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MICHEL DE BROIN. Matters of Circulation

Kategorie: Porträt 26. November 2008

Im Jahr 1771 veröffentlicht Louis Sébastien Mercier den Roman "Das Jahr 2440", die Utopie einer idealeren, in ferner Zukunft gelegenen Welt. Schon vorher hat es Utopien gegeben. Neu an Merciers Utopie ist jedoch, dass der Mensch die ideale Welt nicht nur durch Zufall erreicht, beispielsweise einen Sturm, der den Schiffbrüchigen an den Strand des idealen Ortes spült, sondern über eine von seinen Handlungen getragene, lineare Geschichte. "Einige Köpfe waren gleich am Anfang erleuchtet, aber der Großteil der Nation war noch leichtsinnig und kindlich. Nach und nach wurde der Geist herangebildet. Wir müssen noch mehr tun, als wir bisher geschafft haben. Wir haben nicht viel mehr erreicht als die Hälfte der Leiter." resümiert der Künder aus der Zukunft den Zwischenstand auf halbem Weg zur Verwirklichung der Utopie. Merciers Erzählung der vom Menschen getragenen, stufenweisen Umsetzung einer Idealvorstellung ist eine moderne Vision – menschliches Vermögen, Vernunftbegabung und der Glaube an den technisch rationalen Fortschritt stehen im Vordergrund.

Die modernen Fortschrittsvisionen sind an ihrer Realisierung zerplatzt. Diese Erkenntnis hat sich in den darauf folgenden Jahrhunderten eingestellt. Das moderne Projekt steckt auf der Hälfte einer Stufenleiter fest, die nur weiter, nicht aber notwendig vorwärts führt, und der Glaube an den gemeinsamen Weg der Menschheit in die ideale Welt, an den "Traum aller Träume" wie Mercier seine Vision nennt, verblasst. Im Großen wie im Kleinen haben sich die Vorstellungen optimalerer Welten vervielfacht, und statt der einen Bewegung, um sie zu erreichen, findet ein reges Nebeneinander und ständiger Wechsel der Mittel und Wege statt.

Die Skulpturen und öffentlichen Interventionen des kanadischen Künstlers Michel de Broin beziehen sich gewissermaßen auf diesen Zwischenstand auf der Hälfte der Stufenleiter. Sie greifen die schon ein wenig angestaubten, aber noch immer unseren Alltag bestimmenden Umsetzungen der großen modernen Fortschrittsgeschichte auf – zum Beispiel Autos, jene Statussymbole des Fortschritts, die meist nur von einer Person genutzt werden, unendlich Benzin fressen und die Umwelt zerstören. Zugleich aber beziehen sie sich auch auf die vielfach neuen Rezepte zur Erreichung besserer Zeiten – Verlangsamung im Zeichen des Umweltschutz, Kreislaufwirtschaft ohne Energieverlust, postindustriellen Visionen der Nachhaltigkeit – und die ihnen entsprechenden Mittel der Umsetzung, die unser Leben bevölkern.

Seine Arbeiten setzen solche Optimierungsvisionen um und in Szene und führen, manchmal durch Übersteigerung oft aber auch nur durch Verbildlichung, ihre inneren Tendenzen und Widersprüchlichkeiten vor. Das reißt Lücken in die einschränkenden Festlegungen alter und neuer Zielverbissenheit ohne zu schulmeistern. Sein Stil entspricht eher jenen, die den Unterricht schwänzen, weil spielerische Entdeckerlust sie hinaustreibt und deren Schabernack aufzeigt, wo Fortschrittszwang und Leistungsfähigkeit die Welt zu sehr am Zügel reißt. (wh)



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