MAXIMILIAN PRÜFER. Aus Staub kehrst du zurück
Was geschieht, wenn Bilder nicht gemalt, sondern von Fliegen gelesen werden? Und wenn Geschichte nicht erzählt, sondern im Staub ihrer Zerstörung weiterarbeitet?
Der Film über Maximilian Prüfer begleitet einen Künstler, der mit Lebewesen, Materialien und Zeiträumen arbeitet — und der Kunst nicht als Produktion von Formen, sondern als Sichtbarmachen von Prozessen versteht.
Prüfers Arbeiten entstehen in Zusammenarbeit mit natürlichen Akteuren: Fliegen, Licht, Wärme, Pigmente, Zeit. In einem präzise entwickelten Setup hinterlassen die Insekten Spuren auf Papier — kleine Punkte, die auf den ersten Blick zufällig wirken, sich jedoch nach und nach zu Bildern verdichten. Wo die Fliegen ihre Spuren setzen, entscheidet nicht der Künstler allein, sondern Temperatur, Sonneneinstrahlung, Material, Bewegung. Das Bild entsteht als Ergebnis eines komplexen Zusammenspiels von Umwelt, Biologie und Konstruktion.
Doch hinter dieser poetischen Methodik liegt eine tiefere historische Schicht. Die Pigmente, mit denen Prüfer die Fliegen füttert, stammen aus Bombenschutt des Zweiten Weltkriegs — aus den Trümmern von Augsburg. Geschichte wird hier nicht illustriert, sondern materiell gegenwärtig: als zermahlene Stadt, als sedimentierte Gewalt, als Substanz. Und zugleich als Ausgangspunkt für eine radikale Umkehrbewegung.
Prüfer rekonstruiert mit diesen Arbeiten Bilder, die von den Nationalsozialisten als „entartet“ zerstört wurden. Zerstörung, so sagt er, ist das Gegenmodell zum Schaffen. Seine Arbeit setzt genau an dieser Stelle an: Nicht, um einfach zu reproduzieren, was verloren ging, sondern um den Kreislauf von Vernichtung und Neuschöpfung weiterzuführen — und ihm eine neue Richtung zu geben. Was einst ausgelöscht wurde, taucht langsam wieder auf. Zuerst als Rauschen. Dann als Schemen. Schließlich als Bild.
Dieser Prozess braucht Zeit. Manche Arbeiten entstehen über Monate, andere über Jahre. Geduld ist hier kein Mittel zum Zweck, sondern Teil der Aussage. Die Bilder erscheinen nicht auf Knopfdruck — sie wachsen, formieren sich, kommen zurück. Und mit ihnen die Möglichkeit, Geschichte nicht nur zu erinnern, sondern neu zu verhandeln.
Im Film spricht Maximilian Prüfer auch über seinen eigenen Weg: über eine Kindheit ohne selbstverständlichen Zugang zu Kunst und Museen, über Neugier als Antrieb und über Kunst als Raum, in dem sich Philosophie, Gesellschaft, Forschung, Technik und Ästhetik miteinander verschränken dürfen. Nicht als fertige Antworten, sondern als offene Denkbewegung.
Die Auszeichnung mit dem STRABAG ART Award International 2025 markiert dabei keinen Abschluss, sondern einen Moment innerhalb eines langfristigen künstlerischen Prozesses — eines Arbeitens, das weniger auf das schnelle Bild zielt als auf das langsame Sichtbarwerden.
Der Film lädt dazu ein, diesem ungewöhnlichen Schöpfungsprozess zuzusehen: einem Werden, das sich nicht kontrollieren lässt — und gerade deshalb etwas über unsere Beziehung zu Geschichte, Zerstörung und Hoffnung erzählt.
Unter dem Titel "Bild findet Gnade" zeigt STRABAG ART Arbeiten des Künstlers von 16. Jänner bis 19. Februar 2026.
https://strabag.art/Das könnte Sie auch interessieren
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