SUPERFLUX. The Craftocene
Was bleibt von uns — und wer werden wir gewesen sein?
Mit The Craftocene entwirft Studio Superflux im Weltmuseum Wien einen Denkraum, in dem Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft ineinander greifen. In unserem Film sprechen die Künstler:innen Anab Jain und Jon Ardern gemeinsam mit Direktorin Claudia Banz über eine Ausstellung, die weniger Antworten gibt als vielmehr eine grundlegende Verschiebung vorschlägt: weg von der Vorstellung des Menschen als Zentrum der Welt, hin zu einem Denken in Beziehungen, Abhängigkeiten und gemeinsamer Existenz.
Ausgangspunkt ist eine ebenso einfache wie radikale Frage: Welche Vorfahren werden wir sein? Sie richtet den Blick nicht nur in die Zukunft, sondern vor allem auf die Gegenwart — auf jene Entscheidungen, Narrative und Gewohnheiten, die bestimmen, was von uns bleibt. Superflux versteht sich dabei als eine Art spekulative Archäologie: Die Arbeiten lesen unsere Zeit aus der Perspektive eines fernen Morgen und machen sichtbar, was wir vielleicht längst normalisiert haben — den Glauben an Wachstum, an ständige Steigerung, an das „Mehr“ als Leitprinzip.
Dem setzt The Craftocene ein anderes Modell entgegen. Während das Anthropozän den Menschen als dominierende Kraft beschreibt, schlägt der von Superflux geprägte Begriff ein „mehr-als-menschliches“ Verständnis vor: eine Welt, in der Menschen, Tiere, Pflanzen und unsichtbare Systeme als miteinander verflochtene Akteure gedacht werden. In Installationen wie Refuge for Resurgence wird diese Idee sinnlich erfahrbar — als ein gemeinsamer Tisch, an dem unterschiedliche Spezies zusammenkommen, um aus den Trümmern einer erschöpften Welt neue Formen des Zusammenlebens zu imaginieren.
Dabei geht es nicht allein um Wissen, sondern um Wahrnehmung. Superflux übersetzt abstrakte Zukunftsszenarien in körperliche, atmosphärische Erfahrungen. Daten, Mythen, Materialien und Räume verbinden sich zu Umgebungen, die nicht nur verstanden, sondern gespürt werden wollen. Es ist ein Versuch, jene „sensorischen Sprachen“ wieder zu erinnern, die uns mit anderen Lebensformen verbinden — jenseits von Rationalität und Kontrolle.
Für Claudia Banz liegt genau darin die besondere Relevanz dieser Ausstellung für ein ethnologisches Museum. The Craftocene eröffnet einen neuen Blick auf die Sammlungen: als Archive gelebter Beziehungen zur Welt — und zugleich als Reservoir für mögliche Zukünfte. Was hier sichtbar wird, ist eine Perspektive, in der Vergangenheit nicht abgeschlossen ist, sondern als Ressource für ein anderes Morgen wirkt.
Der Film begleitet diese Gedanken und führt durch eine Ausstellung, die nicht nur betrachtet, sondern erfahren werden will. The Craftocene ist kein Szenario einer fernen Zukunft — sondern eine Einladung, die Gegenwart anders zu denken: als Moment der Entscheidung, als Schwelle.
Die Ausstellung "The Craftocene" ist im Weltmuseum Wien von 3. März bis 16. August 2026 zu sehen.
https://www.weltmuseumwien.atDas könnte Sie auch interessieren
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