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WILHELM SCHERUEBL. Transformieren

19. August 2009

Es haben sich gewichtige Gründe dafür gezeigt, so der deutsche Philosoph Peter Sloterdijk, dass es für Menschen weit weniger wichtig sei, zu wissen, wer sie sind, als wo sie sind. Die hartnäckige Ignoranz gegen den Ort des Existierens sei eine der Ursachen für das, was die neuere Philosophie die Seinsvergessenheit genannt hat.

Die Erkundigung nach dem Wo und die spezifische Verortung seiner Person und seiner Werke stellen zentrale Aspekte in Wilhelm Scherübls Arbeit dar. Sein Schaffen realisiert sich in Auseinandersetzung mit seinen Lebens- und Aufenthaltsorten, unter Einbindung der jeweiligen Gegebenheit dieser Orte und der Ressourcen, die er dort vorfindet.

Wilhelm Scherübl lebt am Land, im Oberen Ennstal, er malt viel im Freien, verwendet für seine Installationen Bäume, Pflanzen, und spielt bei seinen Lichtinstallationen mit Spiegelungen natürlicher Wasserflächen. Seine Arbeiten sind Reflexionen über die Natur und der Versuch, Erkenntnisse über künstlerische und natürliche Entstehungsprozesse zu erlangen, über die Komplexität des Organismus Erde und unsere eigene Endlichkeit.

Der Künstler ist hier Initiator, er setzt einen Prozess in Gang, für den er Rahmenbedingungen formuliert, der sich im weiteren Verlauf jedoch weitgehend seiner Kontrolle entzieht. Die Ausführung wird der Natur überlassen, dem Wachstum, Licht, Kälte, Wind: Durch Gefrieren der Farbe im Freien entstehen die so genannten Minusaquarelle, Momente der Vollendung seiner Lichtinstallationen am Wasser stellen sich nur dann ein, wenn die Oberfläche glatt und nicht von Wind aufgeraut ist, Pflanzeninstallationen unterliegen dem natürlichen Kreislauf von Wachsen, Blühen und Verwelken.

Umgekehrt verweisen Installationen, bei denen Pflanzen in künstliche bzw. Kunstkontexte transplantiert werden, wo sie auf lebenserhaltende Maßnahmen angewiesen sind, auf das Konzept von Natur als etwas, das durch Herstellung prinzipiell möglich ist, sowie auf den Versuch des Menschen, sich von natürlichen Prozessen abzukoppeln.

Einhergegangen ist die Beschäftigung mit der anonymen lebendigen Skulptur in ihrer permanenten Veränderung mit der Reflexion über das Unvollkommene, Vorübergehende, nicht Ausformulierte. Ursprünglich von der Bildhauerei kommend – Scherübl erhielt seine Ausbildung an der Akademie der Bildenden Künste und machte seinen Abschluss bei Bruno Gironcoli – verlagerte sich sein Interesse zunehmend von der Form auf die Transformation. Was eine Arbeit ausmacht ist die Gesamtheit des Prozesses, die physischen Energie, die in diesen hineinfließt, aber auch die Dinge, die wegfallen, Steinsplitter etwa, die Scherübl in neue Entstehungskreisläufe von Werken einbindet. Maßgeblich ist hier der Zeitaspekt: Transformationen entstehen in der Zeit, haben ihren Rhythmus. In einem scheinbaren Paradox heißt Zeit effizient nutzen bei Scherübel etwa langwierige Techniken einzusetzen, mit Kugelschreiber oder Bleistift große Papierflächen zu füllen oder Fensterscheiben mit vielen kleinen Pinselstrichen nach und nach zu verdunkeln. Was beim Betrachten dieser Arbeiten erfahrbar wird, ist die Zeit und die Energie, die etwas braucht, damit es werden kann.

Werden und Vergehen, künstliches und natürliches Licht sind auch die Thema, denen sich Wilhelm Scherübl in einer Installation widmet, die aktuell im Rahmen der Ausstellung „Natur - Die Schöpfung ist nicht vollendet“ im Stift Admont zu sehen ist. Der „Raum für künstlerische Intervention“ wurde vom Künstler mit einer auf den Strom "Enns" Bezug nehmenden Lichtinstallation gestaltet, deren verästelte Stromverkabelung für die Transformation von Energie steht. Bücher aus dem Bestand der Stiftsbibliothek zeigen Abbildungen von Sonnenblumen: Inbegriff dessen, was nach dem Licht strebt. „Ich bin lichtsüchtig“, sagt Wilhelm Scherübl. (Text: Sara Heigl)

Vom 13. Mai 2011 - 2. Juni 2011 zeigt CastYourArt im Rahmen der Ausstellung "schwaerze-schatten" Arbeiten des Künstlers. Eröffnung 13. Mai um 19.00 Uhr. Die Ausstellung läuft bis 2. Juni 2011. Ort: Gumpendorfer Straße 55, 1060 Wien



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