MICHAELINA WAUTIER. Malerin
Was passiert, wenn eine Künstlerin jahrhundertelang übersehen wurde — und plötzlich ins Zentrum eines der bedeutendsten Museen der Welt rückt?
Der Film zur Ausstellung Michaelina Wautier. Malerin im Kunsthistorischen Museum Wien folgt genau diesem Moment der Wiederentdeckung.
Michaelina Wautier zählt heute zu den großen Überraschungen der Kunstgeschichte des 17. Jahrhunderts. Zu ihrer Zeit geschätzt, von bedeutenden Sammlern wie dem habsburgischen Erzherzog Leopold Wilhelm gesammelt und mit anspruchsvollen Aufträgen betraut, verschwand ihr Name später fast vollständig aus dem kunsthistorischen Gedächtnis. Erst durch die jahrzehntelange Forschung der Kunsthistorikerin Katlijne van der Stighelen wurde Wautiers Werk wieder sichtbar — eine detektivische Annäherung, die im Depot des Kunsthistorischen Museums ihren Anfang nahm und bis heute anhält.
Im Film sprechen van der Stighelen und KHM-Generaldirektor Jonathan Fine über eine Künstlerin, deren Werk sich jeder einfachen Einordnung entzieht. Wautier malte Historienbilder, religiöse und mythologische Szenen, Porträts, Blumenstillleben und Alltagsszenen — in einer Breite und Qualität, die selbst für männliche Zeitgenossen außergewöhnlich war. Besonders bemerkenswert ist ihre Freiheit im Umgang mit Formaten, Modellen und Sujets: großformatige Kompositionen, lebensnahe Figuren, nackte männliche Körper — alles andere als selbstverständlich für eine Frau im 17. Jahrhundert.
Ein Schlüsselwerk der Ausstellung ist der Triumph des Bacchus. Nach seiner Restaurierung wurde die Radikalität dieser Malerei unübersehbar: eine neuartige Komposition, eine körperliche Präsenz der Figuren, eine Direktheit im Ausdruck — und eine Künstlerin, die sich selbst als Bacchantin ins Bild einschreibt und zugleich den Blickkontakt mit den Betrachtenden sucht. Für Jonathan Fine ist dies ein Moment von frappierender Aktualität: Wautier durchbricht die Bildgrenze, sie ist Teil der Szene und kommentiert sie zugleich.
Was ihre Malerei so zeitlos macht, ist die Unmittelbarkeit ihrer Figuren. Ob spielende Jungen, junge Heilige oder mythologische Gestalten — sie erscheinen nicht als ferne historische Typen, sondern als Menschen mit innerem Leben, mit Zweifeln, Melancholie, Energie. In Werken wie Die fünf Sinne oder den Darstellungen der heiligen Agnes und Dorothy zeigt sich Wautiers außergewöhnliche Sensibilität für Psychologie, Alter und Erfahrung — und ihr Wille, tradierte Bildformeln neu zu denken.
Der Film macht deutlich, dass Wautiers Vergessen kein Zufall war. Ihre Vielseitigkeit, ihre technische Brillanz und ihre thematische Kühnheit widersprachen lange dem Bild davon, was man einer Künstlerin zutraute. Mit dem Verlust ihres Namens aus den Zuschreibungen wurde auch ihre Rolle in der Kunstgeschichte ausgelöscht.
Die Ausstellung und der Film verstehen sich daher nicht nur als Würdigung einer herausragenden Malerin, sondern auch als Plädoyer für neue Perspektiven auf historische Sammlungen. Für Jonathan Fine liegt genau hier die Gegenwartskraft alter Kunst: Wenn wir andere Fragen stellen, beginnen diese Werke wieder zu sprechen — klar, direkt und überraschend aktuell.
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