, vernäht und transformiert. Kleidungsstücke werden getragen, performt und im Raum verortet. Njolas Praxis besteht darauf, dass Kunst nicht vom Leben getrennt ist — sie stellt Realität nicht nur dar, sondern führt sie aus.
Im Zentrum der Installation steht ein Motorrad, eine Referenz an die Boda-Boda-Fahrer in Kampala. Oft gesellschaftlich marginalisiert, sind sie dennoch essenziell für Mobilität und alltägliches Leben. Indem sie ins Zentrum der Arbeit gestellt werden, werden jene, die dort am Rande stehen, erneut in die Erzählung eingeschrieben. Die Praxis wird so auch zu einem Akt der Inklusion — zu einer Rückbindung dessen in die Gesellschaft, was diese selbst häufig an den Rand drängt.
So verstanden ist Kiteezi nicht nur eine künstlerische Arbeit, sondern eine Setzung: dass materielle, soziale und ökologische Systeme nicht voneinander getrennt gedacht werden können. Dass das, was wir anderswo wegwerfen, in veränderter Form zurückkehrt. Und dass künstlerische Praxis in diese Kreisläufe nicht nur durch Darstellung eingreifen kann, sondern indem sie aktiv beeinflusst, wie sie wahrgenommen und gelebt werden.
Vor diesem Hintergrund wird das Weltmuseum Wien, in dessen Program die Ausstellung stattfindet, auch als ethnologisches Museum positioniert. Ethnologie - begreift man - muss zutiefst im Alltag der Menschen verankert sein, um relevant zu bleiben: selbst oder gerade dort, wo wir den Blick auf diesen Alltag vermeiden.
https://www.weltmuseumwien.at/Das könnte Sie auch interessieren
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