DIOR THIAM. Postkoloniale Perspektiven
Die Arbeiten der STRABAG Artaward International 2025–Anerkennungspreisträgerin Dior Thiam kreisen um einen Blick, der uns allen vertraut ist – und doch kaum je hinterfragt wird: den kolonialen Blick der Fotografie. Historische Archivaufnahmen mögen weit entfernt scheinen, doch, wie Thiam betont, wirken ihre Bildlogiken bis heute fort. Sie prägen Sehgewohnheiten, Körperbilder und Erwartungshorizonte – und sie tragen die Gewalt ihrer Entstehung weiterhin in sich.
Gerade deshalb ist der Umgang mit diesen Fotografien für sie ein heikler, beinahe zeremonieller Prozess. Die ursprünglichen Bilder – jene „gewaltvollen Objekte“, wie sie sagt – will und kann sie nicht einfach wiederverwenden. Ihre künstlerische Arbeit beginnt genau dort: in der Transformation.
Der Schritt von der Fotografie zur Malerei schafft Distanz zum historischen Objekt und öffnet einen Möglichkeitsraum, in dem die Gewalt der Bilder nicht reproduziert, sondern umgeformt werden kann.
Thiam interessiert sich besonders für jene seltenen Momente, in denen die fotografierte Person dem kolonialen Blick etwas entgegensetzt – ein Widerstand, ein Abweichen, eine Störung der vorgegebenen Perspektive. Aus solchen Bildern entwickelt sie ihre Malereien, die sie immer wieder übermalt, abwäscht und neu beginnt. Dieses Waschen ist ein Akt des Loslassens: ein Versuch, nicht an der „Schönheit“ zu haften, die Bilder oft festlegt und erstarrt. Stattdessen bricht sie die Oberfläche, lässt Fragmente entstehen und öffnet Räume für das Nicht-Sichtbare.
Schneiden, Nähen, Trennen, wieder Verbinden – dieser zweite Teil des Prozesses führt das Material von der Repräsentation zurück in eine körperliche, fürsorgliche Geste. Die Fäden bleiben sichtbar, hängen aus den Bildkörpern heraus wie offene Fragen, wie Wunden, die nicht geschlossen werden können. „Es bleibt immer etwas übrig“, sagt Thiam, und gerade dieses Offene ist für sie wesentlich: eine Weigerung, das Bild – oder die Geschichte dahinter – zu glätten.
Ihre Arbeiten verlangen Bewegung. Man muss um sie herumgehen, Abstand nehmen, sich wieder annähern. Die fragmentierten Perspektiven verweigern die Illusion eines vollständigen Bildes – denn ein solches existiert nicht. Was bleibt, ist ein visueller und politischer Zwischenraum, in dem Thiam nicht Antworten gibt, sondern Bewusstsein schafft.
In unserem Kurzfilm spricht Dior Thiam über diesen Prozess, über Fürsorge, Widerständigkeit und die Frage, wie Kunst neue Wege des Umgangs mit kolonialen Archiven eröffnen kann. Die Ausstellung „Before Ruins“ bei STRABAG ART von 14. November bis 19. Dezember 2025 zeigt, wie kraftvoll und liebevoll diese Suchbewegung werden kann.
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