PRÄSENZ ALS KUNST. Ralph Gleis über Marina Abramović
Wenn Ralph Gleis über Marina Abramović spricht, beginnt er nicht mit Theorie, sondern mit Präsenz. Er beschreibt eine Frau, die einen Raum betritt und ihn augenblicklich verändert – eine Künstlerin, deren Leben und Werk so untrennbar miteinander verbunden sind, dass Kunst durch jede Faser ihres Seins zu pulsieren scheint. Abramović, so Gleis, ist im wörtlichsten Sinne eine „Vollblutkünstlerin“: Nichts in ihrem Leben existiert außerhalb der Kunst, und doch begegnet sie anderen mit Offenheit, Humor und einer entwaffnenden Wärme, die dem Schmerz und der Verletzlichkeit ihrer Werke entgegensteht.
Als Generaldirektor der Albertina verortet Gleis Abramović nicht nur als die einflussreichste Performance-Künstlerin unserer Zeit, sondern auch als einen Wendepunkt für das Haus selbst. Die Performancekunst, lange marginalisiert und nur zögerlich anerkannt, findet hier eine neue und bedeutende Plattform. Die Ausstellung in der Albertina Modern – die erste große Retrospektive von Marina Abramović in Österreich – markiert zugleich die Würdigung ihres historischen Einflusses und einen bewussten Schritt in neues kuratorisches Terrain.
Im Zentrum von Gleis’ Überlegungen steht die Überzeugung, dass Performancekunst etwas verlangt, das heute selten geworden ist: volle Präsenz. Sie ist eine Kunstform, die sich ausschließlich im Hier und Jetzt entfaltet und sowohl von der Künstlerin als auch vom Publikum eine physische, emotionale und geistige Beteiligung fordert. Abramovićs Arbeiten sind nicht dafür gedacht, aus sicherer Distanz konsumiert zu werden; sie fordern dazu auf, Schwellen zu überschreiten, Unbehagen zuzulassen und die Wahrnehmung des eigenen Körpers und Seins zu schärfen. Auf diese Weise wird Kunst zur Erfahrung – unmittelbar, fordernd und zutiefst persönlich.
Diese Dringlichkeit verleiht der Ausstellung ihre besondere Aktualität. In einer von Bildern und permanenter Ablenkung geprägten Welt entzieht sich Abramovićs Werk der einfachen Dokumentation. Man kann es nicht als Foto mit nach Hause nehmen – man muss es erleben. Gleis beschreibt Performance als Dialog, als gegenseitige Spiegelung von Künstlerin und Publikum, in der Bedeutung durch Begegnung entsteht, nicht durch Repräsentation. Die Intensität dieses Austauschs macht das Kunsterlebnis so nachhaltig.
Die Ausstellung selbst bewegt sich zwischen Stille und Provokation. Videomaterial, Fotografien, Zeichnungen und Installationen eröffnen Räume der Kontemplation ebenso wie Momente der Konfrontation. In Arbeiten wie Imponderabilia, bei der Besucherinnen und Besucher körperlich zwischen zwei nackten Körpern hindurchgehen müssen, um die Ausstellung zu betreten, löst sich die Grenze zwischen Kunst und Betrachtenden auf. Man betrachtet die Kunst nicht nur – man tritt in sie ein, körperlich und bewusst.
Schmerz, Leid und das Wissen um die eigene Vergänglichkeit – Abramovićs drei grundlegende emotionale Kräfte – durchziehen die Ausstellung wie ein Unterstrom. Gleis spricht offen über die Gefahr und die Extremität ihrer Performances, über reale Risiken und über die Befreiung, die aus dieser radikalen Selbstentäußerung entstehen kann. Zurück bleibt eine gesteigerte Intensität, die das Publikum an das Werk bindet – und aneinander.
Dieser Film ist mehr als eine Einführung in eine Ausstellung. Er ist eine persönliche Reflexion darüber, warum Marina Abramović heute von Bedeutung ist: als Künstlerin, die Grenzen auslotet, als Spiegel der Gesellschaft und als Erinnerung daran, was es heißt, wirklich anwesend zu sein.
https://www.albertina.atDas könnte Sie auch interessieren
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