MARKO SAJN. Becoming one
Auf den ersten Blick wirken Marko Šajns Arbeiten bemerkenswert geschlossen. Figuren, Farben und Linien scheinen sich zu klaren Formen zu verbinden, als hätte jedes Element seinen vorbestimmten Platz in einem größeren Ganzen. Doch je länger man hinsieht, desto mehr beginnt diese scheinbare Ordnung ins Wanken zu geraten. Körper überlagern sich auf unmögliche Weise, Gliedmaßen scheinen zu mehreren Figuren zugleich zu gehören, und was zunächst wie eine einzige Form erscheint, erweist sich als eine Vielzahl von Körpern.
Im Zentrum von Šajns Arbeiten steht dieses Spannungsverhältnis zwischen dem Individuum und der Gemeinschaft. Seine Kompositionen sind geprägt von seiner klassischen Ausbildung in der Druckgrafik, in der jede Bewegung bedacht werden muss und die Möglichkeiten von Farbe und Form bewusst begrenzt sind. Bei seinen Skulpturen aus Stahl hingegen entwickelt sich die Form ohne vorherige Zeichnung: Šajn biegt und verschweißt das Material, beginnt an einem Punkt und lässt die Linie intuitiv weiterlaufen, bis sie sich zu einem geschlossenen Ganzen formt. Die Figuren durchdringen einander und machen so im dreidimensionalen Raum sichtbar, was in seinen Bildern bereits als körperliche Unmöglichkeit angelegt ist.
Doch für Šajn ist dieses Verschmelzen der Formen mehr als ein formales Experiment. Es verweist auf eine grundlegende Vorstellung von menschlicher Verbundenheit: auf die Überzeugung, dass der Einzelne durch seine Beziehungen zu anderen an Stärke gewinnt und dass eine Gemeinschaft Dinge vermag, die dem isolierten Individuum nicht möglich sind. Eine große Figur, die von mehreren kleineren gestützt wird, kann dabei eine Familie, eine Gemeinschaft, ein Unternehmen oder auch eine Gesellschaft und ihre politischen Strukturen verkörpern.
In Becoming One bringt Šajn Malerei und Skulptur zusammen und nähert sich diesem Gedanken aus zwei sehr unterschiedlichen Richtungen: aus der kontrollierten Präzision des Bildes und der unmittelbaren Körperlichkeit des Stahls. Was geschieht, wenn aus vielen Körpern eine gemeinsame Form wird? Wo endet das Individuum und wo beginnt die Gemeinschaft? Und was verrät unsere vermeintliche Unabhängigkeit darüber, wie sehr wir tatsächlich aufeinander angewiesen sind?
Im Interview spricht Marko Šajn über diese Fragen, über seinen künstlerischen Arbeitsprozess und über die Gedanken hinter den Arbeiten, die in der Ausstellung bei STRABAG ART zu sehen sind.
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