HAAKON NEUBERT. Für wen malen wir?
Was bedeutet es zu malen – nicht als Beruf oder Produkt, sondern als eine Weise, in der Welt zu sein? In diesem intimen Interview mit dem STRABAG Art Award International-Preisträger Haakon Neubert erscheint Malerei weniger als ein Akt der Darstellung denn als eine Form der Orientierung: als Möglichkeit, zu sich selbst zurückzufinden, wenn alles andere ins Wanken gerät.
Neubert beschreibt das Atelier als eine Art Zufluchtsort – nicht, weil es ein Entkommen bietet, sondern weil es auf Gegenwärtigkeit besteht. Der Akt des Malens wird zu etwas Beständigem und Verlässlichem, getragen von Wiederholung und einer zutiefst persönlichen Bildsprache, die sich einer einfachen Übersetzung entzieht. Seine Arbeiten schöpfen aus gelebter Erfahrung: flüchtige Rückkehrmomente an Orte der Vergangenheit, die leise Spannung alltäglicher Situationen, die verkörperte Erinnerung an Gesten so schlicht wie das Warten in einer Schlange. Diese Momente sind nicht monumental, und doch erhalten sie in seinen Bildern eine subtile, beinahe beunruhigende Intensität.
Im Zentrum seiner Praxis steht eine Frage, die eine andere allmählich verdrängt: nicht warum malen, sondern für wen. Neuberts Antwort ist von entwaffnender Direktheit – er malt für andere, für jene, die sich in den von ihm dargestellten Figuren wiedererkennen könnten. Seine Bilder eröffnen eine Form gegenseitiger Wiedererkennung, in der die Grenzen zwischen Betrachtenden und Dargestellten zu verschwimmen beginnen.
Gleichzeitig reflektiert seine Arbeit die Bedingungen ihrer eigenen Sichtbarkeit. Was geschieht, wenn ein Bild sich weigert, sich vollständig zu zeigen? Wenn es zurückhält, verdeckt oder sich nach innen wendet? In der Beschreibung einer jüngeren Werkgruppe ruft Neubert die Figur eines Maurers auf, der den Blick auf das Bild selbst zunehmend versperrt – ein Motiv, das die Grundannahme des Zeigens infrage zu stellen scheint.
Unser Filmbeitrag verbindet Neuberts Reflexionen mit Einblicken in seine malerische Welt: Oberflächen, die aus Zurückhaltung entstehen, Figuren zwischen Handlung und Zögern, Hände, die greifen statt zu berühren. Es ist das Porträt eines Künstlers, der sich zwischen Offenheit und Kontrolle bewegt, zwischen dem Wunsch nach Verbindung und dem Impuls zum Rückzug.
Am Ende erscheint Malerei nicht als abschließende Antwort, sondern als fortwährende Aushandlung – zwischen Selbst und Anderem, Sichtbarkeit und Widerstand, Festhalten und Loslassen.
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